(„In Bruges“ directed by Martin McDonagh, 2008)

Brügge sehen...und Sterben?Wieder kommt meine Rezension recht spät, aber diesen tollen Film von Martin McDonagh konnte ich einfach nicht unkommentiert lassen. Eigentlich hätte der Film bei mir keine Chance gehabt, wären da nicht diverse Tipps zu mir durchgedrungen.
Zwei britische Profikiller, Ray (Colin Farrell) und Ken (Brenand Gleeson) müssen nach einem gefährlichen Job untertauchen. Ihr Boss Harry Waters (Ralph Fiennes) schickt sie also nach Brügge. In dieser äußerst malerischen, belgischen Stadt sollen sich die beiden erstmal ruhig verhalten und das Ambiente genießen.
Dem kultivierten Ken kommt dies gelegen, er geniesst die mittelalterliche Stadt in vollen Zügen lässt keinen Touristentrampelpfad aus und unternimmt sogar eine Bootsfahrt. Ray kann sich hingegen nichts Langweiligeres vorstellen als eine Bildungsurlaub in einer europäischen Altstadt, doch dann läuft er der hübschen Blondine Chloë (Clémence Poésy) über dem Weg. Die beiden Briten sind mit ihrem Zwangsurlaub schlussendlich also doch noch zufrieden, sogar so zufrieden dass sie glatt vergessen, dass sie abends im Hotel sein müssen falls dort Harry anrufen sollte.
Als sie den ersten Anruf von ihm verpassen, lässt er ihnen eine schriftliche Nachricht zukommen in der er mit äußerst vulgären Ausdrücken klarmacht, dass sie von nun an gefälligst telefonisch anzutreffen sein sollen. Dummerweise hat Ray genau an diesem Abend sein erstes Date mit Chloë und vereinbart deshalb mit Ken, dass er ihn deckt wenn Harry nach ihm fragen sollte.
Als es dann schließlich soweit ist, könnte die Überraschung nicht größer sein: dem Gangsterboss aus England kommt Rays Abwesenheit mehr als gelegen, denn das Ziel ihres Auslandsaufenthalts ist dessen Tod, den Ken herbeiführen soll. In jüngster Vergangenheit hatte Ray bei einem seiner Jobs nämlich aus versehen ein Kind erschossen. Diese Bürde kann sein Chef nicht weiterhin tragen und deshalb muss er verschwinden, quasi eine Frage der Ehre.
Er erklärt Ken am Telefon dass es dringend notwendig sei und dass der Aufenthalt im wunderbaren Brügge sozusagen ein Abschiedsgeschenk an den jungen Ray darstellt. Harry war slebst als er noch klein war einmal in Belgien und ganz besonders Brügge hatte ihn damals tief beeindruckt.
Ken der seinen Kollegen lieb gewonnen hat will anfangs nicht seinen Ohren trauen doch er möchte auch nicht seinen Boss enttäuschen dem er viel zu verdanken hat. Als er also am nächsten Tag Ray in einen Park verfolgt und ihn von hinten abknallen will, kommt dieser ihm fast zu vor: Ray steckt sich einen Revolver in den Mund und versucht Selbstmord zu begehen doch Ken erschreckt ihn zu sehr als dass er noch abdrücken könnte.
Es folgt ein Mann zu Mann Gespräch in dem die Karten auf den Tisch gelegt werden. Ken gibt zu was der wahre Grund für ihren Brügge-Trip ist und Ray erklärt, dass ihm nichts lieber als der Tod wäre, da er seit dem Unfall mit dem toten Jungen ständig von Alpträumen verfolgt wird. Am Ende finden die beiden aber doch dass es das Beste wäre wenn Ray aus Brügge abhauen und sich irgendwo in Europa verstecken würde. Daraufhin ruft Ken nochmals Harry Waters zurück und erklärt ihm wie die Situation in Belgien nun aussieht.
Total aufgebracht und erzürnt von Kens Untreue macht sich der große Mafiaboss selbst nach Brügge auf wo er seine beiden abtrünnigen Soldaten eigenhändig zur Strecke bringen will…
Mir fällt einmal mehr auf, dass es nicht immer leicht ist einen Film in seine Gänze und gleichzeitig adäquat wiederzugeben. Völlig von mir ausgeblendet wurde beispielsweise die Tatsache dass der Film mit sehr viel Witz und schwarzen Humor aufwartet. Der Plot gibt wesentlich mehr her als meine Zusammenfassung glauben macht und die Story ist auch verstrickter als nun manch einer vermuten wird.
Die Performance der einzelnen Schauspieler fand ich eigentlich vollkommen in Ordnung. Im Gegensatz zu einigen geläufigen Meinungen finde ich Colin Farrell doch ziemlich solide. Die knapp 105 Minuten Laufzeit vergehen wie im Fluge und man bekommt selbst mächtig Lust auf Brügge und seiner tollen Kulisse.
Der Streifen ist einer der positiven Überraschungen dieses Jahres und sollte unbedingt gesichtet werden, es lohnt sich auf jeden Fall.

Brügge sehen…und sterben?
4.11 (82.22%) 9 Artikel bewerten

Über den Autor

Ehemaliger Autor

9 Responses

  1. movie-struck

    Ralph Fiennes spielt aber auch immer fiese Rollen (Schindler’s Liste als Amon Göth) 😀 ob er was anderes kann?
    Der Film ist… überraschend, witzig und tragisch gleichermaßen. Gar nicht mal so übel!

    Antworten
  2. parker

    Ich finde den Film gut, aber mit Snatch oder Pulp Fiction (mit denen er verglichen wird) hat er nichts zu tun. Dafür ist die Story dann doch zu unspaktakulär und geradlinig. Ich fand zwar, dass der Film eine bizarre, beklemmende Aura erzeugt hat, aber der Witz ging dann doch all zu oft verloren. Die Szene die meiner Meinung nach alle anderen übertrifft ist die im Park, als Ray sich umbringen will. Hier ist Colin Farrell auch in einer „typischen“ Rolle in der er voll aufgehn kann (finde seine Schauspielerei allerings oft zu stereotyp und langweilig).

    Antworten
  3. Ijon Tichy

    Ein sehenswerter Film. Mehr aber auch nicht.
    Positv ist die Gesamtästhetik aufgefallen. V.a. Musik, Kamera und Licht waren hervorragend.
    Ich mag aber Farrell überhaupt nicht. Seine Hundeblick-Nummer nehm ich ihm nicht nur nicht ab, sondern find sie auch nervig.
    Der Humor waren richtig konservativ und nicht gerade prickelnd neu.
    Gute Idee eine Stadt zu einem „Protagonisten“ zu machen. Ist allerdings auch nicht neu. Allen und Jarmusch machen z.B. New York ständig zu einem Hauptgegenstand in ihren Filmen.

    Antworten
  4. Mortis

    Einer meiner absoluten Lieblingsfilme, die Dialoge sind göttlich, die vielen Detailreichen Charactäre zum totlachen und der Spannungsaufbau und die Dramatik richtung Ende einfach packend.
    Die viele Bezüge zu Himmel/Hölle und Gut/Böse bzw. das Leben und den Abschluss auf Erden sind großartig und lassen viele interessante Interpretationen zu.
    Colling Farrell spielt seine Rolle übrigens absolut hervorragend.

    Antworten
  5. Candide

    Ich glaub wenn ich mir den nochmals ansehen würde, fiele mein Review schwächer aus.
    @Mortis: Kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern so viele Bezüge zu „Himmel und Hölle“ oder gar eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema „Gut vs. Böse“ gesehen zu haben. Welche Szenen meinst Du damit konkret?

    Antworten
  6. jeeves

    „Ray steckt sich einen Revolver in den Mund und versucht Selbstmord zu begehen““
    Stimmt nicht. Er hält sich die Pistole an die Schläfe.
    Das mit dem Mund kommt am Schluss des Films und das war dann aber nicht Ray.

    Antworten
  7. Lorenz Mutschlechner

    Danke für die Richtigstellung und danke auch für den Hinweis zum Schreibfehler was die Kategorie „Poliziesco“ angeht. Kommt wohl daher weil man die Mehrzahl (polizieschi) mit „h“ schreibt, hab ich jetzt aber korrigiert.
    Die Bezeichnung selbst kommt aus der italienischen Literatur, abgeleitet vom Wort polizia (=Polizei) und beschreibt ein Werk das Verbrechen und Kriminalermittlungen zum Thema hat und diese sehr genau wiedergibt. Im Prinzip also sehr ähnlich wie ein „giallo“ allerdings mehr auf die Behörden fokussiert.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort für movie-struck Antwort abbrechen

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.