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Technotise

Animation/Trickfilm, Science Fiction, Thriller , geschriebenam 21 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Technotise – Edit i ja“ directed by Aleksa Gajić, 2009)

TechnotiseNachdem die letzten Folgen unseres fortlaufenden Animationsspecials fest in amerikanischer und japanischer Hand waren, ist es wieder an der Zeit, auch Europa mal wieder einen Besuch abzustatten. Und dafür besichtigen wir in Teil 29 ein Land, das bislang noch gar nicht in dieser Reihe vertreten war und für viele filmisch gesehen auch ein unbeschriebenes Blatt darstellen dürfte: Serbien.

Manchen Menschen ist es einfach vorbestimmt, eine glänzende Karriere hinzulegen und bei jedem Schritt Erfolge einzusammeln. Edith ist keiner dieser Menschen. Noch immer wohnt die Studentin bei ihrer Mutter, hangelt sich von Prüfung zu Prüfung, ohne je wirklich zu glänzen. Als sie mal wieder durch eine gerasselt ist, greift sie zu verzweifelten Mitteln: Sie lässt sich von einem Schwarzhändler einen Chip implantieren, der alles speichert, was sie sieht. Tatsächlich schafft sie im Anschluss die Bestnote. Doch der Fremdkörper entwickelt ungewollte Nebeneffekte, als sie in einem Labor eine Formel sieht, welche das Potenzial hat, die komplette Menschheit auf den Kopf zu stellen.

Es ist grundsätzlich immer heikel, einem Land einen einheitlichen Stil zuordnen zu wollen. Denn selbst wenn sich so manche Tendenz finden lässt, Ausnahmen bestätigen nicht immer die Regel. Wer nun anhand von Technotise nach einer Aussage über serbische Animationsfilme sucht, wird daran entweder verzweifeln oder seine helle Freude haben, die verschiedenen Einflüsse zu suchen. Wie sein ungarischer Kollege Aron Gauner (The District) nutzt auch Aleksa Gajić die Möglichkeiten des Computers, um die unterschiedlichsten Animationsformen zu vereinen. Einiges ist an klassische Zeichentrickfilme angelehnt, andere Elemente sind typische Beispiele für Rechnergrafiken. Und auch bei den Figuren trifft man sich irgendwo in der Mitte zwischen amerikanischem Samstagmorgen-Cartoon und fernöstlicher Animeästhetik.Technotise Szene 1

Auch inhaltlich orientiert sich Technotise – in Deutschland alternativ unter dem Namen Robot Metropolis erhältlich – gleichermaßen an westlichen wie östlichen Vorbildern. Die Hooverboards kennen wir aus Zurück in die Zukunft, an manchen Stellen stand Blade Runner Pate, die geheimen wissenschaftlichen Experimente erinnern an Akira, die Überlegungen zu Mensch und Maschine an Ghost in the Shell. Das sind sicher nicht die schlechtesten Orientierungspunkte, weshalb auch das Potpourri bekannter Elemente für Science-Fiction-Fans sehenswert ist. Gleichwohl wäre es schön gewesen, wenn Gajić bei der Fortsetzung seines Comicbuchs ein bisschen mehr Eigenständigkeit gezeigt hätte. Etwas wirklich Originäres vermisst man hier, sieht man einmal von dem bizarren Verweis auf die serbische Politik ab. Auch werden einige Punkte nur angeschnitten, die durchaus spannende Frage, wie mit einem künstlichen Bewusstsein umzugehen ist, hätte etwas mehr Tiefe vertragen.Technotise Szene 2

Doch auch wenn Technotise nicht unbedingt zu den Klassikern des Genres gehört, ein wenig mehr Aufmerksamkeit hätte der serbische Animationsfilm verdient als seinen derzeitigen Platz auf dem Grabbeltisch. Denn er verbindet nach wie vor spannende Ideen mit einer gelungenen, sehr sauberen Optik, die gerade bei den Hintergründen richtig atmosphärisch ausgefallen ist. Dazu gibt es eine passende, tendenziell etwas unauffällige musikalische Begleitung zwischen Rock und Elektro. Da auch noch die eine oder andere rasante Actionszene hinzukommt, der Film an manchen Stellen auch Humor beweist, ist das Filmdebüt von Gajić ein kleiner Geheimtipp für Sci-Fi- wie Animationsfans. Umso enttäuschender ist, dass der Comickünstler sich seither nie wieder an einem Film versucht hat. Denn wer sich seinen schon länger nicht mehr aktualisierten Blog anschaut, entdeckt dort so einige Artworks, von denen man sich eine animierte Fassung durchaus gewünscht hätte.

Fazit: Technotise vereint inhaltlich und optisch diverse Einflüsse aus West und Ost zu einem sehenswerten Science-Fiction-Film. Ein bisschen mehr Eigenständigkeit und Tiefgang hätten nicht geschadet, Fans futuristischer Animationsfilme sollten sich den kaum bekannten, serbischen Vertreter aber ruhig einmal anschauen.

Wertung: 7 von 10

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Nymph( )maniac I + II

Drama, Erotik , geschriebenam 20 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Nymph( )maniac“ directed by Lars von Trier, 2014)

Nymph( )maniac I + IIAls der ältere Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) an einem kalten Winterabend auf dem Weg nach Hause ist, entdeckt er in einer Gasse eine halb bewusstlose, zusammengeschlagene Frau (Charlotte Gainsbourg). Doch wer hat die rund 50-Jährige so böse zugerichtet? Nachdem er sie mit in seine Wohnung genommen und versorgt hat, stellt sie sich als Joe vor und erzählt, wie es zu ihrem Zustand kam. Und diese Geschichte führt sie bis weit in ihre Kindheit, wo sich die ersten Anzeichen ihrer späteren Sexsucht zeigten.

„Aber wenn Sie es verstehen wollen, dann muss ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen. Und die ist lang. Mit einer Moral fürchte ich.“

Mit diesen Worten beginnt Joe ihre Ausführungen. Und sie sind nicht übertrieben: Ganze vier Stunden lang, verteilt auf zwei Teile, ist das neue Monster vom notorischen Skandalregisseur Lars von Trier. Wer den Director’s Cut schaut, muss sogar fünfeinhalb Stunden Zeit mitbringen. Da durfte es einem im Vorfeld durchaus Angst und Bange werden, denn schon in seinen kürzeren Werken ging das dänische Enfant terrible mit seinen akzentuierten Provokationen und Tabubrüchen bis an die Schmerzgrenze, manchmal auch darüber hinaus. Was würde ihm dann erst bei einer so umfangreichen Laufzeit alles an Gemeinheiten einfallen?Nymph( )maniac I + II Szene 1

Kurios geht es los, mit langen, geschmeidigen Kamerafahrten durch die Winterlandschaft und die kleinen Seitengassen, dazu ertönt im Hintergrund das brachiale Lied „Führe mich“ von Rammstein. Das Elegante und das Brutale, Schönheit und Dreck – in Nymph( )maniac tritt beides immer zusammen auf. Einen Porno wolle er drehen, kündigte von Trier im Vorfeld an. Und auch wenn es sicher nicht an expliziter Darstellung von Sex und Geschlechtsteilen mangelt, mit Erotik hat sein neuestes Werk nur wenig zu tun. Dafür aber mit Selbstbehauptung, mit Macht und auch mit Gewalt.

Wie schon in den ersten beiden Teilen seiner Depression-Trilogie – Antichrist und Melancholia – lässt von Trier uns teilhaben an den Störungen seiner Figuren und deren Auseinandersetzungen mit der Außenwelt. Doch indem er sie vor unseren Augen zerlegt, schneidet er uns auch den Fluchtweg ab, drängt uns unangenehme Fragen auf, zu uns, zu unserer Gesellschaft. Frauenfeindlich soll er sein, wird dem Dänen immer wieder vorgeworfen. Doch auch wenn Joe sicher nicht als Vorbild taugt, unter anderem für ihre manipulativen Züge und ihre Verantwortungslosigkeit als Mutter kritisiert werden kann, wirklich gut kommen auch die Männer nicht weg. Feige sind manche, andere verlogen, vor allem aber ohne Identität: Abgesehen von Joes Mann Jerôme (Shia LaBeouf) und Seligmann, bekommt hier niemand einen Namen. Nicht einmal ihr Vater (Christian Slater), der eine so große Rolle in ihrem Leben spielt, darf der Anonymität entkommen. Zum Schluss hin lässt sich Nymph( )maniac sogar zu einer deutlich feministischen Aussage hinreißen.Nymph( )maniac I + II Szene 2

Seine Kritiker dürften aber auch das als Affront auffassen und ihm mangelnde Glaubwürdigkeit vorwerfen. Genug Munition dafür liefert von Trier auf jeden Fall, bis zum Schluss lässt er konsequent offen, was an Nymph( )maniac ernst gemeint, was nur ein Spaß ist. Wenn Seligmann etwa anmerkt, Joes Geschichte bestünde aus zu vielen Zufällen, ist das dann ein Eingeständnis oder doch nur wieder Spott am Zuschauer? Und auch die vielen seltsamen Einfälle wie Splitscreens oder Schwarz-Weiß-Abschnitte, die ständigen Exkurse zu Musik, Mathematik, sogar Angeln und Waffen, wozu dienen sie? So ganz klar wird das nicht, zwischenzeitlich ermüden diese Extravaganzen auch mehr als dass sie faszinieren. Denn so beeindruckend und fordernd der Film an vielen Stellen ist, so nichtssagend und sich wiederholend ist er an anderen.

Doch selbst während der eher belanglosen Passagen darf man umwerfend starke Darstellungen bewundern. Wie immer treibt von Trier seine Schauspieler zu Höchstleistungen an, lässt sie sich verausgaben und in unwürdigen Posen ablichten. Gainsbourg, Skarsgård und Willem Dafoe durften das schon in früheren Filmen des Regisseurs über sich ergehen lassen, auch Dauergast Udo Kier lässt sich in einer – viel zu kurzen – Szene sehen. Überraschender ist da schon, welche ungeahnten Talente  in Shia LaBeouf und Christian Slater schlummern, die sie in ihren letzten Projekten so gar nicht zeigen durften. Doch die große Entdeckung ist Stacy Martin, welche die junge Joe spielt und schon in ihrer ersten Filmrolle unter Beweis stellt, dass wir da in Zukunft noch deutlich mehr zu erwarten haben.

Fazit: Macht, Gewalt oder doch Liebe? Lars von Trier dekliniert in seinem groß angelegten Filmopus die verschiedensten Formen von Sex durch und was er aus den Menschen macht. Das ist wie so oft beim dänischen Regisseur fordernd und faszinierend, manchmal aber auch einfach überladen, zu künstlich und nichtssagend.

Wertung: 7 von 10

Nymph( )maniac I + II ist seit 20. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Graceland

Crime, Drama, Thriller , geschriebenam 19 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Graceland“ directed by Ron Morales, 2012)

GracelandEr missbraucht seine Macht, ist korrupt, zudem noch pädophil. Aber eben auch erfolgreich. Und so kann niemand wirklich dem philippinischen Politiker Manuel Changho (Menggie Cobarrubias) etwas anhaben. Bis er eines Tages von seinen sexuellen Vorlieben eingeholt wird und plötzlich in der Klatschpresse steht. Dank seines Einflusses kommt er glimpflich davon, dafür muss sein Chauffeur Marlon Villar (Arnold Reyes) büßen, der nicht gut genug die Spuren beseitigt hat. Doch der wahre Alptraum beginnt erst, als Marlon am Steuer der Luxus-Limousine von Gangstern überfallen wird, die seine Tochter entführen und die seines Arbeitgebers töten. Denn um sein Kind wiederzubekommen, darf niemand erfahren, dass das andere dabei ums Leben kam.

Leicht macht es einem Graceland sicher nicht, inhaltlich nicht, aber auch optisch. Frei nach dem Motto „wegschauen gilt nicht“ hält Regisseur Ron Morales bei seinem Zweitlingswerk auch dann noch die Kamera drauf, wenn andere längst abgeschaltet hätten. Entsprechend schmerzhaft ist der philippinische Film, der uns fast schon genüsslich die Schattenseiten Manilas aufzeigt: Alles ist verdreckt, verkommen, trostlos. Und wenn sich doch einmal eine Farbe ins ewige Grau verirrt, dann nur auf dem Grundstück der Oberschicht, die auch von der Bildsprache her in einer ganz anderen Welt lebt. Oder im Rotlichtmilieu. Doch hinter den funkelnden Neonfarben wartet kein Glück, keine Freude, sondern das Elend. Im bitter-ironisch betitelten Graceland unterwegs zu sein, bedeutet immer, mit einem Bein im Abgrund zu stehen. Mindestens. Und spätestens wenn wir im späteren Verlauf das Bordell selbst betreten, brennen sich die Bilder unwiderruflich ins eigene Gedächtnis rein.Graceland Szene 1

Dass Morales mit einem derart kritischen Film auf keine große Unterstützung von oben hoffen durfte, wundert nicht, denn wer ihn gesehen hat, verspürt keine große Lust, dieses Land je zu bereisen. Entsprechend schwierig waren dann auch die Dreharbeiten, die mit nur wenig Geld und unter hohem Zeitdruck entstanden. Diese widrigen Umstände erweisen sich bei Graceland als Stärke und Schwäche zugleich. Stark ist auf jeden Fall die Inszenierung geworden. Ob es nun die geradezu surrealen Müllberge sind oder die engen Gässchen, durch die rastlosen Aufnahmen der Handkamera entwickelt sich eine fiebrige Atmosphäre, das Gefühl in einem Alptraum gefangen zu sein.

Gleichzeitig hat die überhastete Erzählweise der Geschichte an sich aber mehr geschadet als genützt, denn hier ist kein Platz und keine Zeit mehr für Entwicklung. Das macht sich sowohl in der Handlung bemerkbar, den etwas wahllosen, teils auch willkürlichen Szenen. Vor allem aber leiden die Figuren darunter, die über das Anfangsstadium nie hinauskommen. Changho, seine Frau, die Polizei – sie alle bleiben schablonenhaft, ohne echte Eigenschaften. Und selbst Marlon hätte deutlich mehr Tiefe gebraucht, um als Identifikationsfigur zu funktionieren. Während die Kamera oft sehr nahe an ihn herangeht, bleibt das unter der Oberfläche verborgen.Graceland Szene 2

Der größte Schwachpunkt bleiben bis zum Ende die hölzernen Dialoge in Verbindung mit der missglückten Synchronisation. Schon in den ersten Minuten zuckt man unweigerlich zusammen, sobald eine der Figuren etwas sagt. Und daran wird sich leider auch nichts mehr ändern. Anstatt einen tiefer ins Geschehen zu ziehen, wird man ständig daran erinnert, sich gerade einen Film anzusehen. Diese fehlende Immersion wäre aber notwendig gewesen, um auch tatsächlich beim Kampf Marlons mitzufiebern oder sich überhaupt dafür zu interessieren. Dass so manche Wendung besser draußen geblieben wäre, sich die Figuren nicht immer nachvollziehbar verhalten und allgemein einiges an Graceland wenig plausibel ist, verstärkt den Eindruck der Künstlichkeit. Und das ist richtig schade, als reine Milieustudie wäre das Prostitutionsdrama fantastisch gewesen. In Kombination mit einem nur mäßigen Thriller bleibt der Film jedoch weit unter seinen Möglichkeiten. Doch trotz dieser inhaltlichen Schwächen, sehenswert ist das mutige und unbequeme Graceland unbedingt, denn nur selten wagt sich ein Filmemacher derart konsequent in den Morast einer Gesellschaft.

Fazit: Graceland nimmt sich des schwierigen Themas Kinderprostitution an und zeigt in trostlosen, manchmal schmerzhaften Bilder die Schattenseite der Philippinen. Während der Film als Milieustudie großen Eindruck hinterlässt, ist der Thrillerteil eher schwach.

Wertung: 6 von 10

Graceland ist seit 18. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

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DVD

Kiriku und die wilden Tiere

Abenteuer, Animation/Trickfilm, Familie, Fantasy , geschriebenam 18 November, 2014 von Keine Kommentare

(„Kirikou et les bêtes sauvages“ directed by Michel Ocelot and Bénédicte Galup, 2005)

Kiriku und die wilden TiereKiriku mag nicht der größte sein, wenn es um den bloßen Körperbau geht. Doch der kleine Junge ist gewitzt und findet für jedes Problem eine Lösung. So zum Beispiel, als eine schwarze Hyäne den gemeinsamen Gemüsegarten bedroht. Hin und wieder beweist er auch großen Mut, wie sein Großvater in diversen Geschichten zu erzählen weiß. Und den braucht er auch, denn ständig werden er und die anderen Einwohner des afrikanischen Dorfes von der bösen Hexe Karaba bedroht.

Überraschend lange hat es gedauert, ganze sieben Jahre, bis 2005 mit Kiriku und die wilden Tiere der Nachfolger des Überraschungserfolgs Kiriku und die Zauberin in die Kinos kam. Und wenn es nach Michel Ocelot gegangen wäre, hätte es auch bei dem einen Film bleiben können. Doch der französische Regisseur und Erfinder von Kiriku ließ sich am Ende erweichen, wohl auch mit der Aussicht auf den zu erwarteten Geldregen. Nur brachte das zwei Probleme mit sich. Wie soll eine Geschichte fortgesetzt werden, die zuvor mit dem erwachsenen Kiriku bereits abgeschlossen war? Schließlich lag ein Teil des Charmes des Vorgängers eben darin begründet, wie ein kleiner Junge es den Großen mal so richtig zeigt. Außerdem hatte Ocelot eigentlich überhaupt keine Zeit für das Projekt, war er doch selbst mit seinem nächsten Film Azur und Asmar beschäftigt. Für beide Probleme fanden sich Lösungen, auch wenn die Auswirkungen auf Kiriku und die wilden Tiere nicht unbedingt immer positiv waren.Kiriku und die wilden Tiere Szene 1

Dem Problem der inhaltlichen Kontinuität ging Ocelot aus dem Weg, indem er eben keine Fortsetzung drehte, kein Sequel, sondern ein sogenanntes Midquel. Kiriku und die wilden Tiere spielt zu derselben Zeit wie Teil eins, erzählt jedoch mehrere kleine Alltagsgeschichten, die sich unabhängig von der Hauptgeschichte zugetragen haben sollen. Nun muss eine mehrgeteilte Erzählung nicht zwangsweise ein Nachteil sein, Ocelot selbst hat mit Princes et princesses und Les Contes de la nuit zwei weitere Anthologien veröffentlicht. Und auch Kiriku und die Zauberin hatte zwischenzeitlich einen deutlich episodenhaften Charakter. Doch gab es dort trotz allem eine übergreifende Handlung und mit dem Sieg über die Hexe ein klar definiertes Ziel. Beides fehlt hier, weshalb die einzelnen Abenteuer im Vergleich zu den vorherigen dann doch spürbar beliebiger geworden sind. Und auch belangloser, denn das Ergebnis wurde durch den ersten Teil ja bereits vorweggenommen. Als Zuschauer weiß man daher bereits, dass sich in den rund 110 Minuten nichts ändern wird, keine unvorhergesehene Wendung eintreten darf.

Die Schwierigkeit der mangelnden Kapazität wiederum überwand Ocelot, indem er erstaunlich viele Verantwortlichkeiten abgab. Anstatt wie sonst üblich allein für Regie und die Geschichte zuständig sein, teilt er den Regiestuhl dieses Mal mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Bénédicte Galup, die vier Episoden wurden von insgesamt vier verschiedenen Autoren geschrieben. Anzumerken sind die vielen Einflüsse jedoch nicht, die beiden Filme sind sich so ähnlich, als hätte es nie einen Wechsel gegeben. Das darf man durchaus positiv finden, schließlich sind die bewährten Stärken von Kiriku und die Zauberin so erhalten geblieben: eine exotische, farbenfrohe Kulisse, interessante Perspektiven, eine zauberhafte Atmosphäre, dazu eine kindgerechte Handlung und die gewohnt schöne Musik. Der Nachteil ist jedoch, dass beim Versuch, dem ersten Teil gerecht zu werden, sich so sehr an ihm orientiert wurde, dass Kiriku und die wilden Tiere eine eigene Identität fehlt. Wären die vier Geschichten als Outtakes auf der DVD des Vorgängers gewesen, niemandem wäre etwas aufgefallen.Kiriku und die wilden Tiere Szene 2

Der einzige tatsächlich sichtbare Unterschied betrifft die Optik. Stilistisch sehr ähnlich, wurde diesmal jedoch bedeutend mehr auf die Hilfe des Computers zurückgegriffen. War Kiriku und die Zauberin noch echte Handarbeit, sind gerade die Hintergründe diesmal oftmals am Rechner entstanden. Ob auch dies nun auf die Kapazitätengpässe zurückzuführen ist oder auf Ocelots Faszination für die neuen Animationsmöglichkeiten – das zeitgleiche Azur und Asmar entstand sogar komplett am Computer – ist nicht bekannt, und der jungen Zielgruppe dürfte der Stilbruch ohnehin egal gewesen sein. Tatsächlich konnte der zweite Film mit Kiriku in seiner Heimat den Erfolg des ersten mühelos wiederholen, bereits nach drei Wochen hatten über eine Million Besucher Kiriku und die wilden Tiere gesehen. Kein Wunder also, dass es diverse Versuche gab, über alle Medienformen hinweg aus der Beliebtheit des Animationsfilmes Kapital zu schlagen: ein Videospiel, eine eigene Zeitschrift, selbst ein Musical – der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Nur auf einen neuen Film mussten kleine wie große Fans lange verzichten, denn es sollte wieder volle sieben Jahre dauern, bis das lang erwartete dritte Abenteuer Kiriku und die Männer und Frauen 2012 seine Premiere feierte.

Fazit: Die Fortsetzung des Überraschungserfolgs führt die Stärken von Kiriku und die Zauberin nahtlos fort, schafft es jedoch nicht, eine eigene Identität aufzubauen und hat aufgrund seines Midquel-Status mit einer gewissen Beliebigkeit zu kämpfen. Die junge Zielgruppe wird es aber nicht stören, denn zauberhaft sind auch die neuen Abenteuer des kleinen afrikanischen Jungen.

Wertung: 6 von 10

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The Prince – Only God Forgives

Action, Thriller , geschriebenam 18 November, 2014 von Keine Kommentare

(„The Prince“ directed by Brian A. Miller, 2014)

The Prince – Only God ForgivesEs hätte ein Neuanfang sein sollen für Paul (Jason Patric): Die Schusswaffen tauschte er gegen Werkzeugschlüssel, der früher unter dem Namen „The Prince“ bekannte Auftragskiller arbeitet nun als Automechaniker. Tatsächlich verläuft sein Leben auch einigermaßen friedlich, bis eines Tages seine Tochter Beth verschwindet. Zusammen mit ihrer Bekannten Angela (Jessica Lowndes) macht er sich auf die Suche nach der Vermissten, erregt mit seiner rücksichtlosen und wenig gewaltscheuen Ermittlung jedoch die Aufmerksamkeit seiner früheren Freunde und Feinde. Und einen größeren Feind als Omar (Bruce Willis) kann man sich wohl kaum vorstellen, jenen Gagngsterboss, den Paul seinerzeit hatte in die Luft sprengen wollen und dessen Familie er dabei tötete.

Bruce Willis, quo vadis? – möchte man bei The Prince – Only God Forgives fragen. Während Jason Patric und John Cusack schon des Öfteren beweisen durften, dass sie bei ihrer Rollenwahl nicht übermäßig wählerisch sind, verwundert es beim nach wie vor äußerst prominenten Willis dann doch noch immer, ihn in einer Quasi-Direct-to-Video-Produktion zu sehen. Am Ende war es wohl doch das Geld, denn allgemein scheint beim Actionthriller das Besetzungsbudget ordentlich gewesen zu sein: Neben Willis, Patric und Cusack sind auch Rapper 50 Cent und der südkoreanische Sänger Rain zu sehen – wenn auch nur in verschwindend kleinen Rollen.The Prince – Only God Forgives Szene 1

Für den kommerziellen Erfolg mag derartiges Namesdropping natürlich äußerst förderlich sein, aus Sicht des Zuschauers wäre es aber schöner gewesen, auf unbekanntere Darsteller zurückzugreifen und dafür mehr Geld in die Drehbuchautoren zu investieren. Dann hätte es vielleicht die Chance gegeben, mehr als durchformulierte Standardware zu bekommen, dessen einzige kreative Leistung darin bestand, Namen für die Protagonisten zu finden. War die letzte Regiearbeit von Brian A. Miller Officer Down mit seiner unchronologischen Erzählweise und der später unerwarteten Wendung zumindest etwas ambitioniert, beschränkt sich die Überraschung bei The Prince darauf, Willis mal auf der Seite der Bösen zu finden.

Wobei: So richtig funktioniert die Einteilung in Gut und Böse hier ohnehin nicht. Auch wenn Paul eindeutig als Sympathieträger etabliert werden soll, der sich der Verbrechen entsagt hat und für eine gerechte Sache kämpft, so ganz überzeugen will das hier nicht. Die Dialoge sind wie so oft in dem Segment heillos übertrieben, tragische Geschichten werden im Pathos ertränkt, der angestrebte Coolnessfaktor von ihm und auch den anderen Figuren sieht Langeweile mitunter erstaunlich ähnlich. Interessant ist daher niemand, mitfühlen will man auch nicht, immerhin macht es aber zumindest bei manchen von ihnen Spaß zuzusehen. Rain etwa wirkt in diesem Umfeld als femininer Sadist geradezu wohltuend kurios, und John Cusack scheint nach The Paperboy und Grand Piano ohnehin seine Berufung für die gesetzesferne Seite gefunden zu haben. Auch wenn deren Auftritte eher kurz sind, gehören sie doch zu den Highlights des ansonsten nur wenig bemerkenswerten Actionfilms.The Prince – Only God Forgives Szene 2

Nun stehen bei Genrefans Punkte wie eine originelle Geschichte, interessante Figuren oder glaubwürdige Dialoge nicht ganz so weit oben auf der Prioritätenliste. Schließlich lassen sich inhaltliche Schwächen leichter verschmerzen, wenn es dafür ordentlich knallt und rumst. Doch auch darauf muss man bei The Prince erstaunlich oft verzichten. Meistens begnügen sich die Protagonisten mit der Androhung von Gewalt, weniger der Ausführung, erst beim durchaus brauchbaren Finale werden dann auch die Waffen gezückt. Aber reicht das für einen gesamten Film? Vielleicht, wenn man leidenschaftlicher Anhänger von Filmen wie 96 Hours ist oder Mitglied eines Willis-Fanclubs. Der Rest findet in der B-Movie-Auswahl der Videothek um die Ecke Massen an Alternativen, die auch nicht wirklich schlechter sind.

Fazit: Große Namen, aber nur wenig dahinter: The Prince – Only God Forgives begnügt sich mit dem Nötigsten, hat weder bei der Geschichte, noch Dialogen oder Figuren etwas Interessantes zu erzählen. Dafür entschädigen diverse bekannte Gesichter, und auch das actionreiche Finale ist brauchbar.

Wertung: 5 von 10

The Prince – Only God Forgives ist seit 10. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

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