(„Laura“, Otto Preminger, 1944)

Otto Premingers legendärer Film Laura besitzt viele Elemente, die dieses Werk zum unvergänglichen Klassiker der Filmgeschichte gemacht haben. Zunächst die unvergleichlich originelle, komplexe und morbide Handlung von der vermeintlichen Ermordung Lauras (Gene Tierney), die Polizist McPherson (Dana Andrews) aufzuklären versucht und damit all die verschrobenen, eigenartigen und skurrilen Charaktere kennen lernt, mit denen Laura sich umgeben hat. Angefangen beim arroganten, zynischen Kritiker Waldo Lydecker (Clifton Webb) bis hin zu Lauras bankrottem Verlobten (Vincent Price), der von Lauras Tante begehrt wird.

Während McPherson immer mehr von diesem Strudel der Ereignisse und der Atmosphäre gefangen genommen wird, entwickelt er eine Obsession zu der toten Laura, nur um feststellen zu müssen, dass Laura eines Abends lebendig vor ihm steht. McPherson hat es nun mit einer lebenden Leiche zu tun, in die er sich unsterblich verliebt hat und mit einem Mob von Bekannten Lauras, die nicht von ihr lassen können. Die Frage, die nun gestellt werden muss ist, wer die Tote in Lauras Wohnung nun letztlich war, warum sie tot ist und vor allem: wer ihr Mörder war.

Abgesehen von der Handlung ist die Erzählweise des Films bemerkenswert, denn der Zuschauer sieht sich von Anfang an hineinkatapultiert in die Ermittlungen McPhersons zum Tod Lauras. Man erfährt erst langsam, nach und nach, wer Laura war, wie und wann sie umgebracht wurde und wer zu den Verdächtigen gehört. Man wird mit Hilfe von Rückblenden in der ersten Hälfte des Films mit der faszinierenden Person Lauras bekannt gemacht, man verfolgt Lauras Werdegang und wird davon unterrichtet, wie sie all die Charaktere kennen lernte, die in diesem Film eine so wichtige Rolle spielen. Ein weiteres Faktum, was dieses Werk auszeichnet, ist nicht nur, dass es ein außergewöhnlich düsterer Film-Noir ist über die Besessenheit eines Polizisten zu einer Todgeglaubten (wie etwa auch bei Hitchcocks Vertigo), sondern dass dieser Film nach der Hälfte seiner Laufzeit auseinander bricht wie ein Kartenhaus und sich all die vielseitigen Facetten dieses Falles oder auch dieses Filmes vor den Augen der Zuschauer entfalten.

Der Film-Noir wandelt sich zu einer unheimlichen Liebesgeschichte, über Besitzansprüche zu einer Person. Es wandelt sich zu einem Drama der Person Lauras, die sich von drei Männern gleichzeitig begehrt sieht, was sie oberflächlich nicht zu beunruhigen scheint, doch die Tatsache, dass sie nicht weiß, wer der Mörder des Menschen ist, der in ihrer Wohnung erschossen wurde, verleiht dem Ganzen eine unglaubliche Spannung, die man Laura in jeder Sekunde vom Gesicht ablesen kann. Dieses attraktive Objekt der Begierde weiß nicht, wem es trauen kann – es gibt keine reinen Helden in diesem Film von Preminger; entweder sind die Personen aufgrund ihres Verhaltens unsympathisch oder abgestempelt wie etwa Waldo Lydecker oder aufgrund ihrer Undurchsichtigkeit, da man ihnen nie das abnimmt, was sie sagen, wie etwa bei Lauras Verlobtem Shelby.

Dies ist bei Weitem nicht alles, was den Film so vielseitig, interessant und faszinierend macht. Er sprüht vor bösem Witz, meist abgegeben durch zynische und sardonische Kommentare Waldo Lydeckers – etwas, das man bei einem derartigen Sujet nicht gewohnt ist und auch nicht erwartet, was aus dem Film Premingers aber eine unglaublich farbige Mischung aus Thriller mit komödiantischen Elementen, Charakterstudien und Liebesgeschichte macht mit einer unglaublichen Anzahl von erinnerungswürdigen Zitaten, deren Spitzfindigkeit in dieser Menge selten wieder erreicht wurde. Der Charakter des Kritikers Waldo Lydecker ist wohl eine der interessantesten Schöpfungen in der gesamten Filmgeschichte, dargestellt von einem brillant aufspielenden Clifton Webb. Lydecker ist nicht nur ein Mann voller Stil aus der Oberschicht, der in seiner römischen, marmornen Badewanne sitzt und nebenbei auf seiner Schreibmaschine Kolumnen verfasst, er ist unglaublich eitel und erniedrigt alle Personen, die seiner nicht würdig sind.

Seine Beziehung zu Laura ist – und das ist vielleicht im Film nicht sofort augenfällig – eine völlig andere als die zwischen den anderen Männern und Laura. Eine Homosexualität Lydeckers wird im Film mehrmals leicht angedeutet, eine geschnittene Szene zeigt Lydecker, wie er Laura bei der Wahl ihrer Kleider und ihrer Frisur berät, sie kochen zusammen, treffen sich abends in seiner Wohnung um zu essen oder zu philosophieren und Lydecker verleugnet seine Eifersucht nicht, wenn Laura sich etwa mit Shelby trifft. Der exzentrische Kritiker will seine Laura, seine Schöpfung, alleine für sich besitzen und aus dieser schwierigen Beziehung entfaltet sich eine hochinteressante Charakterstudie.

Für die Kameraführung wurde dieser Film-Noir mit dem Oscar ausgezeichnet und in der Tat war dieser Film bzgl. der Kameraeinstellungen seiner Zeit weit voraus. Preminger verwendet nicht nur zahlreiche Reißschwenks, die es 1944 kaum gegeben hatte, er ist zudem völlig objektiv und die Kamera verrät nie die Gefühle der einzelnen Personen, denn sie bleibt stets auf Distanz. Nie wird reißerisch auf das Gesicht einer Person geschwenkt, wenn der Gesprächspartner etwas gesagt hat, um herauszufinden, wie der Angesprochene sich fühlt. Die Kamera friert ein, bleibt bei der Gesamtaufnahme und der Zuschauer muss selber herausfinden, was im Inneren einer bestimmten Person in diesem Moment vorgeht. Der Film ist – 70 Jahre nach seiner Uraufführung – zeitlos geblieben.

Bis heute hat er nichts von seiner Aktualität eingebüßt und man könnte ihn nahezu 1:1 neu verfilmen und in der gleichen Weise ins Kino bringen, ohne große Aktualisierungen vornehmen zu müssen. Vielleicht hat es deshalb bislang noch kein Remake dieses Klassikers gegeben, denn all das, was Preminger in diesem Film verwendet oder angedeutet hat, war damals für die Filmgeschichte zukunftsweisend und leidet zu keiner Zeit unter den Problemen, mit denen andere Werke aus dem Golden Age Hollywoods zu kämpfen haben, wie etwa überbordendem Kitsch, altmodischer Ausdrucksweise oder Charaktere, die sich unzeitgemäß verhalten.

Laura ist spannend, stilsicher, humorvoll und erotisch und einflussreich. Ein faszinierendes Porträt verschiedener Charaktere mit zahlreichen großartigen Zitaten, hervorragenden schauspielerischen Leistungen, einer unglaublich einfallsreichen Handlung, vielen denkwürdigen Kameraeinstellungen und voller überraschender Wendungen.

Laura
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