DVD

Chasing the Wind

Drama , geschriebenam 16 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Jag etter vind“ directed by Rune Denstad Langlo, 2013)

Chasing the WindSeit Jahren schon war Anna (Marie Blokhus) nicht mehr in ihrem norwegischen Heimatdorf gewesen. Erst der Tod ihrer Großmutter bewegt sie dazu, doch ihre Koffer zu packen und an den Ort zurückzukehren, der für sie mit vielen traurigen Erinnerungen verbunden ist. So richtig auf ihre Rückkehr gewartet hat dort jedoch niemand. Wenn es nach ihrem mürrischen Großvater Johannes (Sven-Bertil Taube) ginge, hätte sie ruhig in Berlin bleiben können. Und auch bei ihrem Ex-Freund Håvard (Tobias Santelmann) hält sich die Wiedersehensfreude in Grenzen, denn der hat als alleinerziehender Vater einer traumatisierten Tochter ganz andere Sorgen.

„Hat er dir nichts von Großmutters Tod erzählt?“

„Er spricht schon seit Jahren mit niemandem mehr.“

Es ist nur ein kurzer Dialog zwischen Anna und einem Nachbarn, und doch bezeichnend – für Johannes, aber auch Anna und jeden anderen Protagonisten in Chasing the Wind. Smalltalk gilt gemeinhin nicht unbedingt als die hervorstechendste Eigenschaft der Skandinavier. Hier sind es hingegen vor allem die großen Themen, die hinter einer Maske des Schweigens verschwinden: Tragödien und persönliche Verletzungen, Enttäuschungen und Traumata, Wut und Trauer. Niemand hat in dem Dorf gelernt, offen über seine Gefühle zu sprechen, unbeachtet wuchern diese in den Bewohnern, zerfressen sie von innen. Und wenn sie doch einmal nach außen treten, dann manifestieren sie sich in grimmigen Blicken, kleinen Sticheleien oder auch den sonderbaren Spielen von Håvards Tochter.Chasing the Wind Szene 1

Ein Film, dessen Geschichte sich also nur über Bande fortentwickelt, anstatt sie in Dialogen voranzutreiben, riskiert natürlich immer, den Zuschauer außen vor zu lassen. Und doch gelingt es dem norwegischen Drama sehr gut, einen langsam in das Innenleben der problembehafteten Figuren hineinzuziehen. Das liegt zum einen an dem inszenatorischen Geschick von Regisseur Rune Denstad Langlo, der in seinen wunderbaren Bildern die Einsamkeit seiner Protagonisten einfängt, das Gefühl der Isolation, völlig auf sich allein gestellt zu sein: viele weitläufige Landschaftsaufnahmen, wenige Menschen. Und auch die Darsteller erledigen ihre Aufgaben hervorragend, mit wenigen Worten, oft sind es nur Blicke oder die Körpersprache, verraten sie, wie es um sie selbst und um ihr Verhältnis zu den anderen gestellt ist.Chasing the Wind Szene 2

Wenn Chasing the Wind ein Problem hat, dann ist es deshalb auch weniger das Gerüst, sondern das, womit es gefüllt wird. Familiendramen, die sich um verhärtete Fronten und ungeklärte, nie angesprochene Streitigkeiten drehen, sind legitim und in Maßen auch durchaus realistisch. Hier jedoch hat man jegliches Gespür verloren, wie viel den Zuschauern zuzumuten ist, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu untergraben. Tod, Ehebruch, sexuelle Frustration, psychische Störungen – alles wurde in die Geschichte gepackt, manches sogar mehrfach. Und das ist nicht nur für 90 Minuten ziemlich viel, sondern vor allem auch angesichts der sehr überschaubaren Anzahl an Protagonisten. Wenn zum Schluss hin dann endlich auch die eigentlichen Konflikte angesprochen werden, ist man als Zuschauer längst schon viel zu abgestumpft, um diese noch ernstzunehmen. Und damit steht sich der ansonsten durchaus sehenswerte norwegische Film dann letzten Endes selbst im Weg.

Fazit: Ein norwegisches Dorf, eine Handvoll Einwohner und viele, viele Probleme. Chasing the Wind schafft es insgesamt schön – der wunderbaren Bilder und hervorragenden Darsteller sei Dank – zu zeigen, welche Auswirkungen nicht angesprochene Konflikte haben können. Letztere sind insgesamt aber zu zahlreich, durch die hohe Konzentration an Tragödien verliert das Drama irgendwann seine Glaubwürdigkeit.

Wertung: 6 von 10

Chasing the Wind ist seit 7. November auf DVD erhältlich

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Blu-ray

Feuerwerk am helllichten Tag

Crime, Drama , geschriebenam 15 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Feuerwerk am helllichten Tag“ directed by Yinan Diao, 2014)

Feuerwerk am helllichten TagChina, eine unscheinbare Kleinstadt im Norden: Immer wieder tauchen hier 1999 an den verschiedensten Stellen Körperteile auf. Doch wie kommen sie hierher? Und wer war für das grausige Verbrechen verantwortlich? Ein Polizeieinsatz endet im Desaster, denn dabei kommen nicht nur die Verdächtigen, sondern auch zwei Polizisten ums Leben. Fünf Jahre später arbeitet der suspendierte Zhang Zili (Fan Liao) als Wachtmann und ist längst dem Alkohol verfallen. Doch dann geschehen plötzlich neue Morde, die an den alten Fall erinnern. Mit Hilfe von alten Kollegen nimmt Zhang Zili die Ermittlung wieder auf – und die führt ihn zu der geheimnisvollen Wu Zhizhen (Lun-mei Gwei), die in einer kleinen Reinigung arbeitet.

Während China lange ein recht hermetisch abgeschlossener Filmmarkt war, der nach ganz eigenen Regeln funktioniert, drängen in der letzten Zeit auffallend viele Filmemacher auf die internationale Bühne – und das in Genres, für welches das Reich der Mitte nicht unbedingt bekannt war. Einer davon ist Yinan Diao. Sieben Jahre arbeite der Regisseur und Drehbuchautor an Feuerwerk am helllichten Tag, drei Versuche brauchte er, bis er mit der Geschichte seines Neo-Noir-Krimis zufrieden war. Zeit spielte für den Chinesen daher offensichtlich keine große Rolle, und Geduld, die verlangt er auch den Zuschauern ab.Feuerwerk am helllichten Tag Szene 1

Nach dem blutigen Auftakt passiert nämlich erst einmal eine ganze Weile lang nichts. Und auch wenn später sich noch weitere Tote zum anfänglichen Sortiment dazugesellen, ausgedehnte Actionszenen sollte hier besser niemand erwarten. Gleiches gilt für den Krimianteil, der oft genug den eigentlichen Fall aus den Augen verliert. Wird die Handlung vorangetrieben, dann geschieht das fast beiläufig: Einige Ermittlungsschritte werden kaum erklärt, manchmal ohne rechte Überleitung von einer Szene zur nächsten gehastet – was bei einem 110 Minuten langen Film nicht unbedingt glücklich ist.

Während der Inhalt so nicht alle zufriedenstellen wird, ist die Verpackung über alle Zweifel erhaben. In bester Film-Noir-Tradition interessiert sich Yinan Diao vor allem für die dunkleren Aspekte des Lebens. Und das fängt beim Protagonisten an: Versoffen, übergewichtig, ohne große soziale Kontakte – mit seinen erfolgsverwöhnten Kollegen vieler Copfilme aus China bzw. Hongkong hat Zhang Zili nichts gemeinsam, nicht einmal mehr die Berufsbezeichnung. 44 Pfund futterte sich Fan Liao für seine Rolle an und erhielt den Silbernen Bären für seine Darstellung als gebrochener Antiheld.Feuerwerk am helllichten Tag Szene 2

Gold gab es sogar für den Film, auch wenn in Feuerwerk am helllichten Tag so gar nichts glänzen will. Viele Szenen spielen in dunklen Räumen oder bei Nacht, die Winteraufnahmen sorgen für eine bedrückende, unheilvolle Atmosphäre. Und selbst wenn wir etwas Helles sehen dürfen, den Schnee etwa, oder die seltenen Tageslichtaufnahmen, entkommt der Krimi nicht seiner Trostlosigkeit, dem Gefühl, von der großen Welt irgendwo, irgendwann vergessen worden zu sein. Die Sieger des wirtschaftlichen Aufschwungs? Hier sind sie nicht zu finden. Und je weiter wir in dem Fall kommen, umso stärker treten auch die persönlichen Geschichten hervor, die Suche nach dem Mörder wird zu einem höchst menschlichen, tieftraurigen Drama, in dem es keine Gewinner gibt. Nur Verlierer.

Und doch gibt es immer wieder Farbtupfer, kleine Momente des Glücks und der Hoffnung, all das hinter sich zu lassen. Immer wieder sehen wir wunderschöne Bilder voller Kontraste und Schattierungen, die einen alles um einen herum vergessen lassen. Und wenn wir uns dem titelgebenden Feuerwerk nähern, bekommt das chinesische Krimidrama sogar eine poetische Note. Doch die wird gleich wieder zunichte gemacht, wenn wir zum Schluss wieder in der Realität ankommen: schäbig, freudlos. Und manchmal eben mörderisch.

Fazit: Feuerwerk am helllichten Tag ist ein optisch brillanter Film, in dessen unheilvoller Atmosphäre man sich schnell verliert. Die Handlung ist jedoch nur ein Nebenaspekt und man braucht auch viel Geduld für das trostlose, chinesische Krimidrama.

Wertung: 7 von 10

Feuerwerk am helllichten Tag ist seit 6. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge

Abenteuer, Action, Asia, Historisch, Martial Arts , geschriebenam 15 November, 2014 von Keine Kommentare

(„7 Assassins“ directed by Eric Tsang and Hung Yan-yan, 2013)

Seven Assassins – Iron Cloud’s RevengeNeigt sich das altehrwürdige Kaiserreich seinem Ende zu? Anfang des 20. Jahrhunderts rebellieren immer mehr Menschen in China gegen die Ungleichheiten in ihrem Land. Noch sind die Aufständischen zwar chancenlos, aber bei den Herrschenden steigt die Nervosität. Als der Freiheitskämpfer Tie Yun (Felix Wong) den kaiserlichen Soldaten entkommt und in einem Dorf im sogenannten „Goldenen Tal“ Unterschlupf findet, soll an ihm deshalb auch ein Exempel statuiert werden. Doch dabei haben sie die Rechnung ohne das Dorf und seinen Anführer (Eric Tsang) gemacht, denn bei den vermeintlichen Bauern handelt es sich in Wahrheit um erfahrene Kämpfer, die ihr altes Leben vergessen wollten.

Wenn Actionfilme aus China bzw. Hongkong bei uns in die Läden kommen, dann handelt es zumeist um Wuxia-Filme aus dem traditionellen Kaiserreich (Tiger & Dragon, Flying Swords of Dragon Gate) oder um Cop-Streifen aus dem Hier und Jetzt (Police Story, Badges of Fury). Selten jedoch dürfen wir an der spannenden Zeit der Umwälzung teilhaben, als der letzte Kaiser nach einer Revolution entmachtet wurde und das Land der Mitte sich als Republik neu erfand. Alleine deshalb schon ist Seven Assassins eine interessante Alternative zum umfangreichen Angebot, auch wenn die historischen Hintergründe nur vereinzelt angesprochen werden und man an mancher Stelle sicher gern mehr erfahren hätte.Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge Szene 1

Doch um eine Geschichtsstunde ging es hier auch nicht wirklich, vielmehr ist Seven Assassins ein klassischer Film um Ehre, Heldentum und große Gefühle. Dass nicht sonderlich differenziert vorgegangen wird – Gut und Böse sind klar unterteilt, diffizile Grautöne unerwünscht – dürfte den erfahrenen Zuschauer ebenso wenig überraschen wie der Hang zum Pathos. Große Taten bedürfen hier auch großer Worte, die etwas unnötige Liebesgeschichte sorgt für die obligatorische Menge an Melodram. Daran haben sich Genreveteranen aber längst gewöhnt, zumal sie mit Auftritten diverser Altstars versöhnt werden: Eric Tsang – der auch als Ko-Regisseur fungierte –, Felix Wong, Ray Lui, Simon Yam, Kara Hui, da sind schon einige größere Namen dabei. Schade nur, dass deren Auftritte teils recht kurz sind und wir über die Figuren nie sehr viel erfahren.

Aber wer mit Seven Assassins liebäugelt, wird dies vermutlich ohnehin in erster Linie der Kämpfe wegen tun. Die gibt es natürlich und sind teils recht hübsch anzusehen, auch wenn man es mit der Grazie etwa eines Hero natürlich nicht aufnehmen kann. Dafür war das Budget dann doch sichtlich zu gering, an einigen Stellen begnügten sich Tsang und sein Mitregisseur Hung Yan-yan mit recht groben Drahtseilsprüngen. Insgesamt hätte Seven Assassins durchaus noch etwas opulenter sein dürfen, bei der Ausstattung und den Landschaftsaufnahmen haben andere schon mehr gezeigt.Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge Szene 2

Spaßig ist der Film aber, zum einen weil der zeitliche Umbruch den Einsatz von klassischen Waffen wie Schwerter und Bögen, aber auch erste Gewehre erlaubt. Unterhaltsam wird es aber vor allem beim großen Finale, wenn es beim Aufeinandertreffen der kaiserlichen Armee und des rebellischen Dorfes zum erhofften Massenkampf kommt. Ein neuer Klassiker ist der Film zwar nicht geworden, wer aber Nachschub im zwischenzeitlich etwas verwaisten Martial-Arts-Genre braucht, findet hier eine durchaus brauchbare Alternative.

Fazit: Eine große kaiserliche Armee gegen ein kleines Dorf aus Kämpferveteranen – da reibt sich der Martial-Arts-Fan die Hände. Tatsächlich dürfen sie sich über den Auftritt diverser Veteranen, einige hübsche Kämpfe und einen spannenden historischen Hintergrund freuen. So richtig in die Tiefe geht Seven Assassins zwar nicht und auch das Budget hätte höher sein dürfen, unterhaltsam ist der Film aber auch so.

Wertung: 6 von 10

Seven Assassins – Iron Cloud’s Revenge ist seit 10. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

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DVD

Mind Game

Abenteuer, Animation/Trickfilm, Anime, Fantasy, Komödie , geschriebenam 14 November, 2014 von 1 Kommentar

(„Mind Game“ directed by Masaaki Yuasa, 2004)

Mind GameWer letzte Woche bei Sita Sings the Blues Gefallen an kuriosen Stilmischungen und Grafikvariationen gewonnen hat, darf sich über Nachschub freuen: Teil 28 unseres fortlaufenden Animationsspecials ist sicher einer der seltsamsten Anime der letzten zehn Jahre. Und einer der kultigsten.

Es hätte sein Glückstag sein können, schließlich trifft der Manga-Zeichner Nishi unverhofft seine alte Jugendliebe Myon wieder, die er nie hat vergessen können. Doch der erste Schock lässt nicht lange auf sie warten, denn die Angebetete ist im Begriff zu heiraten. Und der zweite folgt sogleich, als Nishi im Restaurant ihres Vaters von einem Yakuza erschossen wird. Das will der 20-Jährige jedoch nicht auf sich sitzen lassen, einen derart erbärmlichen Tod hat nicht einmal ein Verlierer wie er verdient. Also widersetzt er sich Gottes Willen und kehrt auf die Erde zurück – was in einer noch viel wahnwitzigeren Odyssee endet.

Mind Game ist einer dieser Filme, bei der ein Blick auf dessen Bewunderer reicht, um alles zu sagen, was es zu sagen gibt. So zählt unter anderem Satoshi Kon dazu. Und wie bei seinen eigenen Werken (Perfect Blue, Millenium Actress) gibt es auch hier ein Spiel mit mehreren Ebenen: Realität, Träume, Erinnerungen, all dies verschwimmt regelmäßig zu einem assoziativen Fluss. Hinzu kommt der gemeinsam praktizierte Sprung in Metasphären, denn unser Protagonist wurde nach Robin Nishi benannt, auf dessen Manga der Anime basiert. Ebenso wenig erstaunt, Bill Plympton (Idiots and Angels, Mutant Aliens) unter den prominenten Anhängern zu finden. Schließlich sind die abgedrehten Figuren und der absurde Humor von Mind Game denen des Kultregisseurs nicht unähnlich.

Dass Masaaki Yuasa so viel Lob von Seiten der Kollegen wie auch von Kritikern erhielt – Mind Game wurde mehrfach ausgezeichnet – ist umso beeindruckender, da es sich bei dem Film um seine erste größere Regiearbeit handelte, nachdem er zuvor bei Projekten wie Meine Nachbarn die Yamadas, Crayon Shin-chan oder The Hakkenden nur in zweiter Reihe mitgewirkt hatte. Wenn sein Langfilmdebüt heute bei vielen Kultstatus genießt, dann jedoch weniger seines Inhalts wegen. Wohlwollend könnte man Mind Game als Plädoyer für ein bewussteres Leben auffassen, die Aufforderung, sich nicht Ängsten oder Zweifeln hinzugeben, sondern den Augenblick zu genießen. Man kann es aber auch bleiben lassen, denn wer ehrlich ist, wird zugeben müssen, dass die Geschichte nach dem temporeichen Beginn im Nichts verschwindet.Mind Game Szene 1

Doch während sie das tut, hinterlässt sie durch ihre eigenwillige Optik einen mehr als bleibenden Eindruck. Wo andere Regisseure um einen einheitlichen Look kämpfen, geht Yuasa zusammen mit Studio 4°C bewusst den umgekehrten Weg. Rotoskopie und Computergrafiken, traditionelle Zeichnungen und Realaufnahmen – hier wird alles verwendet, oft direkt hintereinander, manchmal sogar zeitgleich. Da ist natürlich gewöhnungsbedürftig, zumal selbst die Protagonisten häufiger ihr Aussehen ändern. Halt gibt es hier keinen, weder durch die Figuren, noch den Schauplatz, man muss sich jederzeit auf etwas Neues einstellen, was manchmal großartig, manchmal etwas anstrengend ist. Zwischendurch wird es sogar sehr psychedelisch: Obwohl der Schauplatz eigentlich düster ist, explodieren die Bilder in einem Feuerwerk aus Farben und Formen.

Die musikalische Begleitung ist nicht minder abwechslungsreich, denn Seiichi Yamamoto von der japanischen Rockband Boredoms schuf einen Score, der von verspielt bis zu dramatisch, von experimentell bis zu rockig alle möglichen Stile abdeckt. Produziert wurde diese Musik übrigens von Shinichirō Watanabe (Cowboy Bebop, Samurai Champloo). Und auch das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass Mind Game trotz seines fehlenden Mainstreamappeals zum Pflichtprogramm eines jeden Animefans gehört – und sei es nur, um zu sehen, was in dem Bereich optisch alles möglich ist. Denn mit dem Einheitsbrei, der einem oft vorgesetzt wird, hat das hier nur wenig zu tun. Die kantigen Figuren orientieren sich nicht am üblichen Animeschema, sondern erinnern an die ebenso exzentrischen Animationsfilme Das große Rennen von Belleville und Tekkonkinkreet.Mind Game Szene 2

Wer für optische Experimente weniger empfänglich ist und stattdessen eine handfeste Handlung braucht, der darf hier jedoch vergeblich suchen, wird sich vielleicht sogar langweilen. Zumindest bei Mind Game zeigt sich Masaaki Yuasa eher als Visionär, weniger als Geschichtenerzähler, ein Regisseur mit einer ausgesprochenen Vorliebe für das Ungewöhnliche. Teilt man diese, sollte man sich neben seinem bislang einzigen Film auch die beiden anderen Yuasa-Anime anschauen, die in Deutschland erhältlich sind: Happy Machine aus der Kurzfilmanthologie Genius Party, sowie Tatami Galaxy, eine etwas andere Studentenserie. Sein neuester Streich ist die Mangaverfilmung Ping Pong, welche dieses Jahr im noitaminA-Block lief. Bislang ist die Serie jedoch trotz guter Kritiken für Deutschland nicht angekündigt. Aber wenn uns Mind Game eines lehrt, dann ist es, die Hoffnung niemals aufzugeben. Und dass am Ende alles manchmal definitiv vielleicht anders kommt.

Fazit: Wer Mind Game genießen möchte, muss definitiv offen sein für Neues und darf keinen zu großen Wert auf eine Handlung legen. Trifft das zu, erlebt man hier einen Anime, der dank fortlaufender optischer Experimente und Stilbrüche zu den ungewöhnlichsten der letzten Jahre zählt.

Wertung: 7 von 10

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Kino

Höhere Gewalt

Drama , geschriebenam 13 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Turist“ directed by Ruben Östlund, 2014)

Höhere GewaltEinige Tage ausspannen können, Ski fahren, endlich wieder Zeit für einander haben – das war das erklärte Ziel von Ebba (Lisa Loven Konsgsli) und ihrem Mann Tomas (Johannes Bah Kuhnke). Und zunächst scheint ja auch alles zu passen: Das schwedische Paar genießt die majestätische Ruhe der französischen Alpen. Doch die ist urplötzlich vorbei, als beim Mittagessen eine kontrollierte Lawine gefährlich nahe kommt. Während Ebba sich instinktiv um ihre beiden Kinder kümmert, bringt sich Tomas erst einmal selbst in Sicherheit. Am Ende ist alles halb so schlimm, ein wirkliches Risiko bestand nicht. Dennoch ist danach nichts mehr, wie es war, die egoistische Reaktion des Familienvaters belastet die Beziehung der beiden schwer, zumal sich Tomas sein Verhalten auch nicht eingestehen mag.

Kurz ist sie, diese besagte Lawinensequenz, keine fünf Minuten lang. Und doch ist sie der Schlüsselmoment, der die restlichen knapp zwei Stunden komplett bestimmen wird. Das liegt zum einen daran, dass sie selbst fantastisch in Szene gesetzt wurde. Während Tomas noch beteuert, dass nichts passieren kann, kommen die Schneemassen unaufhaltsam näher, bis man sich selbst als Zuschauer fest in den Kinosessel krallt. Und auch wenn der Schrecken schnell vorbei ist, vergessen ist er nicht, die urplötzliche existenzielle Bedrohung hallt anschließend noch immer nach, mal ausgesprochen, mal auch nicht.

Genau diese Sprachlosigkeit hat Regisseur Ruben Östlund meisterhaft umgesetzt. Am deutlichsten zeigt sich der Alptraum in den beiden Kindern der Familie, die Östlund als eine Art Seismograph verwendet. Während Ebba und Tomas zumindest anfangs noch Normalität vorspielen, spüren die kleinen recht schnell, dass das Erlebte tiefe Spuren hinterlassen hat und reagieren darauf mit wortloser Wut. Wirklich souverän gehen aber auch die Eltern mit der Situation nicht um, denn keiner von ihnen findet die adäquaten Mittel, über ihre Erfahrungen und ihren Konflikt zu reden. Tomas würde gerne alles vergessen, Ebba spricht das Thema nur in Anwesenheit von anderen an, nutzt die Gelegenheit, ihren eigenen Schmerz in eine Demütigung ihres Partners umzuleiten.Höhere Gewalt Szene 1

Die aus der Balance geratene Beziehung verdeutlicht Höhere Gewalt aber nicht nur in den harten Dialogen, sondern gerade auch in den kleinen Szenen: beim Zähneputzen, beim Umziehen, beim Skifahren. Doch dieses Unvermögen, einen Weg aus der Krise zu finden, belastet im weiteren Verlauf auch den schwedischen Film selbst. Gerade im letzten Drittel finden sich immer mehr Szenen, die in keinem rechten Bezug zur Grundgeschichte stehen und auch die Charaktere nur bedingt weiterbringen. Was über weite Strecken ein brutal-faszinierendes Psychodrama ist, wird so später mal beliebig, mal bizarr und insgesamt etwas langatmig, zumal auch für das Ende der rettende Einfall fehlt.

Und noch ein Manko haftet dem ansonsten sehr starken Film an: die Tendenz zur Verallgemeinerung. Dass bei einem derart unterschiedlichen Krisenverhalten auch die Geschlechterfrage aufkommt, ist nahezu unvermeidbar. Höhere Gewalt verzichtet jedoch darauf, dieser einen weitergehenden Kontext zu geben. Ein weiteres Paar wird in die Diskussion verwickelt, und dieses ist Ebba und Tomas auffallend ähnlich: Fanni (Fanni Metelius) zeigt sich in der Sache selbstgerecht und kompromisslos, Mats (Kristofer Hivju) ist der konfliktscheue Weichling. Ist das nun Zufall oder Absicht? Frage oder Aussage?Höhere Gewalt Szene 2

So oder so, Thema und Figuren regen zwangsweise zum Nachdenken an. Darüber, wie man sich wohl selbst in einer solchen Situation verhalten hätte. Was überhaupt die sinnvollere Reaktion gewesen wäre (bei einer echten Lawine wäre Ebba zusammen mit den Kindern unter den Schneemassen begraben worden). Ob es diesen grundsätzlichen Unterschied gibt zwischen Mann und Frau. Gleichzeitig aber auch, wie stark unsere Wahrnehmung von uns selbst beeinflusst wird, wie unterschiedlich zwei Menschen ein und dieselbe Erfahrung erleben können. So wie die Lawine Tage später noch ununterbrochen durch die Beziehung der Familie rauscht, so bleibt auch Höhere Gewalt mit einer anhaltenden Wirkung für den Zuschauer – und das alleine lohnt schon den Kauf eines Tickets.

Fazit: Wie verhalten wir uns in Katastrophen? Und wie nehmen wir diese überhaupt wahr? Höhere Gewalt nimmt einen kurzen Schreckmoment als Ausgangslage für ein Psychodrama, das trotz eines schwächeren letzten Drittels und der Tendenz zur Verallgemeinerung weit über den Film hinaus fesselt.

Wertung: 7 von 10

Höhere Gewalt läuft ab 20. November im Kino

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