(„Europa“ directed by Lars von Trier, 1991)

Der dritte und damit also letzte Teil der Europa-Trilogie (The Element of Crime, Epidemic) von Regisseur Lars von Trier. In meinen Augen stellt Europa nicht nur einen würdigen Schluss dar sondern ist zugleich der gelungenste Film. Dies mag daran liegen dass er verglichen mit den beiden Vorgängern etwas verständlicher, linearer und herkömmlicher gedreht wurde. Ich würde allerdings nicht soweit gehen und ihn als den Besten der drei bezeichnen.

Das Hauptaugenmerk lag hier eindeutig auf den technischen Feinheiten. Von Trier spielte hier mit verschiedenen Ebenen oder besser gesagt Layern. Da kommen beispielsweise gleichzeitig Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor, (zu Erinnerung: wie befinden uns 14 Jahre vor Sin City) das Bild erweckt aber den Eindruck als sei es in sich homogen und im selben Moment aufgenommen. In Wirklichkeit jedoch besteht das Ganze aus zig verschiedenen Aufnahmen (oft sind es sogar mehr als zwei Layer) die im Studio im Nachhinein zusammengefügt wurden. Dies erforderte präzises Arbeiten und brachte ein in seinem Umfang bis dato noch nie gesehenes Storyboard ans Licht.

Aber gehen wir zum eigentlichen Geschehen über. Auch dieses Mal finden wir einen jungen Idealisten, Leo Kessler (Jean-Marc Barr), wieder. Wir befinden uns in Deutschland der Nachkriegszeit. Leo Kessler, der eigentlich US-Bürger ist, reist ins Land seiner Vorfahren um dort einen Dienst als Schlafwagenschaffner anzutreten. Ich bezeichnete ihn vorhin unter anderem deshalb als Idealisten weil er davon besessen ist ein vom Krieg zerstörtes und von den Siegermächten ausgebeutetes Land zu helfen.

In Deutschland angekommen trifft er auf seinen Onkel (Ernst-Hugo Järegård) der selbst Schlafwagenschaffner ist und seinen Neffen in die Geheimnisse und Tricks des Jobs einführen soll. Gemeinsam begehen sie also ihre Reise und treffen sogleich auf Katharina Hartmann (Barbara Sukowa) in die sich Leo relativ schnell verliebt. Sie ist die Tochter von Max Hartmann (Jørgen Reenberg), Inhaber der Transportfirma Zentropa (Anmerkung: Zentropa wird später die Firma heißen die Lars von Trier mit Peter Aalbæk Jensen gründen wird) und somit auch der Boss von Leo. Sehr bald wird er eingeladen das zerbombte Anwesen der Hartmanns zu besuchen und trifft dort unter anderem auf Katharinas Bruder Lawrence (Udo Kier) und dem US-Colonel Harris (Eddie Constantine). Letzterer scheint ein guter Freund der Familie zu sein doch unter vier Augen gesteht er Leo, eben einem Landsmann, dass er eigentlich hinter den Werwölfen, deutschen Partisanen, her ist. Zwar hätte Nazi-Deutschland den Krieg verloren doch diese Untergrundkämpfer sorgen immer noch für Chaos und für Verluste bei den Besatzungsmächten. Leo soll also quasi als Spion fungieren, doch der junge Mann will davon nichts wissen. Er findet es erschreckend dass deutsche Unternehmen und Einrichtungen unter dem Vorwand des Krieges zerstört wurden, materielle und geistige Eigentümer allerdings enteignet und erfolgreich ins Ausland „exportiert“ wurden. Als Leo schließlich aufgrund seiner deutschen Herkunft von Seiten der Werwölfe umworben wird beginnt für ihn ein Spiel mit dem Feuer…

Es macht wenig Sinn die 112 Minunten Laufzeit in ihrer Gänze zu resümieren. Zu viel sind die Informationen die der Zuschauer verabreicht bekommt, zu viele Details erscheinen wichtig aber zugleich wie Lappalien. Es gilt also wie immer selbst anschauen und sich ein Bild machen. Bevor ich fortfahre möchte ich noch eines klären: Es wird hier nie versucht die Verbrechen und Schandtaten des zerschlagenen deutschen Großreichs zu relativieren. Ganz im Gegenteil, spielt doch der Holocoust eine fundamentale Rolle in Europa.

Die Performance von Jean-Marc Barr fand ich superb auch wenn es in den Interviews heißt dass von Trier kein Schauspiel sondern Natürlichkeit von seiner Crew wollte. Dies merkt man am ehesten bei Kier der sehr steif wirkt und bei Sukowa die äußerst gefühllos erscheint.
Wie in den anderen beiden Teilen ist wieder Hypnose ein ganz zentrales Thema. Diesmal geht es sogar soweit, dass der Zuschauer zu Beginn des Filmes selbst in eine Art Trance Zustand versetzt wird. Begleitet von der Stimme von Max von Sydow und von einer nicht enden wollenden Aufnahme vorbeiziehender Eisenbahnschienen, betritt man gemeinsam mit dem Hauptdarsteller Europa.

Abschließend möchte ich nochmals die liebevoll zusammengestellte DVD-Box vom Label Legend/Universum loben. Die vielen enthaltenen Extras beleuchten sehr gut die Vorgehensweise und Ideen des dänischen Regisseurs, die Sets und die verwendeten Techniken. Am interessantesten fand ich allerdings die Anekdoten zur Trilogie und ein fast 45 minütiges Interview mit von Trier das der Journalist und Filmkritiker Bo Green Jensen im Jahre 2005 gedreht hat.
Eine Trilogie die vielleicht nicht leicht verdaulich ist aber einen Meilenstein des europäischen Kinos darstellt und auf jeden Fall einen Ehrenplatz in meiner Sammlung verdient.

Europa
4.3 (86%) 10 Artikel bewerten

Europa
8von 10

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2 Responses

  1. Parker

    Grade wieder gesehn. Ich finde das Ende tolpatschiger als bei Dogville aber nachvollziehbarer als der eher brutal abgehackte Schluss bei Element of Crime.

    Was mir sonst noch aufgefallen ist: Von Trier spielt bei Europa sehr mit dem Faktor Zeit: So lässt er die erste Liebesszene (die auf der Modeleisenbahn) parallel zum Suizid des Alten ablaufen und stellt somit einen Zusammenhang in den Raum. Zeitraffer und dann wieder langatmige Szenen wechseln sich auch ständig ab. Das macht es fast unmöglich sich gefühlsmäßig auf den Plot einzustellen.

    Die Hypnose funktioniert gut (wenn man sich drauf einlässt und nicht einpennt ;-0) und der lägendäre Schlußsatz ist das I-Tüpfelchen.

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