(„X-Men Origins: Wolverine“ directed by Gavin Hood, 2009)

X-Men Origins: WolverineNach langem hin und her habe ich nun doch einen Blick gewagt. Ich hatte eigentlich im Vorfeld und nach dem ersten Trailer bereits fieberhaft darauf gewartet, dass einer meiner Lieblingsfiguren aus dem Marvel-Universe seinen eigene Film bekommt, aber nachdem ich die ersten Eindrücke gelesen hatte war meine Stimmung relativ getrübt. Die X-Men wurden relativ erfolgreich im Jahre 2000 durch Bryan Singer für die großen Leinwand adaptiert und auch das Sequel konnte überzeugen. Der vorerst letzte Teil  kam dann 2006 von Brett Ratner, der im Vergleich einen recht bescheidenen Streifen ablieferte. Das Spin-Off zu Woverine war schon damals in Planung und da mir Tsotsi von Regisseur Gavin Hood ziemlich imponierte, hatte ich zu X-Men Origins – Wolverine: Wie alles begann wieder etwas höhere Erwartungen.

Angenommen ich würde nicht die Vorlage kennen und somit nie die wunderbare Origin-Serie von Paul Jenkins und Adam Kubert gelesen haben, dann würde ich diesen Film wohl als akzeptablen Actioner bewerten. So allerdings muss ich fast bedingungslos den Kollegen Flo Lieb recht geben und seine Kritik nochmals unterstreichen. Fast übrigens nur deshalb, da ich Comic-Adaptionen durchaus als eine Alternative zur Vorlage in Papier sehe. Der jeweilige Filmemacher sollte durchaus seinen Freiraum bekommen, so ähnlich wie zum Beispiel in der Comic-Welt die Idee multipler Universen existiert oder es das Ultimate-Universe gibt. Die Verstümmelung von Wade Wilson aka Deadpool (Ryan Reynolds) schmerzte mein Fan-Herzen allerdings zu sehr, als dass ich hierzu noch irgendwelche Euphemismen finden könnte.

Es war bestimmt keine leichte Aufgabe in nicht mal 110 Minuten die gesamte Geschichte von Wolverine reinzupacken aber dennoch überfliegt mir Hood da einfach zu viel. Sobald eine interessante Thematik angesprochen wird kommt bereits die nächste neue Figur daher die das Publikum noch nicht kennt. So manches geht einfach zu schnell, gerade für jene, die die Comics nicht kennen dürfte es schwierig sein Schritt zu halten. Nachdem man zu Beginn mit einer viel zu kurz geratenen Eingangssequenz erfährt, dass Victor Creed (Liev Schreiber) eigentlich Wolverines (Hugh Jackman) Bruder ist, bekommt man eine sehr cool inszenierte Credit-Sequenz serviert bei der man die beiden Brüder erlebt wie sie sich durch sämtliche große Kriege der Menschheit kämpfen. Das war es dann aber auch schon wieder, denn fortan wird überhaupt nicht mehr auf Wolverines Wurzeln zurückgegriffen. Fest steht nur, dass der Tod seines Vaters in ihm etwas weckte das plötzlich drei knochige Krallen aus seinen Knöcheln wachsen ließ. Warum dies so ist und warum Victor ähnliche, tierische Eigenschaften aufweist bleibt zunächst einfach unbekannt.

Die eigentliche Story beginnt dann damit, dass die beiden Brüder wegen Victors Kriegsverbrechen in Vietnam erschossen werden sollen. Da die beiden, wie das Intro ja schon ankündigte, quasi unsterblich sind und von jeglichen Wunden sofort wieder heilen, stellen auch die paar Gewehrschüsse keine große Gefahr dar. Im Anschluss werden die Brüder von William Stryker (Danny Huston) rekrutiert und sollen in einem mysteriösen Programm mitwirken das von höchster Staatsebene genehmigt wurde. Im Prinzip geht es dabei darum Mutanten, also ihre eigenen Artgenossen, zu eliminieren mit der Begründung es diene zur Sicherheit und zum Wohle der Menscheit. In diesem Programm treffen sie auf vielerlei Individuen die ihre Mitsreiter werden sollen. So bekommt der Zuschauer den bereits genannten Wade Wilson, David North aka Agent Zero (Daniel Henney), John Wraith (Will i Am), Fred Dukes (Kevin Durand) und Chris Bradley (Dominic Monaghan) erstmals zu Gesicht. Auch hier gilt: weniger wäre mehr gewesen.

Zu viel wird da dem Zuschauer in kürzester Zeit präsentiert. Kein, aber auch wiklich kein Charakter, schafft es ein wenig Profil zu bekommen, ganz einfach weil die Zeit nie und nimmer ausreicht. Schnell geht es im Plot weiter, denn die Screentime dieser Söldnergruppe ist schon wieder vorbei und wir treffen nun nur noch auf Logan/Wolverine, der irgendwo im Norden als Holzfäller arbeitet und anscheinend seine große Liebe in Kayla (Lynn Collins) gefunden hat. Als jemand Logans ehemalige Teammitglieder systematisch tötet und ihm William Stryker einen Besuch abstattet, beginnt die Action wieder von vorne.

Ich will erst gar nicht viel Worte über das weitere Geschehen verlieren, denn das kann sich jeder selbst ausmalen. Trotz eines Hugh Jackman, der wie für die Rolle geboren scheint, ist dieses Spin-Off leider nur unterste Schublade für mich. Man hat einfach jede Sekunde den Eindruck die Crew wollte möglichst viel reinpacken und zig neue Sachen im Mutanten-Franchise einführen. Dies führt schlussendlich dazu, dass Kenner sich über die Oberflächlichkeit ärgern und Neuankömmlinge womöglich sofort verirren oder überfordert sind. Spätestens als mit aller Kraft versucht wird Cyclops (Tim Pocock) und Emma Frost (Tahyna Tozzi) irgendwie ins Geschehen einzubeziehen ging mit der Film ziemlich auf den Wecker. Remy LeBeau aka Gambit (Taylor Kitsch) wird übrigens auch den Kinobesuchern präsentiert, doch auch er konnte mich nicht vom Hocker hauen.

Was bleibt ist leider ein sehr bitterer Nachgeschmack und die Hoffnung, dass die nächste Marvel-Adaption qualitativ besser sein wird. Das X-Men-Universum ist einfach zu groß und es ist unmöglich 50 Jahre Comic-Geschichte in vier Spiefilmen vollständig wiederzugeben, das sollte jedem klar sein. Anstatt zu versuchen mit Masse zu beeindrucken wäre es vielleicht besser gewesen die Story nur um Wolverine zu basteln und maximal drei bis vier Nebendarsteller auftreten zu lassen und deren Figuren ordentlich auszuarbeiten. Wenn schon die Comics als Vorlage dienen sollen, dann würde ich den zukünftigen Drehbuchautoren empfehlen auch diese zu lesen. Ziel soll es ja sein die Superhelden für die breite Masse attraktiv zu machen und nicht diese mit langweiligen Filmen zu ermüden.



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X-Men Origins – Wolverine: Wie alles begann
4 (80%) 4 Artikel bewerten

X-Men Origins - Wolverine: Wie alles begann
Zu hektisch und zu viele Figuren machen dieses Spin-off aus dem X-Men-Franchise leider zu einem unterdurchschnittlichen Film
4von 10

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10 Responses

  1. Parker

    Schade, dann werde ich ihn mir wohl nicht ansehn.

    Ein Comicfan in meinem Umfeld meinte mal, dass sich die meisten Verfilmungen nur in Amerika rechnen würden, sollten sie wirklich auf Leinwand kommen. Z.B. Captain America würde in Europa niemand interessieren, obwohl er ein wichtiger Charrater im Marvel-Universum ist.

    Ich fand es bei Watchmen schon sehr anstrengend, dass so viel in den Plot reingepackt wurde, aber die meisten meiner Bekannten hatten eher nur negative Kritik. Auch die Anzahl der Zuseher im Saal und das Gemurre aus den Reihen haben das bestätigt.

    Ich glaube, dass Wolverine schon ein Charrakter ist der begeistert. Es ist aber nicht leicht, – vor allem in Europa – die Massen für eine komplexe Story zu begeistern. Zu viele Actionszenen machen den Film aber meiner Meinung nach auch kaputt.

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  2. Candide

    Da ist sicherlich was dran (vor allem was Cap America angeht) allerdings kann ich mir nicht vorstellen dass so mediokre Verfilmungen wie X-Men – oder um es noch weiter auf die Spitze zu treiben „Elektra“ – den US-Comicfans gefallen werden.

    So mag ich übrigens Deadpool am liebsten (erst heute hat mir jemand dieses geniale Stück zugeschickt):

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  3. Inspector Santini

    Deadpool gehört grob zur X-Family und hat , ähnlich wie Wolvie, die Fähigkeit zur Selbstregeneration . Diese Fähigkeit ist bei Deadpool aber noch viel ausgeprägter . z.B Ein abgeschlagener Arm wächst bei Deadpool innerhalb kurzer Zeit wieder nach. Gifte haben auf Deadpool keine Wirkung und er ist nahezu resistent gegen jede Krankheit…der Typ ist praktisch unzerstörbar, dazu kommen übermenschliche Stärke, Reflexe und Ausdauer. Als wäre das noch nicht genug ist Deapool auch ein Meister-Schütze, Meister-Schwertkämpfer und ein Experte in jeglichen Kampfkünsten. Deadpool ist einer dieser typischen 90er Anti-Heros und für seinen Humor berühmt,..Ach ja sein Gesicht sieht ziemlich übel aus.

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  4. Candide

    Sehr schöne Erklärung Inspector würde ich so unterschreiben. Allerdings ist noch hinzuzufügen dass er in den letzten Jahren ziemlich untergegangen ist. Ich hoffe die neue Series von Daniel Way kann überzeugen (ich hörte jedenfalls gutes)

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