(„A Man for all Seasons“, directed by Fred Zinnemann, 1966)

Als Historienfan lieben Sie die Fernsehserie Die Tudors? Nun, dann ist Fred Zinnemanns mit sechs Oscars ausgezeichnete Theaterverfilmung über das Leben Thomas Mores mit Sicherheit nicht das Richtige für Sie. Wie auch die Tudors beschreibt Robert Bolts Vorlage die Zeit von Henry VIII. Es geht beiläufig um dessen Scheidung von Catherine und um die Heirat mit Anne Boleyn. Wie bekannt sein dürfte, leidet Henry (Robert Shaw) unter dem Dilemma, dass Catherine ihm keinen Sohn – sprich Thronfolger – gebären kann. Aus diesem Grund strebt Henry die Scheidung von Catherine an, mit dem Hintergrund Anne – die Königin der tausend Tage – heiraten zu können, welche gebärfreudiger zu sein scheint als Henrys jetzige Frau, mit der er geschlagen ist.

Um eine Annullierung der Ehe zu erreichen, muss der König einen Antrag beim Papst stellen, doch die Angelegenheit gestaltet sich komplizierter. Lordkanzler Wolsey (Orson Welles) bittet nämlich einen der angesehendsten Richter Englands, Thomas More (Paul Scofield) um Unterstützung, wenn es darum geht, Druck auf die Kirche auszuüben, sodass die Scheidung von Catherine und Henry erwirkt werden kann. More weigert sich jedoch, dem zuzustimmen. Als Wolsey stirbt, wird More zum Lordkanzler ernannt. Nicht viel später ernennt sich Henry selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche, da er in dieser Rolle seine Scheidungs- und Heiratspläne durchsetzen kann. Für More ist dies ein Grund, sein Amt als Lordkanzler abzulegen, sein Nachfolger wird Cromwell (Leo McKern). Die Missbilligung den Zuständen gegenüber bringt der ehemalige Lordkanzler mit Schweigen zum Ausdruck, wodurch er nicht nur Freunde und Weggefährten gegen sich aufbringt, sondern sich auch in eine missliche Situation bringt, da er sich dadurch weigert, den Treueid auf den König zu schwören. Das hat fatale Folgen…

Bester Hauptdarsteller, bester Film, beste Regie, bestes Kostümdesign, beste Kameraarbeit, bestes Drehbuch. So sah es die Academy of Motion Picture Arts and Sciences 1967 und überschüttete Zinnemanns Film mit Auszeichnungen. Warum aber wird dieser Historienfilm Anhänger der recht erfolgreichen „Tudor“ Serie nicht befriedigen können? Da der dem Film zugrunde liegende Stoff ein Theaterstück ist, ist dieser Streifen enorm dialoglastig. Es gibt keine reißerischen Szenen, keinen Sex, kein Blutvergießen, stattdessen ein scharfes, äußerst präzis gezeichnetes Porträt des Widerstandskämpfers Thomas More, welches einen tiefen Einblick in dessen Seelenleben gewährt. Soweit das der Rezensent beurteilen kann, hält sich Robert Bolt sehr stark an die historische Vorlage, ohne Szenen hinzuzufügen, nur um das Publikum im Kino bei Laune halten zu können.

Nach heutigen Maßstäben muss demnach konstatiert werden, dass Ein Mann zu jeder Jahreszeit viel Geduld erfordert und einen hohen Anspruch besitzt. Grundsätzlich ist es eine Ein-Mann-Show, die einem hier in 120 Minuten präsentiert wird, denn auf Thomas More liegt der Schwerpunkt. Sein Handeln wird beleuchtet, sein Streben und sein Glaube, sein Ideal und seine Opferbereitschaft sind Thema, man kann schmerzhaft beobachten, wie der Lordkanzler all seine Freunde verliert, weil diese nicht länger bereit sind, dessen Verfolgung seiner Überzeugung zu verstehen und mitzutragen. Ein Grund, warum das verfilmte Theaterstück eine fast hypnotische Wirkung auf den Zuschauer hat und eine ungeheure Intensität entwickelt, ist die Leistung der Schauspieler.

Paul Scofield spielt hier die Rolle seines Lebens, liefert mit der Darstellung Thomas Mores eine der besten schauspielerischen Leistungen der Filmgeschichte ab, sodass man zu jedem Zeitpunkt bereit ist, ihm seine Rolle abzunehmen – man hängt an seinen Lippen und ist gebannt von der Aura, die er entfaltet, als wäre er der idealistische Gläubige in Person. Auch die anderen Akteure geben ihr Bestes, besonders erwähnenswert sind hier natürlich Orson Welles (in den zwei kurzen Szenen, die er hat) und Leo McKern als sadistischer Cromwell, dem Gegenspieler Mores.

Nicht nur die Schauspieler, Bauten und Kostüme sind hier erwähnenswert, es sind auch die zeitgemäßen, auf die Charaktere zugeschneiderten Dialoge, die Arbeit des Kameramanns Ted Moore – offensichtliche Schönheiten wie zu Beginn das Abendrot über den Gewässern mit tief fliegenden Vögeln über dem Schilf sind nur die augenfälligsten Beispiele. Natürlich sollte man ein Interesse an dem historischen Stoff mitbringen, um an dem fordernden Film Gefallen zu finden, doch wer sich darauf einlässt wird mit einem der besten Historienfilme der Kinogeschichte belohnt. Paul Scofield allein ist ein Grund, sich dieses Werk anzusehen.



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Ein Mann zu jeder Jahreszeit
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