DVD

The Nightmare Before Christmas

Animation/Trickfilm, Fantasy, Filmtipp, Horror, Musical , geschriebenam 24 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„The Nightmare Before Christmas“ directed by Henry Selick, 1993)

The Nightmare Before ChristmasAuch wenn unser fortlaufendes Animationsspecial eher unbekanntere Filme und Serien abdecken soll, manchmal auch in Vergessenheit geratene Klassiker wie zuletzt Das fehlende Glied oder Belladonna, so ganz ignorieren wollen wir die „Großen“ natürlich nicht, sofern sie noch in unserem Archiv fehlten. Und zu denen darf man Teil 25 ohne Zögern zählen.

Wenn es in Halloween Town einen Star gibt, dann ihn: Jack Skellington. Auf dem Papier hat zwar der Bürgermeister das Sagen, aber es ist der Totenkopf, der seine monströsen Mitbewohner mit immer neuen Ideen dazu antreibt, an Halloween Angst und Schrecken zu verbreiten. Doch so gut Jack auch ist, so sehr die anderen zu ihm aufsehen, jedes Jahr und jeden Tag dasselbe zu machen, ist auf die Dauer natürlich nicht sehr erfüllend. Als er zufällig die Weihnachtswelt entdeckt, ist er fasziniert von diesem so fröhlichen und farbenfrohen Fest. Und so fasst er den Entschluss, dieses Jahr einmal etwas Neues zu versuchen und statt Halloween eben Weihnachten zu inszenieren.

Auch wenn die Stop-Motion-Animationstechnik auf eine lange, traditionsreiche Geschichte verweisen konnte – das erste Mal kam sie bereits Ende des 19. Jahrhunderts zum Einsatz – so richtig wollte sich niemand mehr in den 1980ern dafür erwärmen. Zwar entstanden noch immer neue Filme, gerade in Osteuropa, hierzulande bekam man aber nur wenig davon mit: Chronopolis von Piotr Kamler, The Pied Piper von Jiří Barta oder Alice von Jan Svankmajer, bis heute sind gerade die für ein älteres Publikum erdachten Filme nicht in Deutschland erhältlich. Anfang der 90er erlebte Stop-Motion jedoch ein kleines Revival, als zwei Beispiele zeigten, dass sich mit Puppen und Knetmassemännchen wunderbare und sehr außergewöhnliche Geschichten erzählen lassen, die sowohl kleine wie auch große Zuschauer erreichen: Wallace & Gromit – Alles Käse von Nick Park und eben The Nightmare Before Christmas.The Nightmare Before Christmas Szene 1

Anders als oft irrtümlich angenommen, führte hier Tim Burton jedoch nicht Regie. Aus Zeitgründen – Burton war damals mit Batmans Rückkehr beschäftigt – überließ er diese Aufgabe Henry Selick. Doch die Handschrift des exzentrischen Filmemachers, der die Geschichte von The Nightmare Before Christmas 1982 in Gedichtform veröffentlicht hatte, die war überall zu spüren. Wie in seinen eigenen Werken Beetlejuice und Edward mit den Scherenhänden vermengt auch der Animationsfilm das Morbide mit dem Skurrilen. Wenn hier Monster mit Schlangenarmen durch die düsteren Gassen schlurfen, ein verrückter Erfinder sein eigenes Gehirn entfernt oder Jacks Gegenspieler Oogie Boogie ein mit Maden gefüllter Lumpensack ist, dann hat das nur wenig mit kindlichen Puppenfilmen gemeinsam. Disney, das seinerzeit die Rechte gekauft hatte, als Burton noch dort angestellt war, war die vielen grotesken Gestalten ebenfalls nicht geheuer und veröffentlichte den Film deshalb lieber unter dem Erwachsenenlabel „Touchstone“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Kinder kein Vergnügen mit The Nightmare Before Christmas haben. Trotz des düsteren Grundtenors, zu Schaden kommt hier niemand, dazu gibt es mit der Betonung eigener Stärken auch eine pädagogisch wertvolle Moral mit auf den Weg. Vor allem aber ist das Märchen grandios anzusehen: Die Animationen sind für Stop-Motion geradezu unwirklich flüssig, überall gibt es kleine, liebevolle Details zu bestaunen, bei den Puppenmodellen konnte das Studio Skellington Productions seine Kreativität kaum noch im Zaun halten. Bei aller Morbidität zeigen Selick und Burton hier eine fantastische Welt, dies es mit großen, staunenden Kinderaugen zu erkunden gilt.The Nightmare Before Christmas Szene 2

Und auch der Humor kam nicht zu kurz: Ob es nun die witzigen Figuren sind, deren Interaktionen oder auch die Texte der Lieder, der Film bietet viele Anlässe zum Schmunzeln. Gesungen wird hier wie in einem „echten“ Disney-Film auch kräftig, so sehr, dass The Nightmare Before Christmas auch dem Musical-Genre zugeordnet werden könnte. Wie so oft bei Burton stammten auch hier die sehr eingängigen Melodien von Danny Elfman, der im Original zudem die Gesangsstimme von Jack übernahm. Manche Szene hätte es sicher auch ohne eigenes Lied getan, in den meisten Fällen gelingt es Elfman jedoch die jeweilige Stimmung – Euphorie, Melancholie, Boshaftigkeit – perfekt in seiner Musik auszudrücken und so noch weiter zu verstärken.

Kritikpunkte? Die findet man natürlich, wenn man möchte: Die Welt der Menschen ist recht langweilig dargestellt, das Grundthema eher einfach und wirkliche Hintergründe zu den verschiedenen Welten (Halloween, Weihnachten, Ostern …) erfährt man nicht. Doch davon sollte man sich nicht abhalten lassen, denn das verspielt-groteske Märchen ist einer der wenigen Filme, die man zu Weihnachten und Halloween gleich gut anschauen kann. Oder an jedem anderen Tag. Und auch wenn Selick und Burton in Folge jeweils bei mehreren sehenswerten Stop-Motion-Filmen Regie führten – Selick bei James und der Riesenpfirsich und Coraline, Burton bei Corpse Bride und Frankenweenie – ein vergleichbar großes Meisterwerk wollte beiden nicht mehr glücken.

Fazit: Verspielt und bedrohlich, grotesk und zugänglich, dazu eine Menge Humor und eingängige Lieder: The Nightmare Before Christmas vereint das Beste aus mehreren Welten zu einem Stop-Motion-Film, der bis heute in puncto Animationen, Detailverliebtheit und pure Kreativität Maßstäbe setzt.

Wertung: 10 von 10

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Love Steaks

Drama, Komödie, Romanze , geschriebenam 23 Oktober, 2014 von 1 Kommentar

(„Love Steaks“ directed by Jakob Lass, 2013)

Love SteaksMit Fleisch haben sie beide ja irgendwo zu tun. Doch während Lara (Lana Cooper) in der Küche für dessen geschmackvolle Zubereitung zuständig ist, soll der junge Masseur Clemens (Franz Rogowski) fürs körperliche Wohlbefinden der Gäste sorgen. Doch die beiden arbeiten nicht nur in völlig unterschiedlichen Bereichen des Wellnesshotels, auch hinsichtlich des Charakters könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Lara ist laut, forsch und neigt zu Exzessen, der verdruckste Vegetarier könnte hingegen keiner Fliege was zu Leide tun. Und doch entwickeln die so unterschiedlichen Menschen mit der Zeit Gefühle füreinander, was am Arbeitsplatz nicht unbedingt gern gesehen wird.

Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? So lautet die Frage, die im Grunde jeder Liebesgeschichte zugrunde liegt. Handelt es sich dabei um die eher komödiantisch angehauchte Variante, ist die Frage jedoch reine Formsache – schließlich wird dort recht deutlich gemacht, wie wahnsinnig gut die Protagonisten doch zusammenpassen würden, wären die Umstände nur anders. Bei Love Steaks ist das tatsächlich anders, denn Lara und Clemens sind so unterschiedlich, dass im wahren Leben wohl niemand auf die Idee kommen würde, beide miteinander verkuppeln zu wollen.Love Steaks Szene 1

Doch das macht die deutsche Independentproduktion wiederum sehr viel realistischer als die doch stark vorhersehbaren Liebeskomödien, wie wir sie dauernd in Kino oder TV sehen dürfen. Denn ebenso wie in der Welt da draußen ist das Aufeinandertreffen der beiden Jugendlichen irgendwo willkürlich. Und auch sehr viel weniger ideal. Clemens ist ja schon alleine mit dem Leben überfordert, scheint alle paar Meter über seine eigenen Füße zu stolpern. Besonders schlimm wird es jedoch, wenn noch andere Menschen hinzukommen und er sich so dermaßen unbeholfen gibt, dass man sich unweigerlich die Frage stellt, ob er vor seiner Arbeit im Wellnesshotel überhaupt soziale Kontakte hatte.

Dieses Problem hat Lara weniger. Dafür entspricht sie mit ihrer Alkoholsucht, ihrem ausfälligen Verhalten und ihren teils herablassenden Kommentaren Clemens gegenüber ebenso wenig dem gängigen Ideal des Genres. Und auch das unterscheidet Love Steaks von der Konkurrenz: Haben die Protagonisten üblicherweise eine Art Vorbildfunktion, sind jemand, der wir selbst gerne wären, dürfte es hier kaum jemanden geben, der wirklich mit dem ungleichen Paar tauschen wollte. Ihnen dabei zuzusehen, wie sie Gefühle füreinander entwickeln und auf ihre Weise mit dem Hotelleben anecken, das ist auch aus der Ferne schon unterhaltsam genug.Love Steaks Szene 2

Und das obwohl Regisseur und Ko-Autor Jakob Lass völlig auf Hochglanz verzichtete. Ganz im Stile des dänischen „Dogma 95“-Manifests oder der amerikanischen Mumblecore-Bewegung ist hier Authentizität das oberste Ziel. Das bedeutet im Klartext: Handkameras, natürliches Licht, reale Drehorte und viel Improvisation. Wenig überraschend treffen deren Stärken und Schwächen dann auch hier zu. Durch die wenig geschliffenen Dialoge und die Beiläufigkeit des Geschehens gewinnt Love Steaks an Überzeugungskraft und purem Lebensgefühl, ist in seiner Alltäglichkeit streckenweise aber auch banal und beliebig. Für manche wird die Tragikomödie auch zu spröde sein oder sie werden vergeblich nach einer Handlung suchen, denn zu einem richtig roten Faden spinnen sich die Episoden nicht zusammen. Wer hingegen die durchformulierten Liebesfilme leid ist, die derzeit selbst hierzulande kaum Platz für Neuland lassen, darf sich über den erfrischenden Genrebeitrag aus Deutschland freuen.

Fazit: Die Protagonisten entsprechen nicht unbedingt den Idealvorstellungen, die Handlung sind episodenhaft und teils banal: Wer einen herkömmlichen Liebesfilm erwartet, muss bei Love Steaks umdenken. Gleichzeitig bringt die Geschichte um das ungleiche Paar frischen Wind in das oft formelhafte Genre.

Wertung: 7 von 10

Love Steaks erscheint am 31. Oktober auf DVD

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Khumba – Das Zebra ohne Streifen am Popo

Abenteuer, Animation/Trickfilm, Familie , geschriebenam 22 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Khumba“ directed by Anthony Silverston, 2013)

Khumba – Das Zebra ohne Streifen am Popo„Das ist ja nur ein halbes Zebra“ spotten die anderen, als Khumba auf die Welt kommt. Im Gegensatz zum Rest der Herde hat das Fohlen nämlich keine richtigen Streifen an seinem Hintern. Für die jungen Artgenossen bietet das natürlich reichlich Anlass zum Spott, aber auch den Erwachsenen ist das nicht ganz geheuer, vermuten in der Abweichung ein böses Omen. Schließlich hat es seit Ewigkeiten nicht mehr geregnet. Auch wenn seine Familie und seine Freundin Tombi zu ihm halten, Khumba wünscht sich nichts sehnlicher, als so zu sein wie alle anderen auch. Und so macht er sich eines Tages auf, das legendäre magische Wasserloch zu finden, begleitet von dem gutmütigen Gnu Mutter V und Strauß Bradley. Doch überall lauern Gefahren, die schlimmste von allen: der halbblinde Leopard Phango, der es ganz gezielt auf Khumba abgesehen hat.

Ein junger Protagonist, der aufgrund seiner Andersartigkeit zum Außenseiter wird, in Abenteuern über sich hinauswächst und am Ende erkennt, dass er gut ist, wie er ist – das ist in Animationsfilmen für eine jüngere Zielgruppe ein immer wiederkehrendes Standardthema. Kürzlich durften wir es in Prinz Ribbit sogar mal wieder im Kino sehen, bei Khumba begnügte man sich hierzulande mit einem Direct-to-Video-Release. Dabei ist es so, dass das kleine Zebra dem Giftfrosch sogar eine Nasenlänge voraus ist.Khumba – Das Zebra ohne Streifen am Popo Szene 1

An der Geschichte liegt das sicher nicht, denn die ist zwar minimal stimmiger, insgesamt aber auch nicht origineller als der malaysische Verwandte. Dafür ist sie witziger erzählt. Gerade der exzentrische Bradley ist immer wieder für eine komische Nummer zu haben, dazu gesellen sich viele weitere kuriose Tiere wie ein Schaf mit Persönlichkeitsspaltung, ein eloquenter Wildhund oder eine Horde fatalistischer Nager. Streckenweise erinnert die wild zusammengewürfelte Schar an die Kollegen aus Ice Age, ohne jedoch ganz an deren Kultfaktor heranzukommen.

Zweiter großer Pluspunkt ist die Optik: Im direkten Vergleich zur großen Konkurrenz aus den USA muss sich der zweite Film der Triggerfish Animation Studios (Zambezia – In jedem steckt ein kleiner Held) nicht wirklich verstecken. Die Hintergründe sind detailliert, die Animationen überzeugend, auch das Charakterdesign gefällt. Einige interessante Einfälle zeigt Regisseur Anthony Silverston zudem, wenn wir aus der Perspektive Phangos auf Jagd gehen: Dem eingeschränkten Gesichtsfeld wird dabei ebenso Rechnung getragen wie seinem besonders guten Geruchssinn. Zumindest hier tat man also einiges, um sich von den vielen thematisch ähnlichen Filmen abzugrenzen.Khumba – Das Zebra ohne Streifen am Popo Szene 2

Wer von diesen nicht genug hat, darf deshalb auch die südafrikanische Variante zu seiner Sammlung hinzufügen. Mehr Eigenständigkeit hätte ihr zwar nicht geschadet, die jüngeren Zuschauer dürfte das aber wenig stören. Und auch als Erwachsener wird man bei Khumba aufgrund des vereinzelt bissigen Humors und der stimmungsvollen Synchronisation immer mal wieder Grund zum Lachen haben.

Fazit: Das Grundthema von Khumba kennt man zur Genüge, dafür ist dieses aber gut umgesetzt. Dank der gelungenen Optik und der vielen kuriosen Figuren ist die Geschichte um das Außenseiterzebra sogar für ältere Zuschauer einen Blick wert.

Wertung: 7 von 10

Khumba – Das Zebra ohne Streifen am Popo ist ab 23. Oktober auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Kino

Coming In

Komödie, Romanze , geschriebenam 21 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Coming In“ directed by Marco Kreuzpaintner, 2014)

1629_Mainart_ComingIn.inddSchön, wenn man einen Namen hat, der alleine schon ausreicht, um der Zielgruppe das Geld aus den Taschen zu ziehen. So wie bei Tom Herzner (Kostja Ullmann). Der offen homosexuelle Friseur hat zwar seit Jahren keine Schere mehr in die Hand genommen, sein Edelladen kann sich vor Anfragen aber kaum noch retten. Und dass sein neues Shampoo zum Verkaufsschlager bei den stilbewussten Männern Berlins wird, das steht ebenfalls außer Frage. Noch schöner wäre es allerdings, wenn es auch ein Pendant für die Dame gäbe, um gleich doppelt abzuräumen. Aber wie soll Tom den Geschmack von Frauen treffen, wenn er vom anderen Geschlecht keine Ahnung hat? Antworten soll ein Feldversuch liefern: Tom heuert bei der bodenständigen Kiezfrisörin Heidi (Aylin Tezel) an, lernt tatsächlich die holde Weiblichkeit kennen – und auch lieben.

Dass sich ein Mensch plötzlich in das „falsche“ Geschlecht verliebt, das kommt in Filmen immer mal wieder vor. Doch egal, ob es nun um jugendliche Grenzerfahrungen geht (Beautiful Love) oder es einen erst im Erwachsenenalter (Freier Fall) erwischt, das Ergebnis ist doch immer im Drama-Genre angesiedelt, flirtet maximal hin und wieder mit dem Thriller (Animals, Liebesbriefe eines Unbekannten). Doch eine Komödie ist selten, und wenn die dann auch noch in die entgegensetzte Richtung stattfindet – ein Schwuler entdeckt seine heterosexuellen Neigungen – stellt sich natürlich die Frage: Ist das jetzt originell oder reaktionär?Coming In Szene 1

Dass Coming In sich geradezu in Schwulenklischees badet, macht die Sache nicht leichter: Sämtliche homosexuellen Männer sind makellos gestylt, völlig überkandidelte Paradiesvögel oder entdecken in jedem gleich die große Liebe. Und wenn die dann nicht einmal von schwulen Schauspielern verkörpert werden, sondern von Kostja Ullmann, Ken Duken, August Zirner oder Hanno Koffler – gerade die letzten beiden genießen ihre ungewohnten Rollen sichtlich – liegt schon der Verdacht nahe, dass sich hier kräftig über Homosexuelle lustig gemacht werden soll. Was auch stimmt, gleichzeitig wiederum nicht.

Schon ein Blick auf die Credits zeigt, dass der Film trotz des heiklen Breittretens von Stereotypen nicht ernsthaft schwulenfeindlich sein kann: Regisseur und Ko-Autor Marco Kreuzpaintner (Krabat) lebt selbst offen homosexuell, verarbeitete sein eigenes Coming Out vor zehn Jahren sogar in dem Film Sommersturm. Auch damals spielte Kostja Ullmann die Rolle eines jungen Mannes, der mit seiner sexuellen Orientierung kämpft. Indem dieser nun wieder einen Blick zurück aufs Ursprungsufer wirft, lässt Kreuzpaintner nicht nur die Grenzen weiter verwischen, er stellt zudem die unangenehme Frage, was denn nun eigentlich aus der Schwulenbewegung und ihrem Kampf für Gleichberechtigung und Toleranz geworden ist.Coming In Szene 2

Weitaus weniger interessant ist die Art und Weise, wie die Geschichte drumherum erzählt wird. Sind die Klischees aus der Schwulenszene durchaus auch eigenironisch zu verstehen, sind die der sich anbahnenden Liebesbeziehung eher mutlos. Würden bei Coming In die Vorzeichen nicht umgedreht sein, sie wäre nur eine Liebeskomödie unter vielen: Die Elemente sind bekannt, die Figuren einseitig, der Protagonist muss von der unbedeutenden Heidi einiges hinzulernen und am Ende haben sich natürlich alle wieder lieb. Unterhaltsam ist der Film dennoch, gerade der Gegensatz von Toms mondäner Schaubühne zu Heidis Pizza-Hawai- und Billigklamottenwelt erinnert an beste Die Nanny-Zeiten. Man wird hier also häufiger lachen, als man es sich insgeheim zugestehen will. Aber so wie für die komplizierte Beziehung zwischen den beiden Hauptcharakteren, gilt dann eben auch für Coming In: Erlaubt ist, was Spaß macht.

Fazit: Aufbau und Charaktere sind bei Coming In nur wenig bemerkenswert. Dennoch ist die fast übertrieben selbstironische Liebeskomödie unterhaltsam und stellt interessante Fragen zu Gleichberechtigung und Toleranz.

Wertung: 6 von 10

Coming In läuft ab 23. Oktober im Kino

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Kreuzweg

Drama, Filmtipp , geschriebenam 20 Oktober, 2014 von Keine Kommentare

(„Kreuzweg“ directed by Dietrich Brüggemann, 2014)

KreuzwegDas ganze Leben ist ein Kampf. Das gilt nicht nur für ferne Kriegsschauplätze oder die Privatwirtschaft, bei der Priesterbruderschaft St. Paulus ist damit durchaus der Alltag gemeint. Selbst eine Tafel Schokolade oder Gospelmusik können da eine Versuchung des Teufels sein, der man zu widerstehen hat – so lautet die Botschaft von Pater Weber (Florian Stetter). Und die 14-jährige Maria (Lea van Acken), ebenso wie der Rest der Familie Glaubensmitglied dieser Gemeinschaft, saugt jedes dieser Worte begierig in sich auf. So sehr, dass sie bei jedem Schritt alles in Frage stellt, was sie tut. Darf ich das überhaupt? Sündige ich, wenn ich eine schöne Jacke anziehe? Verstärkt wird diese Unsicherheit durch ihre Mutter (Franziska Weisz), der sie es einfach nie recht machen kann. Dabei hat das Mädchen doch nur ein Ziel: Sie will ihr Leben Gott opfern, damit der ihren kleinen Bruder wieder gesund macht.

Al-Qaida, Islamischer Staat – wann immer von religiösem Fanatismus die Rede ist, wenden sich die Blicke automatisch gen Osten. Dabei müssen wir gar nicht so weit gehen, wenn es nach Kreuzweg geht. Dafür reicht es, sich hierzulande einmal genauer umzusehen. Und was wir dort finden ist erschreckend, geradezu surreal. Wie schon Tore tanzt letztes Jahr erzählt auch dieser deutsche Film, wie eine besonders strenge Auslegung des Glaubens mit den Realitäten des Alltags kollidiert und so zu einem fatalen Ende führt.

Anders als beim Debütfilm von Katrin Gebbe lauert beim neusten Werk der Geschwister Dietrich und Anna Brüggemann (3 Zimmer/Küche/Bad) das Böse nicht in der Außenwelt, sondern innerhalb der Gemeinschaft. Tatsächlich sind es die Außenstehenden, die für Hoffnungsschimmer sorgen: das Au-Pair-Mädchen Bernadette (Lucie Aron), Marias Mitschüler Christian (Moritz Knapp), Ärzte. Doch sie alle scheitern beim Versuch, das Bollwerk der Bruderschaft zu durchdringen, für die der heutige Katholizismus eine zu verwässerte Form des einzig wahren Glaubens darstellt.Kreuzweg Szene 1

Schon in der ersten Szene, wenn der wortgewandte Pater Weber seine Firmlinge als künftige Soldaten Gottes bezeichnet, läuft es einem als Zuschauer eiskalt den Rücken herunter. Doch der wahre Gegenspieler ist hier Marias namenlose Mutter, die ihrer Tochter das Leben zur Hölle macht. Warum sie das tut, bleibt ein Rätsel. Überhaupt haben die Brüggemann-Geschwister kein Interesse daran, die Figuren zu tatsächlichen Charakteren auszubauen. Die meisten bleiben stumm oder haben wie die Mutter und der Pater über ihren Glauben hinaus kein wirkliches Gesprächsthema. Lediglich Maria sticht da hervor, die auf der einen Seite eine überzeugte Anhängerin ist, gleichzeitig aber eben auch ein Mädchen in der Pubertät – und beides in ihrem Leidensweg nicht zusammenbringen kann.

Präsentiert wird dieser Weg in einer formal außergewöhnlichen Form: Angelehnt an den christlichen Kreuzweg besteht der Film aus 14 Episoden aus dem Leben von Maria, jede trägt den Namen einer Etappe aus eben diesem Kreuzweg. Fast immer ist sie die Hauptfigur darin, interagiert mal mit ihrer Familie, mit dem Pater oder eben der Außenwelt. Kameraschnitte gibt während keiner dieser Episoden, meistens nicht mal Kameraschwenks. Wie in einem Theaterstück wird Marias Schicksal so zu einer feststehenden Bühne, die in ihrem starren Format die strikten Regeln der Glaubensauslegung widerspiegeln.Kreuzweg Szene 2

Wäre das nicht auch realistischer gegangen? Sicher, zusammen mit der fehlenden Charakterisierung und der sehr symbolträchtigen Inszenierung wirkt Kreuzweg nie ganz gegenwärtig, eine alltagsnahe Auseinandersetzung mit Glauben sieht anders aus. Gerade durch diese formale Strenge gewinnt das Drama aber auch besonders beunruhigende Qualitäten, eben weil es hier kein Entkommen gibt, für den Zuschauer nicht, für Maria nicht. Die wird von Nachwuchsschauspielerin Lea van Acken übrigens herausragend porträtiert. Auf ihr lastet die Hauptleistung des Films und das nimmt sie auch dankbar an. Durch ihre Darstellung eines Mädchens, das zwischen der Welt der Menschen und der Welt des Glaubens aufgerieben wird, erlangt Kreuzweg eine Intensität, die man in deutschen Beiträgen nur selten erleben darf.

Fazit: Die Figuren sind schemenhaft, der Aufbau sehr streng, der Film insgesamt sehr symbolträchtig – nein, einfach ist Kreuzweg bestimmt nicht. Durch die ungewöhnliche Inszenierung und die herausragende Schauspielleistung wird das Drama aber zu einem brutal intensiven Porträt eines Mädchens, das an seinem Glauben zugrunde geht.

Wertung: 8 von 10

Kreuzweg erscheint am 24. Oktober auf DVD

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