Was die Filmwelt bewegt...

Fundstück #1

Kolumnen am 16 Juni, 2011 Keine Kommentare

Nachhilfe von John Cusack

Es ist eines dieser typischen Interviews mit Prominenten, die gerade einen Film herausgebracht haben – zumindest sollte es so eines werden. John Cusack sitzt vor einem schwarzen Hintergrund, rechts von ihm das Filmplakat zu „Grace is Gone“ aus dem Jahr 2007. Er langweilt sich ein wenig, man sieht es an seinem unmotivierten Gesichtsausdruck. Er hat diese ganze Fragerei von Reportern satt, am liebsten würde er jetzt nach Hause gehen und sich aufs Sofa legen, um seine müden Augen zu schonen. In diesem Moment betritt eine junge Blondine den kleinen Raum. „Nice to meet you.“, sagt sie und nimmt gegenüber von Cusack Platz. Dieser ist noch immer wenig begeistert. Für dieses Interview schwänze sie extra ihren Filmkurs in der Universität, sagt die Blondine, unabhängig davon, ob es ihr Gegenüber interessiert oder nicht. Tut es nicht. „Aha.“, erwidert dieser. Das sei lustig, plappert der Fanboy weiter, denn gerade heute würde ihre Klasse „American Beauty“ schauen und analysieren. Cusack schaut ein wenig verwirrt, jetzt scheint er langsam wach zu werden. „Was ist so lustig daran?“. „Na, sie spielen da mit.“ Das Video zu diesem misslungenen Interview bzw. dem Versuch zu einem Interview erfreut sich auf Youtube großer Beliebtheit, weil es zeigt, wie eine junge Studentin sich bis auf die Knochen blamiert. Man könnte nun zur Aufklärung sagen, dass John Cusack keinesfalls in „American Beauty“ mitspielt, sondern sein Kollege Kevin Spacey. Das „könnte“ man sagen, wenn man es müsste. Muss man hier natürlich nicht. Das weiß ja schließlich jeder.

„Nein.“, beteuert Cusack. „Sind sie sicher?“ „Ja!“ „Kein Witz?“ „Ich schwöre zu Gott!“ „Oh mein Gott…“. Nachdem der Hollywoodstar dreimal beschworen hat, dass er in diesem modernen Klassiker nicht mitspielt, knickt die Studentin endlich ein – und wirft für den Zuschauer viele Fragen auf. Man könnte fragen, ob sie „American Beauty“ überhaupt schon einmal gesehen hat. Wenn ja, wie sie auf die Idee kommt, John Cusack spiele dort mit. Man könnte fragen, weshalb sie sich für dieses Interview gemeldet hat, wenn sie sich mit der Karriere ihres Gesprächspartners gar nicht auskennt. Man könnte all das fragen – aber eigentlich zählt nur die Antwort zu einer ganz bestimmten Frage: Was zur Hölle ist los mit amerikanischen Universitäten? Ich bin mir nicht sicher, wie es dort mit dem Numerus Clausus gehandhabt wird, aber ist es nicht erstaunlich, dass junge Damen dort problemlos Zutritt haben, die nicht nur John Cusack und Kevin Spacey nicht auseinanderhalten können, noch sich vor einem Interview genügend über ihren Partner informieren? Außerdem wäre es durchaus von Interesse, zu erfahren, in welchem Semester sich die Blondine befand, als sie das Interview versemmelte, um feststellen zu können, wie schlecht ihre Universität wirklich ist und wie wenig sie auf den Ernst des Lebens vorbereitet wurde. John Cusack war nach diesem kurzen Gespräch jedenfalls wieder wach.

http://www.youtube.com/watch?v=yXF8Lhvjqa8

Tags:

DVD

Filme, die nicht existieren Teil 4

Kolumnen am 20 April, 2011 Keine Kommentare

The Other Side of the Wind” (1966 – 2011)

Es gibt Konzepte zu viel versprechenden Filmstoffen, die jedoch nie in ein Kinowerk umgesetzt wurden. Es gibt allerdings auch Filme, die aus den verschiedensten Gründen nie fertig gestellt wurden oder gar Werke, die zwar komplett gedreht, anschließend aber sofort zerstört wurden, ohne dass je ein Zuschauer diesen Film gesehen hat. Dieser Teil der neuen Serie „Filme, die nicht existieren“ dreht sich um „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles.

Bald ist es vielleicht soweit, dass „The Other Side of the Wind“ das Licht der Welt bzw. Kinos erblickt. 40 Jahre nach Dreh dieses Werks, das vom Regisseur unvollendet hinterlassen wurde. Von einem Regisseur, der für seine vielen Torsi, die er hinterließ, berüchtigt ist. Es handelt sich um „The Other Side of the Wind“ von Orson Welles, hochkarätig besetzt mit Filmemacher John Huston, Regisseur Peter Bogdanovich, Dennis Hopper, Claude Chabrol und Anderen. Es geht dabei um die letzten Stunden eines Regisseurs, eines „Bastards, der andere Menschen fängt, benutzt und zerstört. Es ist ein Film über uns“, erzählte Welles John Huston, der die Hauptrolle des Jake Hannaford übernehmen sollte, eine Rolle, die auf Orson Welles selber basiert, wie auch auf der des Schriftstellers Ernest Hemingway, der für seinen extravaganten Lebensstil bekannt war. In den letzten Jahren sorgte dieser unvollendete Film für immer mehr Gesprächsstoff, denn Peter Bogdanovich, einer der Darsteller, ist bereits seit etlichen Jahren damit beschäftigt, den damals zu 96% vollendeten Streifen in die Kinos zu bringen. 2010 sollte es soweit sein und „The Other Side of the Wind“ in Cannes Premiere feiern – doch die Premiere verzögerte sich aus rechtlichen Problemen, die sich angeblich nun ihrem Ende nähern, wie Bogdanovich beteuerte. All dies nach wohlgemerkt 45 Jahren, denn bereits 1966 begann Orson Welles das Drehbuch zu schreiben, welches er „The Sacred Beasts“ nannte.

Die Geschichte der „heiligen Biester“ unterscheidet sich jedoch ein wenig von dem, was letztendlich 1970 zu filmen begonnen wurde, da in erstgenanntem Stoff ein junger Stierkämpfer das Zentrum des Werks ist, der einen alternden Filmregisseur in scheinbar endloser Bewunderung durch Spanien folgt. In „The Other Side of the Wind“ schließlich dreht sich die Geschichte um den Filmregisseur, der gerade sein Comeback plant. Eines Tages verhindert er den Selbstmord eines jungen Mannes, der ihm nicht nur das Leben verdankt, sondern der außerdem die Hauptrolle in dem neuen Film des Regisseurs übernehmen soll, doch die Arbeiten an dem neuen Film der „fiktiven“ Figur gestalten sich schwierig, denn stets ist man umgeben von lästigen Journalisten, Fans und Möchtegern-Künstlers, die einen belagern. Die Dreharbeiten zu Welles‘ Film verlaufen ebenfalls etwas planlos – Welles dreht wann und wo er gerade will, wie es sein Budget gerade erlaubt, denn er ist sein eigener Produzent und hat sich 1971 auch noch nicht entschlossen, wer die Hauptrolle des Filmemachers übernehmen soll. Die Wahl muss zwischen ihm selber und John Huston entschieden werden. Das hat sich auch 1972 noch nicht geändert, als Welles die bis zu diesem Zeitpunkt gedrehten Aufnahmen, das sogenannte „Footage“ ohne Darsteller, editiert und zeitgleich an einem neuen Film zu arbeiten beginnt, aus dem später die berühmte Dokumentation „F for Fake“ werden soll und die wiederum in einer völlig anderen Fassung enden wird, als Welles es geplant und gewünscht hatte. 1974 steht schließlich ein Hauptdarsteller fest und wurde in John Huston gefunden, seines Zeichens selber legendärer Regisseur, der sich für Klassiker wie „African Queen“ verantwortlich gezeichnet und zu diesem Zeitpunkt seine beste Zeit bereits hinter sich gelassen hatte. Huston stand für Welles in Arizona vor der Kamera in einer Villa, die Welles für den Dreh in einer Wüste gemietet hatte. Sechs Wochen, so stand es im Vertrag, sollte Huston für seinen Kollegen vor der Kamera stehen, der 1975 beschloss, auf einer Ehrung seiner langen Karriere beim AFI Life Achievement Award zwei Szenen seines neuen Films zu zeigen, der sich noch mitten im Dreh befand. Obwohl der Film noch nicht komplett fertig gestellt war, sah sich Orson Welles mit Problemen bzgl. der Rechte-Situation konfrontiert, denn der Filmemacher war einen Vertrag mit Partnern aus dem Iran (von denen einer der Sohn eines Scheichs war) eingegangen, denen somit ebenfalls Rechte an dem bislang unvollendeten Film gehörten. Letztlich waren es diese rechtlichen Problemen, die Welles daran hinderten, das Werk zu Ende zu bringen, obwohl der Filmemacher in den letzten neun Jahren seines Lebens (bis 1985) am Schnitt des bisherigen Materials arbeitete. Doch was macht diesen Film letztlich so sagenumwoben? Er gilt als der experimentellste Film des Regisseurs und dies mag einiges bedeuten, handelt es sich bei diesem Regisseur auch von dem Schöpfer von „Citizen Kane“. Welles benutzte für dieses unvollendete Projekt mehrere verschiedene Kameratypen sowie mehrere verschiedene Filmformate, was allein das Visuelle dieses Werks stark surreal erscheinen lässt. Hinzu kommt die einzigartige Art der Schnitttechnik, die Welles bereits 1972 für „F wie Fälschung“ anwendete und damit zu experimentieren liebte.

The Other Side of the Wind“ ist wahrscheinlich ein einzigartiges Projekt. Die Darstellung eines alten Regisseurs, der sein Comeback mit einem Film über Sex und Gewalt zu machen versucht, wurde über einen Zeitraum von fünf Jahren gedreht, wann immer Orson Welles etwas Geld zusammenkratzen konnte, was es erlaubte, erneut die Dreharbeiten aufzunehmen. Nach eigenen Aussagen sei der Film von Welles zu 96% vollendet worden und nun liegt das Schicksal dieses ungewöhnlichen Films in den Händen von Peter Bogdanovich, der es nun vollendete und sich mit den Rechte-Teilhabern einigen muss, zu denen auch die Geliebte von Welles gehörte, die sich weigerte, ihre Anteile zu verkaufen. Angeblich habe sie ihre Meinung nun geändert, doch leider ist sie nicht die einzige, die Rechte an diesem Werk besitzt, denn neben ihr besteht z.B. auch Welles‘ Tochter auf ihre Rechte an dem Film, sodass man nur hoffen kann, diese Kuriosität bald veröffentlicht zu sehen, wie es schon seit Jahren versprochen wird.

Tags: , , , ,

Was die Filmwelt bewegt...

Filme, die nicht existieren Teil 3

Kolumnen am 12 April, 2011 Keine Kommentare

Kaleidoscope” (1964 – 1971)

Es gibt Konzepte zu viel versprechenden Filmstoffen, die jedoch nie in ein Kinowerk umgesetzt wurden. Es gibt allerdings auch Filme, die aus den verschiedensten Gründen nie fertig gestellt wurden oder gar Werke, die zwar komplett gedreht, anschließend aber sofort zerstört wurden, ohne dass je ein Zuschauer diesen Film gesehen hat. Dieser Teil der neuen Serie „Filme, die nicht existieren“ dreht sich um „Kaleidoscope“ von Alfred Hitchcock.

„Hitchcock wollte einen Stoff verfilmen, der ‚Kaleidoscope Frenzy‘ hieß und drehte dafür einige Testaufnahmen in New York. Der Stil des Films sollte dem von Michelangelo Antonionis „Blow Up“ recht ähnlich sein, ein Werk, das Hitchcock sehr respektierte. ‚Die italienischen Jungs sind uns einige hundert Jahre voraus‘, sagte er. Geschrieben von Hitchcock, beginnt ‚Kaleidoscope Frenzy‘ mit einem brutalen Mord, der von einem Mann begangen wurde, welcher sich dazu genötigt sieht, zu töten, wenn er von viel Wasser umgeben ist. Die Morde werden schließlich von seiner Mutter aufgeklärt. Es sollte in diesem Film keine Stars geben, er sollte in New York gedreht werden und es sollte Nacktheit zu sehen sein. Hitchcock glaubte an diesen Film, doch Universal sagte ‚Nein‘ – ein Wort, dass er seit seiner Zeit bei (David) Selznick nicht mehr gehört hatte.“ Mehr steht nicht über dieses Projekt in  Charlotte Chandlers wenig ausführlichem Buch über Alfred Hitchcock „It’s Only a Movie“. Der Grund, weshalb man bei Universal ‚Nein‘ zu diesem Film sagte, war, dass man fürchtete, Hitchcock würde sich seinen Ruf ruinieren, denn das geplante Projekt unterschied sich in nahezu allem von dem, was der große Regisseur zuvor gemacht hatte. Das von ihm so geliebte Projekt sollte voll von brutaler Gewalt sein, man sollte viele komplett nackte Frauen sehen und hinzukam, dass Hitchcock diesen Film ohne bekannte Stars drehen wollte, auch wenn Michael Caine kurz als Hauptdarsteller erwähnt wurde. Bereits 1964 versuchte der Filmemacher, diesen Thriller um einen Serienmörder und Vergewaltiger zu realisieren, geschildert komplett aus der Sicht dieses gefährlichen Mannes, der Frauen damit umgarnte, dass er gleichzeitig attraktiv und verletzlich war, lose basierend auf mehreren wahren Begebenheiten, die sich in England zugetragen hatten.

Daraus sollte nun ein Drehbuch entstehen, doch die Sache war etwas komplizierter, als lediglich ein solches aus dem Boden zu stampfen. Die Idee war, Robert Bloch dafür zu gewinnen, eine literarische Vorlage für das Drehbuch zu schreiben, da dieser bereits für die Vorlage zu „Psycho“ verantwortlich gewesen und prinzipiell nicht uninteressiert an der Idee von Hitchcock war. Doch die Verhandlungen mit Bloch zogen sich lange hin, da dieser den Geldbetrag, den man ihm für seine Arbeit bot, als viel zu niedrig empfand. 10.000 Dollar wurden ihm geboten, wenn er ein Buch schriebe, welches man dann für eben diesen Preis für die Filmrechte aufkaufen würde. Bloch lehnte ab, traf sich jedoch im November 1964 immerhin mit Hitchcock, über diese finanziellen Dinge zu reden, um mehr Geld für sich herauszuschlagen. Sein Ziel erreichte er, indem er schließlich vertraglich die doppelte Summe für diesen Auftrag zugesichert bekam. Zusätzlich schickte man ihm Material über die Vorfälle in England, auf denen der Film beruhen sollte. Die Zeit verging. Doch Bloch konnte auch in der Mitte von 1965 noch kein Buch vorweisen – nicht einmal eine präzise Vorstellung des literarischen Stoffs konnte er seinen Vertragspartnern präsentieren. Das Projekt wurde auf Eis gelegt. Doch Hitchcock ließ dieser Film nicht los. Er suchte verzweifelt nach jemandem, dem er vertrauen konnte und der seine Wünsche in die Tat umsetzen würde. So geschah es, dass sein alter Benny Levy mit dem Stoff vertraut gemacht wurde und im Gegensatz zu Bloch war dieser sofort Feuer und Flamme für die Idee des Vergewaltigers und Mörders, dessen Geschichte der legendäre Regisseur auf die Leinwand bannen wollte.

Levy hatte klare Vorstellungen von dem Stoff, was er seinem alten Freund auch bald darauf erzählte. Der junge Mann, Willi Cooper, würde mit einer jungen Frau anbandeln, die seiner Zärtlichkeit bedarf. Willi ist sensibel und die beiden verlieben sich einander, sodass sich eine scheinbar harmonische Romanze entwickelt, von der die Zuschauer ganz verzückt werden. Aus dieser Schwärmerei wird die leibreizenden Bilder wird man jedoch gerissen, als Willi seine Geliebte brutal umbringt. Ab diesem Zeitpunkt beobachtet man den Fortgang dieses Charakters, der bald darauf eine weitere ähnliche Tat begeht. Schließlich tappt er jedoch in die Falle einer dritten Frau, die von der Polizei als Lockvogel ausgesendet wurde, um dem Täter dingfest zu machen. Levy erhielt das Geld für ein rohes Drehbuch und begann sofort mit der Arbeit. Angeblich arbeitete auch Samuel Taylor am Drehbuch mit, der sich bereits für „Vertigo“ von 1958 verantwortlich gezeichnet hatte. Das fertige Drehbuch zeigte Hitchcock schließlich seinem Freund Francois Truffaut, der von seinem Idol ein Buch publiziert hatte, das heute einen großen Bekanntheitsgrad genießt und aus dem sehr ausführlichen Interview besteht, welches unter dem Titel „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ auch im deutschen Buchhandel erhältlich ist. Truffaut mochte das Drehbuch, fühlte sich jedoch auch sehr unwohl bei dem Gedanken daran, dass Hitchcock derjenige sein sollte, der dieses Buch verfilmen sollte. Zu krass sei der Gegensatz zum Hitchcock-Stil, der sich so großer Beliebtheit erfreute. Zu düster, zu schmutzig, zu brutal und auch zu experimentell, denn Hitchcock wollte sich bewusst an europäische Filme jener Zeit anlehnen, die größere Freiheiten erlaubten, als es Hollywood je tat. Die Idee war, den Streifen komplett mit Handkamera und nur mit natürlicher Beleuchtung a la Dogma zu drehen. Hitchcock ließ sich auch von Truffaut nicht entmutigen und reiste nach New York, um dort einige Probeaufnahmen zu drehen, die zwar ohne Ton, aber dafür mit einer Länge von einer Stunde noch erhalten sind. All dies änderte jedoch nichts an der Haltung des Filmstudios, bei dem Hitchcock unter Vertrag sind. Universal blieb bei ‚Nein‘ und verweigerte damit einem ihrer erfolgreichsten Regisseure sein Herzensprojekt. Dieser verwendete jedoch einige Aspekte dieses Stoffes bei seinem 1972 entstandenen „Frenzy“, der in London anstatt in New York gedreht wurde und eher eine pechschwarze Komödie ist, als ein brutaler Thriller. „Kaleidoscope“ ist nur eines von vielen geplanten Filmprojekten, die Hitchcock gerne verfilmt hätte und die ihn bis an sein Lebensende beschäftigen sollten.

Tags:

Was die Filmwelt bewegt...

Filme, die nicht existieren Teil 2

Kolumnen am 5 April, 2011 Keine Kommentare

The Day the Clown Cried” (1972)

Es gibt Konzepte zu viel versprechenden Filmstoffen, die jedoch nie in ein Kinowerk umgesetzt wurden. Es gibt allerdings auch Filme, die aus den verschiedensten Gründen nie fertig gestellt wurden oder gar Werke, die zwar komplett gedreht, anschließend aber sofort zerstört wurden, ohne dass je ein Zuschauer diesen Film gesehen hat. Dieser Teil der neuen Serie „Filme, die nicht existieren“ dreht sich um „The Day the Clown Cried“ von Jerry Lewis.

Es gibt viele Gerüchte um diesen nie vollendeten Film von Komikerlegende Jerry Lewis. Eines dieser Gerüchte ist, dass Lewis selber den Film nie in die Kinos bringen wollte, da er ihn für zu schlecht hielt. Wirft man einen Blick in die Autobiographie des Schauspielers und Regisseurs („Jerry Lewis in Person“, 1982), findet man heraus, dass dies nicht der Wahrheit entspricht, denn noch in den frühen 80er Jahren wollte der Filmemacher – zehn Jahre, nachdem die letzte Klappe für das Werk gefallen war – die Tragikomödie unbedingt in die Kinos bringen, mit der Möglichkeit einige zusätzliche Aufnahmen machen zu können. Bis heute ist das nicht passiert und auch wenn Jerry Lewis sein wohl persönlichstes Werk sehr schätzt, so gibt es ein Dutzend Menschen, die den Rohschnitt gesehen haben, da Lewis ihnen ein Studium ermöglichte und die ausnahmslos „The Day the Clown Cried“ als einen der verstörendsten, weil schlechtesten Filme bezeichneten, die sie je gesehen hätten. Schauspieler Harry Shearer beschrieb ihn in einem Interview mit dem „Spy“-Magazin 1992 mit den folgenden Worten: „Dieser Film ist falsch in einer drastischen Weise. Der Pathos und die Komik sind derart wild missgestaltet, dass man dieses Werk auf keinen Fall irgendwie verbessern könnte. ‚Oh mein Gott!‘ ist alles, was Du dazu sagen kannst. (…) Es ist nicht lustig, es ist nicht gut und jemand versucht zu stark, in die falsche Richtung zu gehen, um diesen starken Eindruck wegwischen zu können.“

Doch worin geht es in diesem Werk überhaupt?

Jerry Lewis spielt – was auch sonst – einen deutschen Clown, der im Zweiten Weltkrieg nach Auschwitz deportiert wird. Sein Name ist Helmut Doork und er ist davon überzeugt, einer der besten Clowns aller Zeiten zu sein – die Aufseher im Konzentrationslager sehen dies freilich anders, doch durch einen Zufall geschieht es, dass Helmut nicht sofort in die Gaskammer geschickt wird, sondern nun über eine lange Zeit jüdische Kinder bei ihrem schweren, letzten Gang begleitet, indem er sie zum Lachen bringt, bevor sie auf bestialische Weise umgebracht werden. In der Hoffnung, ihnen die Angst nehmen zu können, redet er ihnen immer wieder ein, dass sie lediglich in die Dusche geschickt würden, ohne dass ihnen dabei etwas Schlimmes geschieht. Das Drehbuch von Joan O’Brien und Charles Denton gelangte in die Hände von Jerry, als dieser den Produzenten Nathan Wachsberger traf. Wachsberger bot Lewis an, sowohl die Hauptrolle, als auch die Regie übernehmen zu können – doch der Komiker war skeptisch und hielt sich nicht für die Idealbesetzung, schlug stattdessen Laurence Olivier für die Hauptrolle vor. Doch nach einigem Zögern willigte Jerry Lewis ein, bei diesem Film sowohl Regie zu führen, als auch die Hauptrolle zu spielen, nachdem er das Drehbuch an einigen Stellen verändert und den Namen des Clowns geändert hatte. Ihm wurde ein Budget von 1,5 Millionen Dollar zugesprochen, das er für die Produktion in Schweden, wo der Film in Stockholm gedreht wurde, verwenden könne. Bevor der Dreh begann, nahm Lewis 40 Pfund mithilfe einer Grapefruit-Diät ab – dies änderte jedoch natürlich nichts an seiner Abhängigkeit vom Schmerzmittel Percodan, mit der Lewis noch lange Zeit kämpfen sollte. Für die Rolle seiner Frau im Film wählte er Harriet Andersson aus, die sich in einigen Filmen von Legende Ingmar Bergman einen Namen gemacht hatte. Das Drogenproblem von Lewis sollte jedoch nicht das größte Hindernis sein, als die Dreharbeiten begannen, denn der Produzent Nathan Wachsberger machte sich aus dem Staub und flüchtete nach Frankreich, zahlreiche Gegenstände, die für den Dreh in Schweden benötigt wurden gingen verloren oder waren gar nicht erst vorhanden und die Rechte an dem Drehbuch waren – wie sich später herausstellen sollte – zu dieser Zeit bereits abgelaufen, sodass Lewis offiziell überhaupt keine Erlaubnis für die Verfilmung dieses Stoffes hatte.

Die Dreharbeiten zu „The Day the Clown Cried“ wurden zu einer Zerreißprobe für alle Beteiligten – vor allem für den Regisseur und Hauptdarsteller, der während der 100 Tage Drehzeit pro Nacht lediglich drei Stunden schlief und nahezu eine Herzattacke erlitt, wie er in einem Interview mit der New York Times 1972 bekannt gab. Verzweifelt aufgrund der zahlreichen Pannen während der Produktion begann Jerry Lewis den Film selber zu produzieren und steckte sein gesamtes Geld in den Film. Das war zu jener Zeit nicht unbedingt viel, denn Lewis‘ Stern als Komiker und Leinwandstar war seit längerer Zeit gefallen, seine beste Zeit hatten sowohl er, als auch sein Bankkonto hinter sich. Aufgrund dieser Tatsache und wegen des steten Schlafmangels zeigte sich der Regisseur am Set, Zeugenaussagen zu Folge, als sehr nervös und unkonzentriert. Es sollte noch schlimmer kommen: während der Post-Produktion machte Jerry Lewis das Verhalten des Produzenten Wachsberger öffentlich, woraufhin dieser den Star verklagte. Dieser wiederum gab Anfang 1973 bekannt, dass der Film während des Festivals in Cannes erstmals gezeigt werden würde. Aufgrund der finanziellen und rechtlichen Probleme ist dies nie geschehen – der Film wurde nie gezeigt und angeblich ist Jerry Lewis der Einzige, der den Rohschnitt des Films besitzt – aufbewahrt in seinem Safe. Überempfindlich sei er geworden, heißt es, da all jene, denen er den Film gezeigt habe (angeblich weniger als ein Dutzend) diesen als unzumutbar beschrieben haben. Für den Regisseur und Schauspieler war dies wie eine Ohrfeige, hing er doch so sehr an diesem sehr persönlichen Werk.

Trotz langen Bittens und Flehens seitens Lewis an die Drehbuchautoren Joan O’Brien und Charles Denton gaben diese den Film nie zur Veröffentlichung frei. Zu entsetzt waren sie von den Szenen, die Lewis ihnen zeigte und welche offenbarten, welche Änderungen sich der Komiker mit dem Script erlaubt hatte. Eine Privatperson gelangte vor einigen Jahren in den Besitz des Drehbuchs – durch eine ebay-Auktion für 15 Dollar. Für jeden einsehbar, hat er es unter dieser Adresse zur Verfügung gestellt:

http://www.subcin.com/clowncried.html

Trotz zahlreicher Gerüchte um eine Neuverfilmung mit Robin Williams oder William Hurt hat sich bislang mit dem Stoff des „Clowns, der weinte“ bislang nichts getan. Seit der verletzenden, weil vernichtenden Urteile derjenigen, die den Film zu Gesicht bekamen, hat Jerry Lewis niemandem mehr sein Werk gezeigt und reagiert bis heute sehr empfindlich auf Anfragen von Reportern bezüglich dieses Themas. In diesem Fall heißt es meistens: „It’s none of your goddamn business!“

Tags:

Was die Filmwelt bewegt...

Filme, die nicht existieren Teil 1

Kolumnen am 29 März, 2011 1 Kommentar

“Something’s Got to Give” (1962)

Es gibt Konzepte zu viel versprechenden Filmstoffen, die jedoch nie in ein Kinowerk umgesetzt wurden. Es gibt allerdings auch Filme, die aus den verschiedensten Gründen nie fertig gestellt wurden oder gar Werke, die zwar komplett gedreht, anschließend aber sofort zerstört wurden, ohne dass je ein Zuschauer diesen Film gesehen hat. Dieser Teil der neuen Serie „Filme, die nicht existieren“ dreht sich um „Something’s Got to Give“ von George Cukor.

Marilyn Monroe hatte einen Vertrag mit 20th Century Fox. Sie bekam monatlich ein hohes Gehalt und musste dafür in einer bestimmten Anzahl von Filmen mitspielen, die von besagter Produktionsfirma betreut wurden. Für Fox war 1962 alles andere als ein gutes Jahr, denn dort stand man vor dem Bankrott. Der Grund war die legendäre Produktion von „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, der an exotischen Schauplätzen mit tausenden Statisten, aufwendigen Kostümen und Bauten entstand. Das Budget war weit überschritten, ebenso wie die Zahl der Drehtage. Für das Studio war diese größenwahnsinnige Produktion eine Katastrophe und bevor „Cleopatra“ fertig gestellt war, sah man sich genötigt, schnell einen billigen, kleinen Film zu produzieren, der an den Kinokassen einschlagen würde wie eine Bombe. Man brauchte das Geld. Da Marilyn Monroe Fox laut Vertrag noch einen Film schuldete und sie bei den Zuschauern äußerst beliebt war, entschied man sich für eine leichte Komödie, die man „Something’s Got to Give“ nennen sollte und die von George Cukor mit Dean Martin und Monroe in den Hauptrollen inszeniert werden sollte. Dabei war die Wahl Monroes nicht unproblematisch, denn trotz ihrer präsenten Erscheinung in den Medien waren ihre letzten Filme keine großen Erfolge. Viel schlimmer als das waren jedoch die Befürchtungen, dass die als schwierig eingestufte Schauspielerin den Dreh verzögern und die Kosten in die Höhe treiben würde. Die neue Komödie sollte außerdem an einer schwierigen Station in Monroes Leben gedreht werden. Sie litt unter starken Depressionen, war einsam, hatte stark an Gewicht verloren und ihre Angst vor der Kamera hatte sich aufgrund ihrer Selbstzweifel vervielfacht. Bevor ihr Vertrag mit 20th Century Fox aufgesetzt wurde, hatte sie eine Liste von zwölf Regisseuren vorgelegt, mit denen sie arbeiten würde. Für Filmemacher, die nicht auf dieser Liste auftauchten, würde sie nicht vor die Kamera treten. Man akzeptierte ihre Vorgaben und engagierte für die geplante Komödie George Cukor, der als besonders geduldig und verständnisvoll galt. Die Geschichte des Streifens selber war zu dieser Zeit keine unbekannte, ist es doch ein Remake einer alten amerikanischen Komödie mit dem Titel „My Favourite Wife“ mit Cary Grant und Irene Dunne. Nun sollte Marilyn Monroe die weibliche Hauptrolle übernehmen als Frau, die nach fünf Jahren auf einer einsamen Insel, auf der sie gestrandet war, in die Zivilisation zurückkehrt. In ihrem alten Zuhause angekommen, muss sie nicht nur feststellen, dass ihre Kinder sie nicht mehr erkennen, sondern dass auch ihr Mann eine neue Verlobte hat. Dies ist der Auslöser für zahlreiche prekäre Verwicklungen.

Die Befürchtungen der Produzenten sollten sich bewahrheiten. Marilyn Monroe erschien fast nie zu ihren Drehterminen – nur wenige Wochen nach Beginn der Produktion lag der Film bereits bei einer Million Dollar über dem eigentlichen Budget. Doch Cukor blieb ruhig. Marilyn entschuldigte sich aufgrund von Krankheiten – Fieber, ein Virus, Unwohlsein und die Ärzte, die man ihr nach Hause schickte, bestätigten dies. Der Regisseur machte das Beste aus den gegebenen Umständen und drehte zunächst alle Szenen des Drehbuchs, in denen Marilyn Monroe nicht auftrat. Doch bald waren all diese Szenen gedreht und man konnte nur noch darauf hoffen, die Diva bald am Set begrüßen zu dürfen. Zu dieser Zeit war sie 35 Jahre alt und wer sich die Dokumentation über die Herstellung dieses Films ansieht, wird in den ersten 15 Minuten nichts anderes hören als Begeisterungsstürme aller Beteiligten, dass Monroe nie attraktiver war, als zu Zeiten von „Something’s Got to Give“. Vielleicht stimmt das sogar; Marilyn Monroe gibt eine erstaunlich gute, erotische Figur ab, trotz der Depressionen, die sie durchleiden musste unter anderem aufgrund der Tatsache, dass ihr Kinderwunsch unerfüllt blieb. Aus diesem Grund waren die Szenen, in denen sie mit zwei Kindern vor die Kamera treten musste, die erfüllendsten und sie gehören auch zu den wenigen Momenten mit Marilyn, die von diesem Film gedreht wurden. Doch die glücklichen Momente für die Crew dauerten nicht lange an. Monroe verschwand wieder von der Bildfläche, erschien fast nie zum Dreh. Das entsprechende Studio wurde geschlossen, die Arbeiter nach Hause geschickt, bis der weibliche Star wieder erscheinen würde. Sie erschien schließlich sporadisch, doch eine Einladung des Präsidenten der Vereinigten Staaten – John F. Kennedy – konnte sie dennoch nicht abschlagen.

Das Produktionsteam war vor den Kopf geschlagen, denn Marilyn Monroe folgte der Einladung Kennedys, für ihn auf dessen Geburtstagsparty in Washington zu singen. Ihre berühmte, vor Erotik prickelnde Interpretation von „Happy Birthday“ stammt von dieser Veranstaltung, die für 20th Century Fox bedeutete, erneut das Studiogelände für „Something’s Got to Give“ zu schließen, da man ohne Marilyn Monroe keine Szenen mehr drehen konnte. Der einzige, der auf die ausgeflogene Blondine nicht schlecht zu sprechen war, hieß Dean Martin, der die männliche Hauptrolle in diesem Film spielte. Nachdem man fieberhaft einen Ersatz für Marilyn gesucht und diesen in einer jungen Lee Remick gefunden hatte, weigerte sich Martin gar, mit einer anderen Frau als mit Monroe zu spielen. Doch diese erschien nach wie vor nicht zum Dreh. Es folgte eine Kündigung des weiblichen Stars – eine fatale Entscheidung mit Konsequenzen. Marilyn Monroe war am Boden zerstört und drohte mit einer Klage, Dean Martin gab bekannt, dass er bei der Kündigung von Monroe ebenfalls nicht mehr in diesem Film mitspielen würde. 20th Century Fox hatte nur eine Wahl, die darin bestand, die an einem Virus erkrankte Schauspielerin erneut unter Vertrag zu nehmen. Diese war überglücklich und erschien bald darauf am Set, um eine Szene zu drehen. Was niemand ahnte: es sollte ihre letzte Szene werden. Kurz darauf wurde Marilyn Monroe in ihrem Haus tot aufgefunden. Todesursache: eine Überdosis Schlaftabletten. Monroe starb im Alter von nur 36 Jahren, verlassen, doch mit Ruhm, der auch nach 50 Jahren noch nicht verblasst ist. Von „Something’s Got to Give“ existieren mehrere Stunden an Aufnahmematerial, doch mit zahlreichen fehlenden Szenen der Hauptdarstellerin bleibt der genannte Film leider nur ein Eintrag in der Kategorie „Unvollendete Filme“.

Tags: , ,

Page optimized by WP Minify WordPress Plugin

Wenn du dich mal selber am Geschehen beteiligen möchtest, solltest du mal Browsergames ausprobieren!
Testbericht.de Filmstarts.de
Creative Commons License Bloggerei.de TopBlogs.de