DVD

Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm

Komödie, Musik , geschriebenam 7 April, 2014 von Keine Kommentare

(„Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ directed by Helge Schneider, 2004)

Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den WurmLangeweile? Nein, das ist ein Gefühl, das Teddy Schu (Helge Schneider) sicher nicht kennt. Immer auf Achse, immer was zu tun. Früh morgens – eher spät nachts – beginnt der Tag mit Zeitungsaustragen, danach ist er an seinem Fischstand zu finden oder auch mal in den Schlafzimmern der Damen, wenn er unter dem Namen Rodriguez Faszanatas für die Agentur Señora Fuck unterwegs ist. Abends wiederum vertreibt er sich die Zeit mit Auftritten in einem Jazzclub, begleitet von seinen Freunden Steinberg (Jimmy Woode) und Howard (Pete York).

Doch trotz dieser Dauerbeschäftigung ist auch Glück nicht unbedingt das Wort, mit dem man Teddys Leben beschreiben würde. Die Ehe mit Jaqueline (Susanne Bredehöft) kriselt, die gemeinsame Kommunikation beschränkt sich auf Zetern und Meckern. Und auch das mit der Musikkarriere will nicht so recht klappen. Der Jazzclub steht kurz vor dem Bankrott. Wenn sich dann doch mal Leute in den heruntergekommenen Laden verirren, dann nicht um Teddy und den anderen zuzuhören. Das will nämlich keiner. Applaus gibt es daher auch keinen, Geld genauso wenig. Mehr als eine gelegentliche Pflaume als Bezahlung ist angesichts der prekären finanziellen Situation des Clubs nicht drin.Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm Szene 1

Einfach nur vom Blatt runterspielen ist nicht, was ein echter Jazzmusiker im Herzen trägt, da muss mehr Kreativität her, mehr Flexibilität. In keiner anderen Musikrichtung hat Improvisation wohl eine vergleichbar große Bedeutung wie im Jazz. Dass das Multitalent Helge Schneider, selbst ein großer Anhänger dieses Genres, bei seinen Filmen auf diese Technik zurückgreift, ist da nicht weiter verwunderlich. Und wenn er einen Film dreht, der zum Großteil eben diese Musik zum Inhalt hat, ist klar: Drehbuch, roter Faden, richtige Dialoge – nichts davon ist hier zu finden.

Nun ist Improvisation beim Film kein Einzelfall. Während gerade im Independentbereich stark darauf zurückgegriffen wird, mit dem Ziel, durch spontane Dialoge die Authentizität zu erhöhen (Silvi, Jeff, der noch zu Hause lebt), hat Schneider etwas Gegenteiliges im Sinn: Blödsinn. Alberner Nonsens und neurotische Absurdität kommen heraus, wenn er und seine Kumpanen sich gehen lassen. Das ist mal geglückt, wenn er beispielsweise im strömenden Regen die Zeitungen in die Briefkästen zu quetschen versucht. Oft genug ist Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm trotz seiner kurzen Spielzeit von 80 Minuten aber auch langweilig, die ständigen Gags zwar befremdlich, jedoch nicht unbedingt witzig. Wie so oft ist das Wirken und Tun der singenden Herrentorte also eine extrem pointierte Frage des persönlichen Geschmacks.Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm Szene 2

Eine reine Komödie sollte der Film aber wohl auch gar nicht sein. Losgelöst von der beabsichtigten Komik hat Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm auch immer etwas Melancholisches. Und dieses Gefühl kommt nicht von ungefähr: Jahrelang hatte Schneider schon einen Film darüber drehen wollen, wie es war, als er vor seinem Durchbruch durch Bars und Clubs tingelte, ohne dass sich eine wirklich Perspektive bot, getrieben nur von seiner Liebe zur Jazzmusik. Wer die teilt, darf sich über die zahlreichen und virtuos gespielten Musikeinlagen freuen. Und auch darüber, dass der Film zu seinem zehnjährigen Jubiläum zeitgleich mit Schneiders neuestem Werk 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse dieser Tage auf DVD erscheint. Kann man jedoch weder diesem Genre noch dem typischen Schneider-Humor etwas abgewinnen, darf man diesen Tag getrost ignorieren.

Fazit: Die Musik ist virtuos gespielt und die Komik wie immer völlig absurd. Liebhaber von Jazzmusik und dem typischen Helge-Schneider-Humor werden ihre Freude an Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm haben. Der Rest bleibt wie immer verständnislos außen vor.

Wertung: 5 von 10

Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm erscheint am 11. April auf DVD

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Blu-ray

House of Cards – Die komplette zweite Mini-Serie

Politik, Thriller, TV-Serie , geschriebenam 6 April, 2014 von Keine Kommentare

(„To Play the King“ directed by Paul Seed, 1993)

House of Cards – Die komplette zweite Mini-SerieDer König ist tot, lang lebe der Premierminister! So oder ähnlich könnte das Motto von Francis Urquhart (Ian Richardson) lautet. Lange hat er auf dieses Ziel hingearbeitet, mit regulären Mitteln, einigen moralisch sicher fragwürdigen Kampagnen und auch Maßnahmen, die unfragwürdig illegal waren. Doch das interessiert FU, wie er von jedem nur genannt wird, herzlich wenig. Er ist das gewählte Oberhaupt des Vereinigten Königreiches und nutzt seine Macht, um das Land nach seinen Vorstellungen zu formen. Das bedeutet vor allem: raus aus dem Wohlfahrtsstaat, das Geld soll den Starken und Leistungsfähigen gehören. Wirtschaftlich ist er damit auch erfolgreich, das Land hat den Schuldenkurs verlassen und ist auf Wachstumspfad. Nur: Wachsen tun vor allem die Geldbeutel der Privilegierten, nie war die Schere zwischen arm und reich so hoch wie unter ihm.

Und das ist dem neuen König (Michael Kitchen) ein Dorn im Auge. Wenn es nach Urquhart ginge, bestünde die Aufgabe eines jeden Monarchen nur, in die Kamera zu lächeln und dem Volk nett zuzuwinken. Aber doch um Himmels willen nicht zu sprechen, vor allem nicht zu widersprechen. Und genau das Ihre Majestät. Mehrfach. Öffentlich. In immer neuen Ansprachen kritisiert der König die Regierungsarbeit und bringt damit den Premier Minister in Bedrängnis. Doch wer FU kennt, weiß dass der sich das nicht lange gefallen lässt. Schmutzige Intrigen, Erpressung, Drohungen – bei der Wahl seiner Methoden ist der Premierminister nicht zimperlich, bald schon starrt das ganze Land gebannt auf den offenen Schlagabtausch zwischen Königshaus und Regierung.House of Cards – Die komplette zweite Mini-Serie Szene 1

Eigentlich hätte diese Fortsetzung nie geben dürfen. Als Michael Dobbs 1989 seinen Roman „House of Cards“ veröffentlichte, hatte er ein weniger erfolgreiches Ende für seinen Protagonisten im Sinn. Konfrontiert mit seinen Schandtaten beging Francis Urquhart im Buch Selbstmord. Als die BBC ein Jahr später die Geschichte verfilmte, beschloss sie diesen Punkt zu ignorieren, statt eines Platzes auf dem Friedhof wartete in der Fernsehserie der Posten des Regierungschefs auf den Intriganten. Und als hätte es die BBC geahnt, wurde House of Cards zu einem vollen Erfolg für den britischen Fernsehsender.

Niemand dürfte davon überraschter gewesen sein als Dobbs selbst, der daraufhin selbst zwei weitere Urquhart-Romane schrieb, so als hätte es seinen Erstling nie gegeben. Ausverkauf? Schon irgendwie. Für Fans war das aber ein Grund zur Freude. Und für die BBC auch, hatte sie mit Buch Nummer zwei „To Play the King“ nun noch Material für eine zweite Staffel bekommen. Auf den ersten Blick hat sich auch nicht viel geändert in den drei Jahren, die zwischen den Mini-Serien liegen. Noch immer geht der vornehme ältere Herr über Leichen, noch immer redet er direkt mit der Kamera, noch immer hat er eine Schwäche für kluge junge Damen; was im ersten Teil die Journalistin Mattie Storin war, ist bei der Fortsetzung die Meinungsforscherin Sarah Harding (Kitty Aldridge).

Ein bisschen leidet der Nachfolger auch darunter, dass einem viel sehr bekannt vorkommt. Und doch gibt es Unterschiede, wer genauer hinschaut. Größte Neuerung ist, dass er es diesmal mit einem ebenbürtigen Gegner zu tun bekommt. Waren ihm in Staffel eins seine Widersacher mehr oder weniger hilflos ausgeliefert, bleibt hier bis zum Ende offen, wer den Kampf gewinnen wird: Urquhart oder der namenlose König. Dadurch setzt die Spannungskurve in der Fortsetzung gleich deutlich höher an, mehr als zuvor ist To Play the King im Thrillergenre anzuordnen.House of Cards – Die komplette zweite Mini-Serie Szene 2

Damit einher geht jedoch auch eine auffallende Ernsthaftigkeit. Soziale Ungerechtigkeiten, Rassenprobleme, Diskriminierung von Homosexuellen – hier werden eine ganze Reihe von gesellschaftlich relevanten Themen angepackt. Im Gegenzug wurden die satirischen Elemente stark zurückgefahren, die witzigen Rattenaufnahmen ganz gestrichen. Und das hat zur Folge, dass die Fortsetzung insgesamt weniger „Spaß“ macht. Der bestand bei der ersten Staffel maßgeblich auch darin, dass ein wohl angesehener Elder Statesman im Geheimen alle gegeneinander ausspielt, ohne dass jemand etwas ahnt – nicht einmal seine Gegner. Das wird hier nicht versucht, Urquhart wird hier von jedem gleich als das angesehen, was er insgeheim ist: ein skrupelloser, selbstbezogener Machtmensch.

Unterhaltsam ist House of Cards – Die komplette zweite Mini-Serie dennoch; allein schon für die ersten gemeinsamen Szenen, wenn Richardson beim Gespräch mit dem König das Gesicht entgleist, lohnte sich das Umschreiben von Urquharts Schicksal. Und so darf man gespannt sein, was in der dritten Staffel passiert, die hierzulande jedoch leider erst für den Sommer angekündigt ist.

Fazit: Weniger spaßig, etwas altbekannt dafür spannender: Die überraschend ernste Fortsetzung von House of Cards kommt zwar nicht ganz an den Vorgänger heran, unterhaltsam ist der Kampf zwischen dem intriganten Premierminister und dem gewissenhaften König aber auch so.

Wertung: 7 von 10

House of Cards – Die komplette zweite Mini-Serie ist seit 25. März auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Rush – Alles für den Sieg

Biographie, Drama, Filmtipp, Sport , geschriebenam 5 April, 2014 von Keine Kommentare

(„Rush“ directed by Ron Howard, 2013)

Rush – Alles für den SiegDer eine ein gewissenhafter, kühler Analytiker, der andere ein leidenschaftlicher Lebemann – was könnten die schon gemeinsam haben? So einiges, wie sich rausstellt. Sowohl der Österreicher Niki Lauda (Daniel Brühl)  als auch der Engländer James Hunt (Chris Hemsworth) kommen eigentlich aus gutem Hause und sind – so die Hoffnung der Väter – für höhere Berufungen prädestiniert. Davon will aber weder der eine, noch der andere was wissen und so widmen sich die Rebellen lieber dem Rennsport. Dafür waren sie dort umso erfolgreicher, beide zählten in den 70ern zu den besten Fahrern der Welt. Ein Grund dafür war, laut Rush – Alles für den Sieg zumindest, eben diese Unterschiedlichkeit. Dass zwei so grundverschiedene Typen auch abseits der Rennbahn schnell aneinandergeraten, ist klar. Der unbedingte Wille, besser als der andere zu sein, ist es dann, der die beiden zu Hochleistungen antreibt.

Dafür nimmt sich Regisseur Ron Howard (Apollo 13, A Beautiful Mind) viel Zeit, beginnt beim ersten, nicht sehr netten Aufeinandertreffen der beiden, folgt ihren jeweiligen Aufstiegen zum Formel-1-Superstar und beleuchtet dabei ihr schwieriges Verhältnis zueinander. Und auch die Frauen der hitzigen Alphamachos bekommen ihren Platz im Spotlight: Hunt ist mit dem bekannten Model Suzy Miller (Olivia Wilde) liiert, Lauda führt eine solide Ehe mit Marlene Knaus (Alexandra Maria Lara). Doch die Partnerinnern sind mehr Mittel zum Zweck, dienen eher dazu, ihre Männer stärker zu charakterisieren.Rush – Alles für den Sieg Szene 1

Überraschend nebensächlich sind auch die eigentlichen Rennszenen. Wer den Film allein für die Action auf dem Asphalt schauen will, ein neues Tage des Donners oder so erwartet, wird nur teilweise glücklich. Natürlich bekommen wir auch Ausschnitte von Rennen zu sehen und die haben es auch wirklich in sich. Vor allem das spektakuläre Finale ist rasant in Szene gesetzt und geradezu nervenzerreibend. Doch der Fokus liegt auf den Charakteren. Und das liefert den beiden Hauptdarstellern die Möglichkeit, selbst Höchstleistungen zu zeigen.

Sonnyboy Chris Hemsworth ist hierzulande vor allem für seine Auftritte als Marvel-Held Thor bekannt, eventuell auch für den Kulthorror The Cabin in the Woods. Hier dürfen Kritiker, die in ihm nur einen weiteren Sixpack-Schönling sehen wollen, feststellen, dass er durchaus das Zeug zum Charakterdarsteller hat. Und der Deutsch-Spanier Daniel Brühl, der in den letzten Jahren immer häufiger in Hollywood-Produktionen zu sehen war (Inglourious Basterds, Inside Wikileaks) liefert den Beweis, dass einer internationalen Karriere zumindest auf der Talentseite nichts im Wege steht. Auch wenn das mit der Oscarnominierung nicht ganz geklappt hat, bei den Golden Globes auf der Liste zu stehen, muss man auch erst einmal schaffen. Apropos Schauspieler: Lohnenswert ist der Film übrigens vor allem im Original, wenn mal Deutsch, mal Englisch gesprochen wird, der Australier Hemsworth wie ein Brite spricht und Brühl einen starken österreichischen Akzent einbaut.Rush – Alles für den Sieg Szene 2

Ein bisschen übertrieben ist Rush – Alles für den Sieg schon, ganz so heftig waren die Rivalitäten zwischen Hunt und Lauda im wahren Leben wohl nicht. Auch an anderen Stellen nahm man sich zwecks Dramaturgie die eine oder andere inhaltliche Freiheit heraus. Mit der Erwartung, eine Dokumentation zu sehen, sollte man daher nicht an das Gezeigte gehen. In erster Linie will der Film unterhalten, nur in zweiter informieren. Und das ist Howard richtig gut geglückt. Das psychologisch stimmige Drama ist glaubwürdig, später sehr spannend und ganz nebenbei dürfen wir auch mehr über eine Zeit erfahren, als Sicherheitsüberlegungen in der Formel 1 noch ein Fremdwort war, der Kampf rauer, persönlicher und dein Auftritt auf der Rennstrecke jederzeit dein letzter sein konnte.

Fazit: Die Charakterdarstellungen sind komplex und überzeugend gespielt, die Rennszenen eher selten, dafür aber rasant und spannend: Rush – Alles für den Sieg schafft die schwierige Balance zwischen Charakterdrama und Hochgeschwindigkeitssport und ist der überfällige Beweis, dass Chris Hemsworth und Daniel Brühl für anspruchsvollere Rollen prädestiniert sind.

Wertung: 8 von 10

Rush – Alles für den Sieg ist seit 28. März auf DVD und Blu-ray erhältlich

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DVD

Um jeden Preis – At Any Price

Drama , geschriebenam 4 April, 2014 von Keine Kommentare

(„At Any Price“ directed by Ramin Bahrani, 2013)

Um jeden Preis – At Any PriceWie der Großvater, so der Vater, so der Sohn. Seit Jahrzehnten wird bei den Whipples der Familienbetrieb – Anbau von Mais und der Verkauf von Saatgut – an die nächste Generation gegeben. Und wenn es nach Henry Whipple (Dennis Quaid) geht, wird das auch bei der kommenden der Fall sein. Einen designierten Nachfolger gibt es auch schon, seinen älteren Sohn Grant (Patrick W. Stevens). Talent für das Metier hat der sogar, wie er mehrfach unter Beweis stellen durfte. Sehnsüchtig wartet Henry deshalb schon auf die Rückkehr seines Filius, rollt buchstäblich den roten Teppich für ihn aus. Doch Grant scheint es nicht eilig zu haben, schickt regelmäßig Postkarten aus Argentinien, zeigt sonst aber kaum Ambitionen, den Wunsch seines Vaters zu erfüllen.

Sohn Nummer zwei, Dean (Zac Efron), tut das genauso wenig. Seine Zeit verbringt er lieber auf der Rennstrecke als mit seinem Vater, lässt den sogar oft genug spüren, wie sehr er ihn und seine rücksichtslosen Geschäftsmethoden verabscheut. Abgerundet werden die Familienkonflikte durch Henrys Affäre mit Meredith Crown (Heather Graham), was aus naheliegenden Gründen seine eigene Frau Irene (Kim Dickens) nur wenig glücklich macht. Und als wäre als das nicht schlimm genug, sieht es auch beruflich mau aus: Das Geschäft ist hart, es herrscht ein gnadenloser Verdrängungskampf und Henrys größter Konkurrent Jim Johnson (Clancy Brown) fackelt nicht lange, wenn es darum geht, den Whipples Kunden abspenstig zu machen.

Viel hilft viel, so lautete wohl das Motto von Ramin Bahrani, als er seinen vierten Film drehte. Ob es nun der Familienkonflikt ist oder der Kampf ums wirtschaftliche Überleben, der Regisseur und Ko-Autor bringt unentwegt neue Problematiken ins Spiel, anstatt auf seine Grundthemen zu vertrauen. Einige der Wendungen sind geglückt, andere weniger. Vor allem aber führt diese Überdosis an dramatischen Begebenheiten dazu, dass Um jeden Preis – At Any Price irgendwann seine Glaubwürdigkeit verliert, mehr Soap-Opera- denn Porträtcharakter hat.Um jeden Preis – At Any Price Szene 1

Das ist schade, wenn nicht sogar ärgerlich; gebraucht hätte der Film diesen Dauerbeschuss nicht, starke Szenen hätte es auch so mehr als genug gegeben. Schon der Beginn, wenn Henry noch auf der Beerdigung den Trauernden neues Land abluchsen will, zeigt die Auswirkungen der unbarmherzigen Marktlage, wie sehr auch den einfachen Menschen beim Kampf um Erfolg der moralische Kompass abhanden gekommen ist. Wenn später eben diese Menschen zusammen auf der Tribüne sitzen und voller Stolz die traditionellen Werte der Nationalhymne singen, nur um kurz darauf sich wieder gnadenlos zu bekämpfen – wortwörtlich –, entlarvt das auf eindrucksvolle Weise die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Ebenso gelungen sind all die Momente, in denen die Entfremdung zwischen den Generationen thematisiert wird. Nicht nur Dean und Grant, auch Henry selbst tut sich schwer damit, in dem Zwiespalt von familiären Traditionen, alten Werten und neuen Realitäten seinen Platz zu finden. Während Dean sich aber offen dagegen auflehnt und Grant einfach getürmt ist, spielt Henry eher Vogel Strauß und versucht nach außen hin den Anschein zu bewahren. Doch gleichzeitig wächst hinter dem aufgesetzten Grinsen seine Unsicherheit, weiß immer weniger, wie er sich in einer Welt überhaupt zu verhalten hat, in der alte Mechanismen ihre Gültigkeit verloren haben.Um jeden Preis – At Any Price Szene 2

Für diese Szenen lohnt sich Um jeden Preis – At Any Price, und auch für seine beiden Hauptdarsteller Quaid und Efron. Hätte sich Bahrani darauf konzentriert, anstatt gerade zum Ende hin immer neue Konflikte und Schicksalsschläge einbauen zu wollen, hätte der Film wirklich gut werden können. Trotz der überfrachteten Geschichte und eines fragwürdigen Endes bleibt aber ein immerhin ordentliches Drama, das effektiv bestehende Familienbilder seziert und den allgegenwärtigen Drang zum Erfolg hinterfragt.

Fazit: Gut gespielt und genau beobachtet ist Um jeden Preis – At Any Price die Geschichte einer Farmerfamilie, die sich in einer veränderten Welt zurechtfinden muss. Das beinhaltet viele starke Szenen, wird aber gerade zum Ende hin unnötig dramatisch und überfrachtet.

Wertung: 6 von 10

Um jeden Preis – At Any Price ist seit 27. März auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Traumstadt

Drama, Fantasy, Filmtipp, Horror, Science Fiction , geschriebenam 3 April, 2014 von 1 Kommentar

(„Traumstadt“ directed by Johannes Schaaf, 1973)

Traumstadt„Jeder Bürger hat das Recht, seine Individualität unmittelbar und rein zu verwirklichen. Jeder Stimmung darf Ausdruck verliehen, jedem Bedürfnis entsprochen, jeder Veranlagung nachgegeben werden.“

Warum eigentlich nicht? Schon länger verzweifelt Florian Sand (Per Oscarsson) an seinem Leben in der Münchner Großstadt, dem Lärm, den vielen Autos, den Zwängen, denen er als Künstler ausgesetzt ist. Immer wieder muss er in Galerien rennen und aller Welt Hände schütteln, nur um überhaupt Aufträge an Land zu ziehen. Selbstverwirklichung? Die gibt es nur in seinen Träumen. Als ihn ein Fremder aufsucht und in die weit entfernte Traumstadt einlädt, in der jeder das tun darf, was er mag, klingt das zu schön, um wahr zu sein. Zweifel hat Florian deshalb mehr als genug, und seine Frau Anna (Rosemarie Fendel) erst recht. Doch die 100.000 Mark, die der Fremde im Koffer hat, die sind real. Patera, ein alter Schulfreund und Gründer der Stadt, bietet sie Florian, damit der sich seinem Utopia anschließt.

Was er am Ende auch macht. Zuerst mit dem Flugzeug, dann auf Kamelen durch die Wüste reisen die beiden in die Traumstadt. Und zunächst sieht auch alles so aus wie beschrieben: Jeder darf wohnen, wo er will. Tun, was er will. Anziehen, was er will. Haben, was er will. Und er muss nicht einmal dafür bezahlen, denn das Prinzip des Geldes kennt man dort nicht. Doch Florian und Anna müssen feststellen, dass das nicht der Stoff ist, aus dem Träume gefertigt werden. Je freier, je ausschweifender die Bewohner bei der Auslebung ihrer Wünsche vorgehen, umso mehr verwandelt sich das unscheinbare Städtchen zu einem echten Alptraum. Seltsam auch: Patera, der Schulfreund, der große Gönner, keiner hat ihn je gesehen.

Lange Zeit hatte der deutsche Regisseur Johannes Schaaf (Trotta, Momo) gezögert, ob er wirklich „Die andere Seite“ von Alfred Kubin verfilmen sollte. Und wer den einzigen Roman des österreichischen Zeichners kennt, weiß warum. Lässt sich überhaupt eine Geschichte für die große Leinwand adaptieren, die eigentlich keine Geschichte ist, mehr eine Aneinanderreihung der seltsamsten Episoden? Bei der nie klar wird, wo Traum und Wirklichkeit ihre Grenzen haben, ja nicht einmal sicher ist, ob der Erzähler bei klarem Verstand ist? Nicht ohne Grund endet das Buch mit einem Epilog, in dem jener nach seinen Erfahrungen in dem Traumreich eine Heilanstalt aufsuchen muss.Traumstadt Szene 1

Die Antwort lautet ja, wenn auch mit Einschränkungen. Schaaf hält sich nicht sklavisch an das Ausgangsmaterial, nutzt es eher als eine Inspirationsquelle für eine Parabel um dekadente Gesellschaften, die in ihrer Selbstliebe dem Untergang geweiht sind. Einige der Szenen stammen aus dem Buch, andere fügte Schaaf zusammen mit seiner Ehefrau und gleichzeitiger Hauptdarstellerin Rosemarie Fendel selbst hinzu. Dass sich der gebürtige Stuttgarter inzwischen selbst kaum mehr erinnern kann, welche Bestandteile von ihm, welche von Kubin stammen, spricht Bände. Denn das zeigt auf der einen Seite, wie sehr Traumstadt aus einem Guss ist, gleichzeitig aber auch die Willkürlichkeit des Gezeigten. Viele Szenen hätte man in einer nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Reihenfolge aneinanderknüpfen können, ohne dass es dem Zuschauer aufgefallen wäre.

Wer in den Straßen der Traumstadt nach einem roten Faden sucht, wird deshalb bald in ihr verloren gehen und ebenso an ihr verzweifeln wie Anna. Die Massen erreicht der sonderbare Film schon bei seinem Kinostart 1973 nicht, 40 Jahre später dürften die Reaktionen bei vielen eher noch negativer ausfallen. Ein Fest ist Traumstadt hingegen für jeden, der eine Schwäche für das Seltsame hat. Schon Kubin galt einer der Wegbereiter der deutschen Surrealisten, Schaaf erschuf mit dieser Vorlage eine ganze Reihe großartiger, sehr befremdlicher Szenen. Wenn etwa das örtliche Theater keine Zuschauer mehr hat, nur noch Akteure, die ohne äußeren Zusammenhang Rollen aus den unterschiedlichsten Stücken spielen, alle zur selben Zeit, dann ist der Anblick faszinierend, bizarr und erschreckend zugleich.Traumstadt Szene 2

Diesem Prinzip folgt Traumstadt fast zwei Stunden lang, mit steigender Intensität: Hinter der unscheinbaren Fassade der nach europäischem Vorbild angelegten Stadt wartet eine verzerrte Mutation, hinter dem Kuriosen der Alptraum. Horror ist eines der Genres, mit dem der deutsche Film auf den bekannten Portalen klassifiziert werden soll. Und auch wenn das im Grunde genauso willkürlich ist wie der Film – Drama, Abenteuer, Fantasy, Science Fiction würden alle im gleichen Maß gut und schlecht passen – die bedrohliche Atmosphäre spricht durchaus dafür.

Nur Atmosphäre, nur (Alp)Traum, nur Surreales? Auch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn eingepackt in die bizarre Szenerie stecken berechtigte, existenzielle Fragen: Kann der Mensch in absoluter Freiheit leben? Ist die überhaupt wünschenswert? Wenn es nach Traumstadt geht, lautet die Antwort nein. All die Träumer, die Desillusionierten, die Unzufriedenen, die ihre Heimat verlassen haben, um endlich sie selbst sein zu dürfen, müssen erkennen, dass sie ohne diese äußere Welt und ihre Zwänge letztendlich nichts sind. „Hier passiert sowieso nie was“, seufzt einer der Bewohner, als Florian und Anne in die Stadt ziehen. Ohne diese Grenzen, ohne Ziele und Nöte, gibt es nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Zu leben lohnt. Immer grotesker und grausamer werden daher die Versuche der Selbstverwirklichung, bis die Leere und Unzufriedenheit in einem gewaltsamen Ausbruch ihren Weg nach draußen bahnt.

Manche Träume, so lernen wir dabei, wären vielleicht doch besser Träume geblieben.

Fazit: Was passiert, wenn jeder seine Träume verwirklichen kann? In der Romanverfilmung Traumstadt erhalten wir eine Antwort darauf, und die ist alles andere als traumhaft. Leicht macht es einem der seltsame Film von 1973 nicht, viele Zuschauer von heute werden sich am fehlenden roten Faden und der willkürlichen Handlung stören. Wer offen ist für das Surreale und existenzielle Fragen, für den wird die Genremischung aber ein Fest sein.

Wertung: 8 von 10

Traumstadt ist seit 28. März auf DVD erhältlich

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