DVD

Under the Skin

Fantasy, Science Fiction, Thriller , geschriebenam 15 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Under the Skin“ directed by Jonathan Glazer, 2013)

DGT.DVD_Inlay_RZ.indd„Könnten Sie mir den Weg zeigen?“ Neu ist die Masche nicht, variiert wird ebenso wenig. Doch Originalität ist auch nicht wirklich notwendig, wenn man so überirdisch schön ist wie Laura (Scarlett Johansson). Das ist in ihrem Fall auch kein großes Wunder, denn die hübsche Frau ist tatsächlich ein Alien. Und eines mit einem großen Appetit auf Mensch. Aus diesem Grund fährt sie auch ohne Ende mit ihrem Van durch Schottland, sammelt Männer ohne große Bindungen, dafür aber großem Verlangen auf und bringt sie in eine Wohnung, aus der sie nie wieder lebend entkommen.

Neun Jahre Pause hatte der Werbe- und Musikvideoregisseur Jonathan Glazer eingelegt, bevor er mit Under the Skin erneut dem Filmgeschäft einen Besuch abstattete – allein das sorgte bereits im Vorfeld für viel Aufmerksamkeit. Dabei hätte es das gar nicht gebraucht, wer die seltsame Mischung aus Science Fiction und Thriller das erste Mal sieht, wird ihn auch ohne Hintergrundwissen so schnell nicht wieder vergessen.

Am Inhalt liegt das weniger, denn dem verweigert sich die lose Adaption des gleichnamigen Romans von Michel Faber fast völlig. Nach einem äußerst surrealen Einstieg, dessen einziger Erkenntnisgewinn darin besteht, dass Laura nicht-menschlichen Ursprungs ist, sind wir auch schon mit ihr in den Straßen unterwegs, immer auf der Suche nach Menschen, die einsam sind. Verloren. Menschen, die keiner vermissen wird. Allein deshalb hat Under the Skin von Anfang an auch etwas Melancholisches an sich. Trostloses. Finsteres.Under the Skin Szene 1

Und natürlich etwas Rätselhaftes, denn Erklärungen gibt einem Glazer nicht an die Hand. Wie auch, wenn es nahezu keine Dialoge gibt? Man muss sich schon einige Minuten gedulden, bis überhaupt jemand etwas sagt. Und wenn, handelt es sich dabei um die recht nichtssagenden Gespräche mit den potenziellen Opfern. Die wurden dann auch von Laien gespielt, die aufgezeichneten Konversationen wurden heimlich mit versteckten Kameras gefilmt. Aus diesem Grund wirkt Under the Skin oft auch gar nicht wie ein Film, sondern vielmehr wie eine Fernsehsendung, bei der ein Reporter Reaktionen von Passanten aufsammelt.

Diese Beliebigkeit nimmt jedoch ein jähes Ende, sobald die Männer mit Laura die Wohnung betreten. Was folgt ist eine der verstörendsten Sequenzen, die man dieses Jahr in einem Film zu sehen bekam. So fremdartig anders, so faszinierend, so unsterblich schön und unsterblich schrecklich zugleich. Sicher könnte man versuchen, diese zu beschreiben. Ganz einfach wäre das jedoch nicht, vor allem aber unsinnig: Wie wir hier, begleitet von einer großartigen, hypnotischen Musik, im Nichts verschwinden, muss das erlebt, nicht erzählt werden. Dass Under the Skin insgesamt fast schon übertrieben nichtssagend ist, hier Figuren auftreten, über die wir nichts wissen, oft nicht mal den Namen, wird da zur Nebensache. Denn dieses Rätseln gehört gerade dazu, die freie Leinwand, die wir mit Interpretationen füllen dürfen.Under the Skin Szene 2

Wenn der Film ein Problem hat, dann sind es auch gar nicht die vielen bizarren Momente, sondern dass nach diesen starken audiovisuellen Alpträumen einfach nichts Interessantes mehr kommt. In der zweiten Hälfte von Under the Skin bewegt sich der Fokus weg von den monströsen Vorgängen hin zum Monster selbst und dessen Wunsch, keins mehr zu sein – ein Thema also, das einem im Horrorgenre doch recht häufig begegnet. Das jedoch ist naturgemäß schwer zu vermitteln, wenn auch aufgrund der fehlenden Dialoge kein Zugang zu Laura möglich ist. Das zudem auch die Einfälle fehlen – seien sie auf der inhaltlichen oder der inszenatorischen Seite – um dem altbekannten Motiv neues Leben einzuhauchen, weicht die anfangs immens große Faszination zuerst der Gleichgültigkeit, später sogar der Langeweile. Und dieser zunächst so einmalige Film wird auf einmal etwas, was man bei aller Unvorhersehbarkeit der Ereignisse wohl am wenigsten erwartet hätte: banal.

Fazit: Der Inhalt von Under the Skin ist ebenso einfach wie rätselhaft. Doch die Stärke liegt woanders: Der surreale Science-Fiction-Thriller bietet in der ersten Hälfte ein audiovisuell einmaliges Erlebnis, bevor er in der zweiten Hälfte jedoch in Belanglosigkeit und Langatmigkeit versinkt.

Wertung: 6 von 10

Under the Skin ist seit 10. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Unter Bestien – Der alte Mann und die Wölfe

Abenteuer, Drama , geschriebenam 14 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Shal“ directed by Ermek Tursunov, 2012)

Unter Bestien – Der alte Mann und die WölfeSchafe, Pferde, Fußball – viel braucht Kasym (Erbulat Toguzakov) ja nicht, um glücklich zu sein. Zusammen mit seiner Familie lebt der alte Mann in der Steppe Kasachstans und genießt den Frieden der Abgeschiedenheit. Doch damit ist es vorbei, als er eines Tages zusammen mit seiner Schafsherde in einen Schneesturm gerät. Sein Enkel versucht zwar verzweifelt, einen Suchtrupp zu organisieren, doch niemand will ihm so recht helfen. Dabei schwebt sein Großvater trotz seiner langen Erfahrung tatsächlich in Lebensgefahr, denn ein Rudel wilder Wölfe treibt dort sein Unwesen.

Gerade einmal 127 Seiten lang war die Novelle „Der alte Mann und das Meer“, als sie 1952 erschien. Doch trotz seiner Kürze wurde die Geschichte um einen Greis, der sich auf offener See einen Kampf auf Leben und Tod mit einem riesigen Marlin liefert, zu einer der bekanntesten des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway. Und eine der zeitlosesten. Kein Wunder also, dass sie immer wieder für Kino und Fernsehen adaptiert wurde, bis heute, sei es als Spielfilm, als Miniserie oder auch als wunderschöner Animationsfilm.Unter Bestien – Der alte Mann und die Wölfe Szene 1

Regisseur und Drehbuchautor Ermek Tursunov nimmt nun die klassische Vorlage, führt sie aber in eine ganz andere Richtung. Der offensichtlichste Wechsel betrifft natürlich den Schauplatz: Bei Unter Bestien – Der alte Mann und die Wölfe wird das Meer gegen die Steppe Kasachstans getauscht, der Marlin gegen Wölfe. Und auch das Drumherum entspricht nicht mehr so ganz der literarischen Quelle. Aus dem Gehilfen Manolin wurde hier der Enkel des Protagonisten, zu dem er außerdem ein recht kompliziertes Verhältnis hat, das immer wieder von Konflikten und Missverständnissen geprägt ist.

Wahnsinnig spannend ist die Familiengeschichte nicht, weshalb sich der Film anfangs auch ein wenig zieht. Erst als Kasym im Sturm verloren geht, zeigt Unter Bestien seine wahren Stärken. Der Kampf zwischen Mann und Wolf wird hier wie in der Vorlage zu einem ganz existenziellen zwischen Mensch und Natur, zu einem Wettstreit um Vorherrschaft und Selbstbehauptung. Und das ist nicht nur auf der realen Ebene, sondern auch auf der psychologischen spannend, denn immer wieder erhalten wir auch Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt des alten Mannes.Unter Bestien – Der alte Mann und die Wölfe Szene 2

Richtig neue Aspekte gewinnt der kasachische Film Hemingways Vorlage trotz der Änderungen nicht ab, rein des Inhalts wegen gibt es also kaum Gründe, diese Fassung vorzuziehen. Deutlich besser sieht es aber – wortwörtlich – bei der Umsetzung aus, denn die raue Natur der Steppen, die Schneelandschaften und auch die Wölfe sind ein sehr lohnenswerter Anblick. Wer gerne Naturaufnahmen sieht, wird hier gerade in der zweiten Hälfte sehr gut bedient. Allerdings muss man sich auch auf eine Erzählweise einstellen, die sich sehr viel Zeit lässt und das Überlebensdrama leider immer wieder in die Monotonie abgleiten lässt.

Fazit: Unter Bestien versetzt die bekannte Hemingway-Novelle zwar ins Kasachstan der Neuzeit, findet inhaltlich sonst aber wenig neue interessante Aspekte. Doch trotz gelegentlicher Monotonie fasziniert der existenzielle Kampf zwischen Mensch und Natur, der hier zudem in sehr schöne Bilder der kargen Steppe verpackt wurde.

Wertung: 6 von 10

Unter Bestien – Der alte Mann und die Wölfe ist seit 23. September auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Enemy

Thriller , geschriebenam 13 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Enemy“ directed by Denis Villeneuve, 2013)

EnemyDie ganz große Abwechslung bietet der Alltag von Geschichtsprofessor Adam (Jake Gyllenhall) ja nicht. Die Arbeit läuft, er hat eine hübsche Freundin namens Mary (Mélanie Laurent), mit der er zwar nicht viel spricht, dafür aber oft und ausgiebig Sex hat. Eine etwas unerwartete Wendung nimmt sein Leben, als er auf Anraten eines Kollegen einen Film ansieht und darin einen Schauspieler entdeckt, der ihm aufs Haar gleicht. Fasziniert (und verstört) von dieser Gemeinsamkeit, setzt Adam alles daran, diesen Doppelgänger aufzuspüren. Und tatsächlich hat er Erfolg: Anthony St. Claire (Gyllenhaal) nennt sich der Gesuchte, ist Schauspieler und mit der schwangeren Helen (Sarah Gadon) verheiratet. Doch mit dieser Erkenntnis gerät alles erst recht aus den Fugen.

Denis Villeneuve und Jake Gyllenhaal, das ist eine Kombination, die wir vor ziemlich genau einem Jahr schon einmal in Prisoners bewundern durften. Doch mit der harten Entführungsgeschichte hat die zweite Zusammenarbeit – eigentlich die erste, denn Enemy entstand zuvor – nur wenig gemeinsam. So wie der Thriller nur mit wenigen Genrevertretern wirklich vergleichbar ist. Fordernd sind sie jedoch beide, und richtig empfehlenswert auch.

Ausgangsmaterial ist dieses Mal ein Roman, auch wenn sich Villeneuve  bei der Umsetzung von „Der Doppelgänger“ des Schriftstellers José Saramago nicht allzu sklavisch an die literarische Quelle gehalten hat. Wer das Werk des Portugiesen kennt oder auch die Verfilmung von „Die Stadt der Blinden“ gesehen hat, wird aber auch bei Enemy die bekannte Mischung aus Charakterstudie und mysteriöser Atmosphäre vorfinden. Und mysteriös ist dabei noch harmlos ausgedrückt, denn der Film tut alles dafür, um Erwartungen im Nichts enden zu lassen und Vermutungen ad absurdum zu führen.Enemy Szene 1

Schon die erste Szene – eine Art exklusive Orgie à la Eyes Wide Shut, verbunden mit dem großen Auftritt einer Spinne – lässt einen verlegen am Kopf kratzen. Denn einen Kontext oder gar eine Erklärung, die verweigert uns Villeneuve hier, oft genug auch im weiteren Verlauf. War Prisoners bei aller charakterlichen Komplexität ein doch recht geradliniger Film, findet man hier vor lauter Kurven den Weg nicht mehr. Warum sehen die beiden gleich aus? Was hat es mit den Spinnen auf sich? Ist das Geschehen überhaupt real? Fragen gibt es zwangsläufig, Antworten jedoch nicht. Das wird für manche auch tatsächlich ein Problem darstellen: Um Enemy genießen zu können, braucht es sowohl die Bereitschaft zu ausgiebigen Interpretationen als auch eine hohe Frustrationsgrenze. Ein Faible fürs Surreale ohnehin.Enemy Szene 2

Letztere wird nicht nur durch die rätselhafte Geschichte erreicht, sondern auch Bild und Musik. Von einigen Szenen einmal abgesehen, verlässt Enemy beim Gezeigten zwar nie den Boden der Realität, doch durch die farbarme, leicht verwaschene Optik hat man als Zuschauer oft das Gefühl, nie ganz da zu sein. Dass wir keine Orientierungspunkte bekommen, nicht einmal psychologische Andockpunkte – bis auf die drei nicht immer nachvollziehbaren Hauptfiguren gibt es hier kaum Menschen – verstärkt dann noch den Eindruck, in einer Art Parallelwelt gefangen zu sein. Weniger subtil, aber nicht minder effektiv, ist die musikalische Untermalung des atmosphärisch brillanten Films: bedrohlich, hypnotisch, fremd lässt sie selbst in den klareren Momenten keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier vieles nicht so ist, wie es erscheint.

Fazit: Das Verwirrspiel um zwei Doppelgänger versucht erst gar nicht, dem Zuschauer plausible Antworten an die Hand zu geben. Das ist fordernd, oft überfordernd, aber doch auch eine faszinierend surreale Interpretationsübung.

Wertung: 7 von 10

Enemy ist seit 10. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

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DVD

All Hallow’s Eve

Horror , geschriebenam 12 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„All Hallow’s Eve“ directed by Damien Leone, 2013)

All Hallow’s EveBonbons, Schokolade, Kekse, vielleicht auch Äpfel – am Ende eines erfolgreichen „Trick or Treat“-Ausfluges zu Halloween tummelt sich so manche Leckerei im eigenen Beutel. Doch eine Videokassette? Wer kommt denn auf eine solche Idee? Ganz geheuer ist das Sarah (Katie Maguire) ja nicht, zumal sie keine Ahnung hat, wer diese den beiden Kindern zugesteckt hat, auf die sie an Halloween aufpassen soll. Und die drängeln natürlich darauf, sich das mysteriöse Band zusammen anzuschauen. Recht schnell muss Sarah feststellen, dass sie auf das Quängeln besser nicht gehört hätte, denn auf dem Video sind drei unheimliche Kurzfilme, in denen ein blutrünstiger Clown (Mike Giannelli) sein Unwesen treibt.

Dass Clowns zu den furchterregendsten Geschöpfen gehören, die auf dieser Erde wandeln, hat vor 24 Jahren bereits die gelungene Verfilmung von Stephen Kings Roman „Es“ bewiesen. Vergleichbar große Namen sucht man bei All Hallow’s Eve jedoch vergeblich. Regisseur und Drehbuchautor Damien Leone gibt hier sein Langfilmdebüt ab, und auch bei den Schauspielern ist es größtenteils unwahrscheinlich, sie schon einmal zuvor gesehen zu haben. Wenn dann auch noch billige Spezialeffekte dazukommen – und das ist noch eher wohlwollend formuliert – ist die Versuchung groß, noch vor dem Ende des ersten Kurzfilms wieder abzuschalten.All Hallow’s Eve Szene 1

Das Problem dabei: All Hallow’s Eve ist deutlich besser, als die Horroranthologie aussieht. Viel Abwechslung gibt es sicher nicht: In allen Geschichten steht eine junge Frau im Mittelpunkt, die sich vor einem Verfolger in Sicherheit bringen muss; immer spielt der Clown eine Rolle, oft als eben dieser Verfolger, teils nur als Randfigur. Und der ist tatsächlich der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden. Selbst er wenn ausnahmsweise mal nicht damit beschäftigt ist, sein Umfeld auf bestialische Art und Weise ins Reich der Toten zu befördern – und ja, All Hallow’s Eve hat seine Freigabe ab 18 Jahren redlich verdient – ist die Kurzfilmsammlung teils so furchteinflößend, dass man die Fernbedienung gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.All Hallow’s Eve Szene 2

Mit dem Anspruch, einen „guten“ Film zu gehen, sollte man natürlich trotzdem nicht an All Hallow’s Eve gehen. Die einzelnen Geschichten sind nur notdürftig miteinander verbunden, viel erklärt wird nicht, an manchen Stellen wird die Anthologie sogar richtiggehend lächerlich. Wem es darauf jedoch gar nicht ankommt, sondern einfach nur spannend gemachten Trash-Horrorspaß der alten Schule sucht, der ist hier gar nicht mal verkehrt. Denn für einen schaurig-vergnüglichen Videoabend, gerade auch an Halloween, wird hier so einiges geboten.

Fazit: Die Geschichte ist unsinnig und ohne große Abwechslung, die Spezialeffekte billig. Doch trotz der bescheidenen Rahmenbedingungen ist die blutige Horroranthologie um einen mordenden Clown oft tatsächlich spannend gemacht.

Wertung: 5 von 10

All Hallow’s Eve ist seit 26. September auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Kino

The Cut

Drama, Historisch , geschriebenam 12 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„The Cut“ directed by Fatih Akin, 2014)

The CutDer junge Schmied Nazaret Manoogian (Tahar Rahim) führt ein glückliches Leben mit seiner Frau Rakel (Hindi Zahra) und seinen Zwillingstöchtern im türkischen Teil des Osmanischen Reiches. Bis zu jener Nacht 1915, als es an seiner Tür klopfte. Alle armenischen Männer werden von türkischen Polizisten aus den Betten gezerrt und sollen für das Land in den ersten Weltkrieg ziehen. Doch in Wahrheit geht es darum, ihn und die anderen zu beseitigen. Es dauert auch nicht lange, bis sie alle tot sind. Nur Nazaret überlebt, wenn auch schwer verletzt: Durch eine Beschädigung seiner Stimmbänder kann er nie wieder sprechen. Auf der Flucht vor seinen Peinigern beginnt für ihn die lange Suche nach seiner Familie.

Mehrere Hunderdtausend sollen es gewesen sein, manche Schätzungen sprechen gar von 1,5 Millionen Toten. Klar ist nur, dass der Völkermord an den Armeniern eines der schlimmsten Massaker des 20. Jahrhunderts war und bis heute das Verhältnis der Türkei zu anderen Ländern belastet. Während die Armenier selbst das Ereignis Aghet (auf Deutsch: Katastrophe) nennen, leugnet die Türkei, dass es überhaupt je stattgefunden hat. Wenn ein deutsch-türkischer Regisseur ausgerechnet zu diesem Thema einen Film dreht, ist das daher naturgemäß etwas heikel, sichert ihm dafür aber auch ein gewisses Mindestmaß an Aufmerksamkeit.The Cut Szene 1

Und tatsächlich ist der neueste Film von Fatih Akin auch dann am stärksten, als er sich dem Gräuel ohne Vorbehalte entgegenstellt. Ganz so genussvoll blutrünstig wie Die Passion Christi ist das historische Drama zwar nicht, ein wenig robuster sollte der Zuschauermagen nach Möglichkeit aber schon sein. Wenn im ersten Drittel Männer und Frauen misshandelt, gefoltert, ermordet werden, wird das schnell so unerträglich, dass man nur noch aus dem Kinosaal flüchten will. Aber eben das lässt The Cut nicht zu, die Statistiken und Zahlen, die Diskussionen und historischen Zeugnisse, sie verlieren ihre Abstraktheit und werden zu einem brutal präsenten Ist-Zustand, dem sich nur schwer entziehen lässt.

Doch Akin wollte mehr, und das führt im weiteren Verlauf zu immer größeren Problemen. Die Geschichte des Völkermords nicht für sich sprechen lassen zu wollen, sondern sie anhand eines Einzelschicksals zu verdeutlichen, ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Nur macht es sich der Film hier doppelt schwer. Ein Protagonist, der über weite Strecken nicht mehr sprechen kann, bleibt automatisch auf Distanz. Wie bei jemandem mitfühlen, an dessen Gefühls- und Gedankenwelt wir gar nicht teilhaben können? Einige wenige Stellen gibt es, an denen das Innenleben von Nazaret nach außen gekehrt wird, und an denen darf Tahar Rahim (Ein Prophet, Le Passé) wieder einmal zeigen, was für ein richtig intensiver Schauspieler er ist.

Nur bekommt Rahim – auch über seine Sprachlosigkeit hinaus – einfach keine dankbare Rolle angeboten. Sein Nazaret wird anfangs als fast übermenschlich guter Mann gezeigt: freundlich, beliebt, gerechtigkeitsliebend, mutig, ohne Fehl und Tadel. Dem gegenüber steht eine ebenso undifferenzierte böse Welt gegenüber. Wenn es Akin nur darum ging, das Unrecht der Türken aufzuzeigen, dann ist ihm das gelungen. Wirklich bewegend wird The Cut hingegen nur selten, dafür fehlt hier einfach die Überzeugung, es mit tatsächlichen Menschen zu tun zu haben. Egal ob nun Nazaret selbst, seine Familie, die Soldaten, die Helfer – die Figuren sind immer nur Mittel zum Zweck, um die Geschichte voranzutreiben.The Cut Szene 2

Und das ist das zweite große Problem von The Cut: Akin begnügte sich nicht damit, den Völkermord aufarbeiten zu wollen, sondern knüpfte im Anschluss auch noch eine epische Suche nach Nazarets Familie an, die den Schmied über mehrere Kontinente führen wird. Was dem Film stellenweise an Tiefe fehlt, ersetzt Akin also durch Breite. Und das war keine besonders gute Idee. So lange sich das Drama auf die Geschehnisse in der Türkei beschränkt, auf die Wirren nach dem Krieg, bleibt das Ergebnis nachvollziehbar. Doch später wähnt man sich, eine inoffizielle Verfilmung der Serie Marco vor sich zu haben, wenn Nazaret von einem Ort zum nächsten rennt, die Gesuchten aber kurz vorher wieder weitergezogen sind.

Etwas albern, unglaubwürdig, mitunter kitschig, vor allem aber langatmig: Wenn nach über zwei Stunden der Film doch noch ein Ende findet, ist die Erleichterung darüber nicht nur bei den Protagonisten groß. Man mag sich gar nicht vorstellen, was aus The Cut geworden wäre, hätte Akin sein ursprüngliches Drehbuch beibehalten, das trotz des radikalen Zusammenstreichens durch Mardik Martin (The Band, Wie ein wilder Stier) noch immer überladen ist. Und das ist dann doch eine ziemliche Enttäuschung, nicht nur angesichts des wichtigen Themas, sondern auch, weil auf Produktionsseite soviel richtig gemacht wurde. Ausstattung, Kostüme, die Landschaftsaufnahmen – die Atmosphäre ist dicht, das Gefühl hundert Jahre in die Vergangenheit gereist zu sein, sehr überzeugend. Nur lässt sich das vom Rest des Films bei allem Respekt vor dessen Ambitionen nicht behaupten.

Fazit: The Cut zeigt anfangs ein brutal intensives und atmosphärisches dichtes Bild des Völkermords an den Armeniern. Später verliert sich der Film aber in einer langatmigen und unglaubwürdigen Suche nach Familienmitgliedern, bei der nicht nur die flachen Figuren enttäuschen.

Wertung: 6 von 10

The Cut läuft ab 16. Oktober im Kino

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