DVD

L’auberge espagnole – Wiedersehen ins St. Petersburg

Drama, Komödie, Romanze , geschriebenam 19 August, 2014 von Keine Kommentare

(„Les Poupées russes“ directed by Cédric Klapisch, 2005)

L’auberge espagnole – Wiedersehen ins St. PetersburgFünf Jahre sind vergangen, doch der Traum von Xavier (Romain Duris), ein berühmter Schriftsteller zu werden, hat sich nicht wirklich bewahrheitet. Stattdessen verdient er sein Geld als Ghostwriter und mit dem Schreiben kitschiger Drehbücher fürs Fernsehen. Und auch mit der Liebe will es bei ihm nicht so recht klappen. Frauenbekanntschaften hat er mehr als genug, doch das mit der festen Beziehung scheitert ein ums andere Mal. Doch so richtig kompliziert wird es erst, als sich das Berufliche und Private vermischen, er zusammen mit Wendy (Kelly Reilly) in London ein Drehbuch verfassen soll. Denn durch die enge Zusammenarbeit entwickelt er Gefühle für seine ehemalige Mitbewohnerin, hat aber gleichzeitig in Paris etwas mit dem Model Celia (Lucy Gordon) laufen.

Wenn es nach Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch gegangen wäre, hätte es nie einen Nachfolger zu seinem Überraschungshit L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr gegeben. Und die Skepsis war verständlich: Wie sollte man die charmante WG-Komödie fortsetzen, nachdem sie sich zum Schluss doch aufgelöst hatte? Klapischs Antwort war, es gar nicht wirklich zu tun. Anders als der deutsche Titel suggeriert, wird die alte Geschichte überhaupt nicht fortgesetzt. Zwar finden zum Schluss tatsächlich alle Mitbewohner noch einmal zusammen – Anlass ist die Hochzeit von Wendys Bruder William (Kevin Bishop) in St. Petersburg – doch das macht nur einen kurzen Teil des Films auf und wirkt doch reichlich erzwungen.L’auberge espagnole – Wiedersehen ins St. Petersburg Szene 1

Stattdessen pickt sich Klapisch nur einige seiner alten Figuren heraus – neben Xavier, Wendy und William sind das Xaviers Ex Martime (Audrey Tautou) und seine lesbische Freundin Isabelle (Cécile de France) und erzählt, wie es für sie nach Barcelona so weiter ging. Vor allem die amourösen Verstrickungen stehen dabei im Vordergrund, denn von William einmal abgesehen kann keiner von ihnen auf ein wirklich erfolgreiches Liebesleben zurückblicken. Mit der Verschiebung des inhaltlichen Fokus und der Konzentration auf einige der Figuren geht auch ein Wechsel des Tons einher. Zwar darf auch hier anfangs ausgiebig gelacht werden, wir dürfen wieder über einige inszenatorische Spielereien schmunzeln und in Russland kommen auch die bekannten Culture-Clash-Momente hinzu. Doch vor allem in der zweiten Hälfte wird L’auberge espagnole – Wiedersehen ins St. Petersburg ausgesprochen ernst, ist mehr Liebesdrama als Komödie.

Das wäre für sich genommen nicht weiter schlimm, wäre das Ergebnis glaubwürdiger. War der erste Teil bei aller ironischen Übertreibung ein authentischer Blick auf das Leben von Studenten, wird hier einfach zu viel hineingepackt. Gerade zum Ende hin ist sämtliche Leichtigkeit dahin und der mit über zwei Stunden Laufzeit deutlich zu lange Film verkommt zu einer recht zähen Angelegenheit. Das sahen wohl auch die Zuschauer so, denn während in Heimatland Frankreich die Fortsetzung fast ebenso viele Zuschauer in die Kinos locken konnte wie die erste Geschichte um Xavier und Co., war Wiedersehen in St. Petersburg in Resteuropa nur noch ein deutlich geschrumpftes Publikum vergönnt.L’auberge espagnole – Wiedersehen ins St. Petersburg Szene 2

Und das ist schade, denn an vielen Stellen blitzt der Charme des Originals immer noch auf und ein bisschen ans Herz gewachsen war einem die Chaotentruppe ja auch. Immerhin durften wir dieses Jahr mit einigen davon nach langer Wartezeit ein Wiedersehen feiern, denn fast schon überraschend kam mit Beziehungsweise New York im Frühjahr ein dritter Teil in die Kinos und im September dann auch in den Handel.

Fazit: Wiedersehen macht Freude, meistens zumindest. Tatsächlich macht der zweite Film um Xavier und Co. über weite Strecken Spaß, ist witzig und charmant. Doch später ist der zu lang geratene Nachfolger überfrachtet und büßt sowohl die Leichtigkeit als auch die Authentizität des Vorgängers ein.

Wertung: 6 von 10

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DVD

Party Invaders

Science Fiction, Thriller , geschriebenam 13 August, 2014 von Keine Kommentare

(„+1“ directed by Dennis Iliadis, 2013)

Party InvadersDumm gelaufen: Zwei Jahre sind David (Rhys Wakefield) und Jill (Ashley Hinshaw) nun schon ein Paar, die Freude auf ein Wiedersehen war groß. Doch die ist schnell vorbei, als David ausgerechnet mit Jills großer Konkurrentin rumknutscht und dabei von ihr erwischt wird. Mit der Partnerschaft hat es sich danach erledigt, die Betrogene will nichts mehr von dem Fremdknutscher wissen. Doch so ganz mag David die Hoffnung nicht aufgeben, auf der größten Collegeparty aller Zeiten soll das Herz der Angebeteten zurückerobert werden. Aber das wäre schon unter normalen Umständen schwierig. Und hier läuft einiges alles andere als normal: Jill gibt es plötzlich zweimal, genau wie David. Und alle anderen auch. Eine Gruppe zeitreisender Doppelgänger hat die Party unterlaufen und kommt mit jedem Stromausfall näher. Doch was wollen die? Wo kommen die überhaupt her? Und wie können wir sie aufhalten?

So eine richtige Erklärung dafür hat niemand, nicht einmal Dennis Iliadis (Remake von The Last House on the Left), der hier nicht nur als Regisseur auftritt, sondern auch für die Idee dahinter verantwortlich ist. Die ist zweifelsfrei originell, hätte aber gerne noch weiter ausgebaut werden dürfen; viel erklärt wird nicht, selbst nach dem Abspann weiß man nicht so recht, was da eigentlich passiert ist. Aber auch wenn die Antworten für manche enttäuschend dürftig ausfallen werden, die Fragen sind dafür umso interessanter.Party Invaders Szene 1

Wenn David und die anderen beispielsweise darüber nachdenken müssen, wie ein vergangenes Ich das zukünftige beeinflusst – und umgekehrt – blitzen immer wieder bekannte Vorbilder wie Zurück in die Zukunft oder Looper hervor, hinzu kommen bewährte Zeitschlaufengags à la Und täglich grüßt das Murmeltier oder Edge of Tomorrow. Vor allem gibt es dabei auch immer wieder spannende Momente, schließlich wissen David und die anderen nie genau, wer von den Gästen real ist, wer die täuschend echte Kopie. Ein bisschen Blut fließt bei den Auseinandersetzungen mit den Partycrashern auch, allzu brutal wird der Science-Fiction-Thriller dabei jedoch nicht.

Das wäre für die Zielgruppe aber vermutlich auch unpassend gewesen, zumindest liegt der Verdacht nahe, dass hier eher teenageraffine und -zugehörige Zuschauer angesprochen werden sollen. Jung, hübsch, etwas unbedarft, die Figuren hätten aus einer beliebigen Sopa Opera entnommen werden können. Tatsächlich tut Party Invaders – nicht nur wegen des etwas unglücklichen deutschen Titels – die erste halbe Stunde so, als wäre er nicht mehr als eine weitere alberne Teenieklamotte, angereichert mit den Partyexzessen aus Project X.Party Invaders Szene 2

Dass hier mehr geboten wird, ahnen Thrillerfreunde schon bei einem Blick auf die Besetzung. Ob Kalkül oder Zufall, bemerkenswert ist es auf jeden Fall, dass der australische Sonnyboy Rhys Wakefield nach The Purge und The Philosophers schon das dritte Mal in kurzer Folge in einem Genrefilm mit doch recht ungewöhnlicher Grundidee mitspielt. Wie bei den beiden anderen Beispielen wurde auch hier nicht das gesamte Potenzial genutzt, zu oft ruht man sich auf Konventionen und Altbekanntem aus. Wer darüber hinwegsehen kann und sich auch nicht an einer Teenager-Love-Story stört, der darf bei dieser Party überraschend viel Spaß haben.

Fazit: Ich bin ich, aber wer bist du? Der Anfang lässt auf eine gewöhnliche Teenieklamotte schließen, später wandelt sich Party Invaders aber in einen zwar nur dürftig erklärten, dafür umso orignelleren Science-Fiction-Thriller.

Wertung: 6 von 10

Party Invaders erscheint am 15. August auf DVD und Blu-ray

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Kino

Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste

Mockumentary, Satire , geschriebenam 12 August, 2014 von Keine Kommentare

(„Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ directed by Isabell Šuba, 2013)

Männer zeigen Filme & Frauen ihre BrüsteMarktplatz der Eitelkeiten: Wenn bei den Filmfestspielen von Cannes einmal im Jahr die filmische Prominenz zusammenkommt, dann nicht nur um zu sehen und gesehen zu werden, sondern auch um zu verkaufen. Als Isabell Šuba (Anne Haug) mit ihrem Kurzfilm Chica XX Mujer nach Südfrankreich eingeladen wird, will sie die Gunst der Stunde nutzen, um auch gleich einen Interessenten zu finden, der ihren nächsten geplanten Film finanziert. Doch dabei geht alles schief: Ein geplantes Interview platzt, sie kommt nicht auf eine wichtige Veranstaltung und zu allem Überfluss hat ihr Produzent David (Matthias Weidenhöfer) ungefragt Untermieter in ihrem Apartment untergebracht.

Die große Besonderheit von Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste ist weniger der Inhalt, sondern vielmehr, wie der zustande gekommen ist. Isabell Šuba gibt es tatsächlich und sie wurde auch wirklich nach Cannes eingeladen. Nur trat sie dort nicht selbst auf, sondern ließ sich von einer Schauspielerin verkörpern und dabei filmen, während sie selbst unter einem anderen Namen anreiste. Und um das Chaos komplett zu machen: Matthias Weidenhöfer ist tatsächlich Produzent, nur heißt er eben nicht David und tritt im wahren Leben – so wäre es zumindest zu hoffen – souveräner aus, als es der machohafte, wenig zuverlässige David tut.Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste Szene 1

Wofür die Scharade? Der Titel verrät es: Bei aller selbstüberzeugter Noblesse, Cannes ist nicht mehr als ein Viehmarkt im Glitzerfummel. So ist der Wettbewerb fest in Männerhand, Regisseurinnen sind dort kaum zu sehen. Dafür haben die Frauen einen festen Platz auf dem roten Teppich, dürfen dort tiefe Einblicke ins Dekolleté gewähren, während sich das Drumherum betont seriös gibt. Material für eine Satire gibt das altehrwürdige Filmfestival also allemal her. Über die bloße Erwähnung des Misstandes hinaus hat Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste jedoch nur wenig zu dem Thema beizutragen. Warum Frauen dort unterrepräsentiert sind, wird ebenso wenig verraten wie wer die Schuld daran trägt oder wie man die Situation verbessern könnte.Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste Szene 2

Stattdessen dürfen wir einen Großteil des Films mitansehen, wie Isabell und David sich streiten, beleidigen und dann wieder streiten. Das ist anfangs noch recht witzig, wird mit der Zeit aber nur noch anstrengend, zumal sich dem Zuschauer auch nicht ganz erschließt, weshalb die beiden überhaupt zusammenarbeiten. Vor allem Isabell zeigt sich vom ersten Moment an als aggressive Dauernörglerin, die nur wenig dafür tut, um bei ihrem Umfeld und Publikum auch nur irgendwie sympathisch zu sein. Spannender ist es, wenn das Chaotenduo auf den Rest des Filmbetriebs stößt, sei es bei Interviews oder dem Versuch, eine Westernkomödie zu pitchen. Ob die Szenen echt sind, also à la Jackass: Bad Grandpa Sketche mit einem realen Umfeld gespielt werden oder ob auch das ein abgekartetes Spiel ist, das verrät Šuba nicht – weder die echte, noch die falsche. Doch das macht den anarchischen Charme des Films aus, der Cannes eben als große Selbstinszenierung entlarven wollte.

Fazit: Frauen dienen bei den Filmfestspielen von Cannes als reines Anschauungsobjekt: Von dieser These ausgehend drehte Isabell Šuba einen interessanten Film über das Filmgeschäft, der die Grenzen von Fiktion und Dokumentation geschickt verwischt, sich aber zu sehr mit seinen beiden Hauptfiguren aufhält.

Wertung: 6 von 10

Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste läuft ab 14. August im Kino

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DVD

iLove – geloggt, geliked, geliebt

Komödie, Romanze , geschriebenam 11 August, 2014 von Keine Kommentare

(„A Case of You“ directed by Kat Coiro, 2013)

iLove – geloggt, geliked, geliebtMan kann nicht unbedingt behaupten, Sam (Justin Long) stünde mit beiden Beinen fest im Leben. Beziehungen kann er keine vorweisen, ein rechtes Ziel vor Augen hat er nicht, sein Geld verdient der Schriftsteller mit dem Adaptieren zweitklassiger Fantasyfilme. Das beschafft ihm zwar Fans, und davon leben kann er auch. Aber sein Traum war eigentlich ein anderer: einen echten Roman schreiben. Und seine Fantasie wird in der letzten Zeit kräftig befeuert, seitdem er in seinem Stammcafé die Kellnerin Birdie (Evan Rachel Wood) sieht. Als die jedoch entlassen wird und sich damit seine Chancen auf näheres Kennenlernen in Luft auflösen, kommt er dank seines Mitbewohners Eliot (Keir O’Donnell) auf die Idee, ihr mit Hilfe des Internets näherzukommen. Und so verbringt Sam seine Zeit damit, ihr Online-Profil in- und auswendig zu lernen, um so zu ihrem Traummann zu werden.

Ob wir es nun gut finden oder nicht, das Internet ist längst mit unserem Alltag verschmolzen, ein Leben ohne ist kaum mehr vorstellbar. Ein Wunder ist es daher nicht, wenn immer mehr Filmemacher das Netz als Thema entdecken, darüber sprechen, wie es uns und unseren Umgang miteinander beeinflusst. Während viele damit jedoch auf die Gefahren aufmerksam machen wollen (Disconnect, Homevideo), soll mit iLove – geloggt, geliked, geliebt eine Lanze gebrochen werden für die Möglichkeiten, die wir auf diese Weise erhalten. Denn ja, natürlich ist es praktisch, Vorlieben des anderen schon im Vorfeld zu erfahren und sich so besser darauf einstellen zu können.iLove – geloggt, geliked, geliebt Szene 1

Hat die Idee hinter dem Film noch Charme, kann man das vom dem Ergebnis nur bedingt behaupten. Von Anfang ist wird deutlich, dass iLove zunächst einmal als Liebeskomödie gedacht ist. Das wäre ja dem Thema im Prinzip durchaus angemessen, wenn nur die Witze komisch wären. Doch ein ums andere Mal verpuffen die Gags wirkungslos, dem Humor fehlen einfach die Leichtigkeit und auch die originellen Einfälle, die es gebraucht hätte. Schlimmer noch, der Film schafft es sogar, das versammelte Potenzial seiner Nebendarsteller zu vergeuden. Ob Sam Rockwell als versponnener Gitarrenlehrer, Birdies tuntiger Kollege Gerard (Peter Dinklage) oder Vince Vaughn in der Rolle von Sams geldgeilen Verleger Alan, sie alle bleiben erschreckend blass.iLove – geloggt, geliked, geliebt Szene 2

Besser wird es, wenn sich das Drehbuchtrio Justin und Christian Long sowie Keir O’Donnell stärker dem Zwischenmenschlichen widmet. Wenn es gar nicht mehr darum geht, die Zuschauer zum Lachen zu bringen, sondern darüber nachzudenken, was eigentlich eine Beziehung ausmacht. Wie viel Gemeinsamkeiten braucht es, was muss man voneinander wissen? Wie viel sollte man aufgeben? Gerade in der zweiten Hälfte schleichen sich dann immer wieder Szenen in die Geschichte, die sich zwar auf Allgemeinplätzen tummeln, dafür aber warmherzig und auch authentisch sind. Mit dem Internet hat das dann zwar nicht mehr viel zu tun, und ein bisschen Kitsch darf da auch nicht fehlen. Doch immerhin fällt es als Zuschauer nicht schwer, sich ein wenig mit dem linkischen Sam mitzufühlen, der alles dafür tun würde, um mit Birdie zusammen zu sein und sich dabei selbst vergisst.

Fazit: Eine Liebeskomödie über einen Mann, der mit Hilfe des Internets seine Herzdame erobern will, das klingt charmanter als es ist. Während die erste Hälfte aufgrund langweiliger Witze nicht wirklich überzeugt, kommen später einige schöne Szenen über die Bedeutung von Beziehungen dazu.

Wertung: 5 von 10

iLove – geloggt, geliked, geliebt ist seit 8. August auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Le Passé – Das Vergangene

Drama, Filmtipp , geschriebenam 10 August, 2014 von Keine Kommentare

(„Le Passé“ directed by Asghar Farhadi, 2013)

Le Passé – Das VergangeneEs gibt sicherlich schönere Gründe, in die alte Heimat zurückzukehren. Vier Jahre war der Iraner Ahmad (Ali Mosaffa) nicht mehr in Frankreich gewesen, seitdem seine Ehe mit Marie (Bérénice Bejo) in die Brüche gegangen war. Und nun soll diese auch offiziell geschieden werden, damit der Weg für Samir (Tahar Rahim) frei ist, mit dem Marie inzwischen liiert ist. Für Ahmad ist die Situation vor Ort natürlich alles andere als angenehm, doch immerhin, die Freude ist groß, die Kinder wiederzusehen. Während die jüngere Tochter Léa (Jeanne Jestin) kein Problem damit hat, Samir und dessen Sohn Fouad (Elyes Aguis) zu akzeptieren, tut sich die 16-jährige Tochter Lucie (Pauline Burlet) deutlich schwerer. Immer häufiger bleibt sie weg, weigert sich nach Hause zu kommen. Ahmad, so die Hoffnung von Marie, soll herausbekommen, warum die Jugendliche seit einiger Zeit so auffällig verhält.

Und am Ende haben sich alle lieb? Keine Chance, anders als bei der Brady Family zeigt der iranische Regisseur und Drehbuchautor Asghar Farhadi (Nader und Simir) hier, was bei Patchwork-Familien schief gehen kann – und das ist eine ganze Menge. Zwei Kinder aus zwei verschiedenen Beziehungen hat Marie im Schlepptau, keines stammt von Ahmad oder Samir, dafür hat Letzterer ein eigenes Kind und dazu eine Frau, die im Koma liegt. Hier gibt es so viele Verwicklungen, dass man sich fragt, ob denn wenigstens die Betroffenen noch den Überblick haben. Zumal ausgerechnet die Person, die alle anderen zusammenhalten sollte – Marie – damit heillos überfordert ist.Le Passé – Das Vergangene Szene 1

Und für den Zuschauer ist das auch nicht immer alles leicht zu schlucken; komplizierte Familienverhältnisse in allen Ehren, würde man nur die Zusammenfassung der Wendungen lesen, könnte man Le Passé leicht auch für eine Soap Opera halten. Das gilt umso mehr, weil das französische Drama ein recht eigenwilliges Tempo hat. Den Beginn langsam zu nennen, wäre noch untertrieben. Fast in Zeitlupe bewegen wir uns vorwärts, Farhadi lässt sich Zeit, viel Zeit, um Figuren und ihre Situation einzuführen. Und das geschieht mehr über die Stimmung, weniger über Handlung. Schon bei der Ankunft in Paris regnet es, später dominieren Nachtaufnahmen oder Situationen in den düsteren Zimmern des unfertigen neuen Hauses. Auf die Weise korrespondiert das Äußere sehr schön mit dem Innenleben der Figuren, in dem ebenfalls notdürftig die Bruchstücke übertüncht werden, in der Hoffnung, dass niemand die eigenen seelischen Wunden zu Gesicht bekommt.

Umso überraschender, dass sich Farhadi beim Ende derart hat hinreißen lassen. Wenn sich auf der Zielgerade die Ereignisse überschlagen, die Auflösung des großen Geheimnisses noch ein paar weitere Haken schlägt, stellt sich schon die Frage, ob Le Passé hier nicht übers Ziel hinausschießt. So richtig nachzuvollziehen ist die Geschichte da zumindest nicht mehr. Und das bei einem Film, der vorher gerade durch seine Glaubwürdigkeit und die authentische Darstellung einer auseinanderbrechenden Familie begeisterte.Le Passé – Das Vergangene Szene 2

Dieses Kunststück gelang dem Iraner durch eine durch die Bank brillante Besetzung, bei der sowohl die Kinderdarsteller als auch deren erfahrenen Kollegen über sich hinauswachsen. Dass Tahar Rahim ein richtig feiner Charakterschauspieler ist, durfte er ja schon in Ein Prophet unter Beweis stellen. Die große Überraschung ist daher Bérénice Bejo, die hierzulande durch ihre eher komödiantischen Rollen in The Artist und Mademoiselle Populaire bekannt wurde. In Le Passé brilliert sie nun als Frau, die nicht einmal mehr einen Schritt vom Zusammenbruch entfernt ist, die sich ans Glück krallt und der dabei jedoch alles entgleitet.

Dem steht Ali Mosaffa in der Leistung zwar nicht nach, er verleiht dem zwischen allen Fronten stehenden Ahmad die nötige Würde und Ruhe. So richtig interessant ist seine Figur jedoch nicht, im Vergleich zum Trio infernale Marie, Samir und Lucie, die alle an ihren inneren Konflikten zerbrechen, ist der unfreiwillige Vermittler zu sehr Gutmensch. Spannend ist es trotzdem, wenn er auf die anderen trifft. Bis wir erfahren, welche Geheimnisse unter der Oberfläche brodeln, nähert sich das Drama schon fast dem Thrillergenre an. Doch am meisten beeindruckt Le Passé, wenn die Vergangenheit und die unterdrückten Gefühle ihren Weg nach draußen finden, der Versuch der Unterdrückung scheitert. Dann nimmt der Film eine atemberaubende, geradezu physisch schmerzhafte Intensität an, die einen ähnlich zerstört zurücklässt wie seine vom Leben überrannten Figuren.

Fazit: Erst sehr ruhig, später umso heftiger nimmt uns Le Passé mit in das Innere einer auseinanderbrechenden Familie. Bei der Auflösung wird es etwas zu melodramatisch, bis zu dem Zeitpunkt fordert das französische Drama aber mit einer spannenden und atemberaubend intensiv gespielten Vergangenheitsbewältigung.

Wertung: 8 von 10

Le Passé – Das Vergangene ist seit 7. August auf DVD und Blu-ray erhältlich

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