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Silver Linings

Drama, Komödie, Romanze , geschriebenam 3 Juni, 2013 von Keine Kommentare

(„Silver Linings Playbook“ directed by David O. Russell, 2012)

Silver LiningsWenn es nach Pat (Bradley Cooper) geht, ist die Sachlage klar: Geschichten sollen gefälligst unterhalten und ein Happy End haben, schließlich ist das Leben auch so schon hart genug. Sicher eine nachvollziehbare Einstellung, besonders wer ähnliche Erfahrungen wie er gesammelt hat. Es ist nie eine schöne Sache, wenn die eigene Frau fremdgeht und man sie in flagranti erwischt. Da kann man schon mal ein wenig aus der Haut fahren. Wie Pat den Nebenbuhler gleich krankenhausreif zu schlagen, mag für den einen oder anderen dann aber doch etwas übertrieben erscheinen. Auf jeden Fall läuft seitdem erst recht nichts mehr rund im Leben des attraktiven Enddreißigers. Nicht nur, dass er sich Nikki nicht näher als 150 Meter nähern darf, er wird zudem in die psychiatrische Anstalt eingewiesen, um dort seine manisch-depressive Störung zu behandeln.

Gewalttätig und labil – klar, dass Dolores (Jacki Weaver) ein wenig nervös ist, als sie ihren Filius nach acht Monaten Klinikaufenthalt abholt und der wieder bei ihnen einzieht. Zumal sich nicht wirklich was verbessert hat, seine Selbstbeherrschung lässt noch immer zu wünschen übrig. Vor allem hat er nur einen Gedanken im Kopf: Nikki zurückgewinnen! Dafür spannt er die nicht minder gestörte Tiffany (Jennifer Lawrence) ein, die ihm dabei helfen soll. Was sie auch verspricht, wenn er dafür auch ihr einen Gefallen tut: zusammen an einem Tanzwettbewerb teilnehmen. Das wiederum ist Pats Vater (Robert De Niro) ein Dorn im Auge, hat sein Sohn doch so weniger Zeit für ihn. Genauer: Weniger Zeit, um mit ihm Footballspiele anzuschauen. Ein großes Problem für Pat sen., denn der ist davon überzeugt, dass der Junior ihm Glück bringt – und das kann er mehr als gut brauchen, schließlich geht es für den Wettkönig dabei um eine ganze Menge Geld.Silver Linings Szene 1

Je eine Oscarnominierung für die beiden Hauptdarsteller und die beiden Nebendarsteller – das hat es zuletzt 1981 gegeben. Gewonnen hat zwar „nur“ Jennifer Lawrence und über die Vergabe des wichtigsten amerikanischen Filmpreises lässt sich ja ohnehin immer streiten. Unbestreitbar ist das hervorragende Quartett aber sicher der Hauptgrund, sich Silver Linings einmal anzusehen. Egal ob Bradley Cooper als impulsiver Liebeskranker, Lawrence als sexhungrige, depressive Witwe, Robert De Niro als herrlich abergläubischer Wettjunkie oder Jackie Weaver als ständig überforderte Mutter – es macht einfach Spaß, den Vieren beim Spielen zuzusehen. Vor allem Cooper kann endlich einmal unter Beweis stellen, dass er mehr ist als der Schönling aus der Hangover-Trilogie.

Das geballte schauspielerische Talent ist auch deshalb so wichtig, weil sich der Film ansonsten größtenteils an die typischen Strukturen und Regeln von Romantic Comedies hält. Klar weiß man auch hier quasi von Anfang an, wie sich die Geschichte weiterentwickelt und auch ausgeht. Die obligatorischen Silberstreifen am Horizont dürfen, wie der Titel schon ankündigt, trotz aller dramatischen Erlebnisse nicht fehlen. Und doch: Wenn man nicht gerade der große Oberzyniker ist, verzeiht man dem warmherzigen Silver Linings schnell, dass er sich sein Happy End zurechtbastelt. Das liegt neben dem Ensemble auch an dem Einfall, diesmal zwei psychisch Kranke aufeinander treffen zu lassen. Das garantiert einige wirklich witzige Szenen und sorgt für eine wohltuende Abwechslung im völlig überlaufenen Genre.Silver Linings Szene 2

Eine durchwegs realistische Darstellung mentaler Störungen wird hier natürlich nicht geboten. In erster Linie will Regisseur und Drehbuchautor David O. Russell unterhalten, mit sympathischen Figuren, die allesamt verrückt aber liebenswert sind und am Ende sämtlichen Widrigkeiten trotzen, um sich zu finden. Wer mit derlei Filmen nicht viel anfangen kann, wird vermutlich auch mit Silver Linings nicht glücklich werden. Alle anderen erwartet aber eine überaus charmante Liebeskomödie mit Gute-Laune- und Happy-End-Garantie – ganz so, wie es sich Pat gewünscht hat.

Fazit: Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? Diese Frage stellt sich bei Silver Linings nicht wirklich, dafür ist das meiste zu vorhersehbar. Und dennoch kann die charmante, verrückt-witzige Liebeskomödie über zwei psychisch Kranke dem überlaufenen Genre der Liebeskomödien neue Seiten abgewinnen – nicht zuletzt dank seiner wundervollen Schauspieler.

Wertung: 7 von 10

Silver Linings ist seit 31. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich

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The Tall Man

Drama, Mystery, Thriller , geschriebenam 30 Mai, 2013 von Keine Kommentare

(„The Tall Man“ directed by Pascal Laugier, 2012)

The Tall ManWer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Schreckfiguren wie diese gehörten von Anbeginn an zum festen Ensemble von Sagen und Märchen. Ob Knecht Ruprecht oder der Butzemann, der Schneider aus dem Struwwelpeter oder der Böse Wolf – unsere Folklore ist voller fürchterlicher Kreaturen, die vor allem dazu da sind, unartige Kinder zu bestrafen. Hinzu kommen unzählige Figuren, die Teil regionaler Mythen und Geschichten sind. Auch das ehemalige Bergarbeiterstädtchen Cold Rock hat eine solche Figur: den „Tall Man“, der einem Aberglaube zufolge Kinder entführt und in den anliegenden Wald verschleppt.

Lange Zeit ist diese Geschichte in Vergessenheit geraten. Aber wer könnte es den Bewohnern der kleinen abgelegenen Stadt übel nehmen? Seitdem die Mine geschlossen wurde, haben sie ganz andere Sorgen. An allen Ecken und Enden fehlt es an Geld, die Gebäude verfallen, nicht einmal eine richtige Schule gibt es mehr – es herrscht die kollektive Trostlosigkeit, die Träume von einst sind längst im Suff ertrunken. Als jedoch immer mehr Kinder spurlos verschwinden, ist die alte Legende plötzlich wieder in aller Munde.

Manche wollen den geheimnisvollen Mann sogar gesehen haben, wie Jenny (Jodelle Ferland). Jennys Familie ist das Paradebeispiel für den zunehmenden Verfall von Cold Rock: Der Freund der Mutter ist Alkoholiker, gewalttätig und hat sogar Jenny Schwester vergewaltigt. Kein Wunder also, dass sich das Mädchen weigert zu sprechen. Dafür malt sie unentwegt in ihr kleines Notizbuch, darunter auch Bilder vom Schwarzen Mann. Julia wiederum (Jessica Biel) glaubt nicht an diese Figur, kümmert sich lieber um die Kranken, nachdem ihr Mann – der angesehene Arzt der Stadt – verstorben ist, versucht ihnen wieder eine Perspektive zu geben. Als jedoch eines Nachts ihr Sohn David (Jakob Davies) entführt wird, muss sie sich auf einmal doch mit der Schreckengestalt auseinandersetzen.The Tall Man Szene 1

Meist sind es Dutzende pro Woche, teils weit über hundert – über einen Mangel an Neuerscheinungen auf dem Filmmarkt braucht sich weiß Gott niemand zu beklagen. Für Vielseher ist das natürlich großartig, denn gleich, was nun das eigene Lieblingsgenre ist, für Nachschub ist fast ständig gesorgt. Einen entscheidenden Nachteil hat diese Filmflut aber auch: Man hat irgendwann das Gefühl, alles schon einmal woanders gesehen zu haben. Das ist vor allem für die Genres ein Problem, bei denen es in erster Linie auf Spannung ankommt: Horror und Thriller. Denn wie soll man bei einer Geschichte mitfiebern, wenn man vorher schon weiß, wie sie ausgehen wird?

Für Freunde von Mysterythrillern habe ich daher eine gute Nachricht: The Tall Man ist anders. Vermutungen und Erwartungen hat man als geneigter Grübler natürlich, ja, doch kaum einer dürfte am Ende die Wendungen des kleinen amerikanischen Films vorhergesehen haben. Gerade wenn man denkt, man hätte endlich das Spiel durchschaut, passiert wieder etwas Unvorhergesehenes. Ähnlich wie kürzlich der spanische Geheimtipp Painless werden hier zudem noch fleißig Genregrenzen beiseite gewischt: Was als reiner Thriller beginnt, entwickelt sich mit der Zeit immer mehr zu einem Drama, die anfängliche Spannung wird mit tragischen Elementen verwoben. Diese Vielfalt ist aber ein zweischneidiges Schwert, so mancher Zuschauer dürfte nach der Auflösung enttäuscht sein. Hinzu kommt, dass nicht jede Wendung wirklich überzeugt und die Geschichte an einigen Stellen konstruiert wirkt.The Tall Man Szene 2

Überzeugend ist hingegen der Rest des Films: Die Bilder sind sehr schön geworden, die Schauspieler machen ihre Sache gut, auch das Tempo stimmt, die in mehrfacher Hinsicht düstere Atmosphäre sowieso. Wer offen ist für Neues, nichts von Genregrenzen hält und bei aller Spannung sich auch gerne mit tragischen Schicksalen und Fragen auseinandersetzt, darf also ruhig einen Blick auf das Hollywooddebüt des französischen Regisseurs Pascal Laugier (Martyrs) werfen. Wer schon länger auf der Suche nach einem Film ist, der selbst Veteranen noch überraschen kann, muss es sogar.

Fazit: The Tall Man ist ein ungewöhnlicher Mysterythriller mit unvorhersehbaren Wendungen und überraschend tragischen Elementen. An manchen Stellen wirkt das zwar etwas konstruiert, atmosphärisch und spannend ist der Film aber dennoch.

Wertung: 7 von 10

The Tall Man ist seit 10. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Blu-ray

Django Unchained

Filmtipp, Komödie, Western , geschriebenam 28 Mai, 2013 von Keine Kommentare

(„Django Unchained“ directed by Quentin Tarantino, 2012)

Django UnchainedMitte der 60er gilt Italien nicht gerade als Filmnabel der Welt. Immerhin: Es gibt viel Sonne und die Kosten sind gering. Das reicht zwar nicht, um Hollywoodgrößen anzuziehen, aber billige Sandalenstreifen lassen sich so bestens produzieren. Doch auch deren Popularität lässt langsam nach. Grund genug für einige ambitionierte Filmemacher, ihre eigenen Visionen umzusetzen. Und die führt sie auf die andere Seite des großen Teiches: Die Italowestern nehmen sich die amerikanischen Klassiker zum Vorbild, drehen sie aber ins Negative. Statt strahlender Helden gebrochene Persönlichkeiten, düstere Geschichten, dazu viel Gewalt – mit diesen Zutaten schrieben die sogenannten Spaghettiwestern selbst Filmgeschichte.

Vor allem Sergio Leones Beiträge (Für eine Handvoll Dollar, Spiel mir das Lied vom Tod) prägten das neue Subgenre. Aber auch Sergio Corbuccis Django schlug mächtig ein, so sehr, dass in den nächsten Jahren über 30 Filme erschienen, die „Django“ im Namen trugen – in der Hoffnung, damit schnelles Geld zu machen. Richtige Fortsetzungen waren das aber nicht, inhaltlich hatten die nichts miteinander zu tun und vom Originalteam war auch niemand daran beteiligt. Ein gefundenes Fressen für den bekennenden Genremischer und Filmfan Quentin Tarantino, sich fast 50 Jahre nach dem Original selbst einmal des berühmten Namens anzunehmen und seinen eigenen Stempel aufzudrücken.

Natürlich hat auch Tarantinos Django nicht viel mit der Originalfigur gemeinsam. In diesem Fall hört ein Farbiger zur Sklavenzeit auf diesen Namen. Zu Beginn ist auch Django Freemann (Jamie Foxx) ein Leibeigener, trifft dann jedoch auf den deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz). Schultz selbst hat kein großes Interesse an der Sklaverei, seinetwegen könnte sie auch gleich ganz abgeschafft werden. Einen Vorteil hat der Menschenhandel jedoch: Auf diese Weise kann sich der Deutsche die Dienste Djangos sichern. Oder genauer: sein Wissen. Denn Django kann Schultz zu einigen Verbrechern führen, für die es eine hohe Belohnung gibt. Danach, so Schultz’ Versprechen, wäre er wieder ein freier Mann.Django Unchained Szene 1

Doch Schultz hat noch einen besseren Vorschlag: Wenn Django seinen „Besitzer“ einen Winter lang bei seiner Arbeit unter die Arme greift, hilft er ihm, seine Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) zu befreien. Denn die ist dummerweise ebenfalls versklavt, und zwar von dem despotischen Plantagenbesitzer Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Aber Schultz wäre nicht Schultz, hätte er nicht auch da einen Plan.

Das hört sich jetzt nicht nach besonders viel Inhalt an, vor allem bei einem fast dreistündigen Film. Aber komplexe Handlungen oder tiefsinnige Charaktere waren noch nie das Ziel von Tarantino, und das gilt genauso für Django Unchained. Einen wirklichen Kommentar zu Sklaverei will der fast drei Stunden lange Streifen gar nicht abgeben, beschränkt sich meistens auf Stereotype. Hinzu kommt eine ungewohnte Geradlinigkeit, Parallelhandlungen oder Zeitsprünge gibt es im Vergleich zu Tarantinos anderen Filmen fast gar nicht.

Umso erfreulicher, dass Django Unchained trotz seiner Überlange die meiste Zeit über verdammt gut unterhält. Vor allem für Cineasten ist der Neowestern ein großes Fest, hat der eigenwillige Regisseur und Drehbuchautor doch auch dieses Mal unzählige Anspielungen eingebaut. Doch auch für Nichtkenner hat die Geschichte der zwei ungleichen Partner eine Menge zu bieten – zumindest wenn man völlig überzogenen Humor mag.

Wie immer ist nämlich auch bei Tarantinos letztem vieles absurd und over the top, stellenweise wirkt Django Unchained mehr wie eine Parodie. Das gilt gerade für den glänzend aufgelegten Christoph Waltz, dessen Rolle zwar seiner in Inglourious Basterds recht ähnlich ist: wortgewandt, höflich, etwas steif und vollkommen übertrieben. Doch was dort funktioniert hat, tut es hier erst recht, weshalb der Oscar als beste Nebenrolle nicht wirklich überraschend kam. Wenn überhaupt, überrascht eher die Entscheidung, ihn als Nebenrolle zu nominieren, ist er doch über zwei Stunden vor der Kamera zu sehen. Insgesamt steht das starbesetzte Ensemble – inklusive Gastauftritt des Original-Djangos Franco Nero – auf der Plusseite.Django Unchained Szene 2

Kritischer ist der für Tarantino typische Einsatz deutlicher Gewaltszenen, gerade in Verbindung mit den komischen Szenen. Natürlich ist es das, was man von dem Regisseur inzwischen erwartet. Aber genau das ist auch das Problem: Während zu Beginn noch genügend originelle Einfälle mit der Gewalt einhergehen, beschränkt sich der obligatorische Showdown auf übertriebenes Gemetzel. Fans werden ihre helle Freude haben, wenn Leute meterweit durch die Luft fliegen, nachdem sie erschossen wurden, bei anderen könnten sich aber Ermüdungserscheinungen einstellen. Persönlich fand ich das Finale viel zu lang und musterhaft und damit etwas langweilig. Auch wenn es zu seinen Filmen dazugehört, wäre es daher nett, Tarantino würde auch hier mal seine Kreativität unter Beweis stellen und sich was Neues einfallen lassen. Doch trotz der Längen kann sich der Film sehr gut sehen lassen, was auch an den sehr schönen Bildern liegt. Ein Tipp: Django Unchained am besten im Original anschauen, dort kommt der fette Südstaatendialekt noch mal besser.

Fazit: Das Sklavenszenario ist neu, der Inhalt ist es nicht – Django Unchained ist ein typischer Tarantino: humorvoll, gewalttätig, voller Filmzitate und überzogen. Für Fans ist das neueste Werk des Regisseurs deshalb ein Fest, aber auch der Rest sollte, trotz der Vorhersehbarkeit und gewisser Längen, eine Menge Spaß haben.

Wertung: 8 von 10

Django Unchained ist seit 23. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich

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DVD

Tai Chi Zero

Komödie, Martial Arts , geschriebenam 24 Mai, 2013 von Keine Kommentare

( „Tai Chi Zero“ directed by Stephen Fung, 2012)

Tai Chi ZeroOkay, es hilft ja nichts: Auch der größte Martial-Arts-Fan wird zugeben müssen, dass das Genre hierzulande quasi tot ist. Die Zeit, in der ein Jackie Chan noch Massen ins Kino gelockt hat, sind dann doch ein bis zwei Jahrzehnte her. Und auch das Revival der sogenannten Wuxia-Filme – fantastisch angehauchte, epische Schlachtengemälde wie Tiger & Dragon oder Hero – findet mittlerweile nur noch in den Asiaabteilungen der Videotheken statt. Wenn demnächst The Grandmaster im Kino startet ist das also eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Schade für Anhänger der grazilen Drahtseilluftkämpfe, aber nicht sonderlich verwunderlich, wenn größtenteils austauschbare Lookalikes das Genre bestimmen.

Diesen Vorwurf – das ganz vorweg – kann man Tai Chi Zero nur schwer machen. Andererseits ist der chinesische Streifen auch nur bedingt dem Genre zuzuordnen. Man hat vielmehr den Eindruck, als hätten Monty Python ein Beat-’em-up-Videospiel verfilmt. Wer mit der Erwartung an den Film geht, eine Aussage zu finden, einen tieferen Sinn oder überhaupt einen Sinn, dürfte sich schwer damit tun. Eine Handlung gibt es, allzu üppig fällt die aber nicht aus.

Tai Chi Zero Szene 1

Yang Lu Chan (Yuan Xiaochao) ist ein überaus talentierter Kämpfer mit einem kleinen körperlichen Handicap: eine Beule. Klar, Beulen hat eigentlich jeder, der einen Kampfsport ausübt. Aber Yangs Beule ist anders. Nicht nur, dass sie wie ein kleines Horn aussieht, sie verleiht ihm auch übermenschliche Kräfte, wenn jemand drauf haut. Das ist erst einmal nicht schlecht, hat aber den Nachteil, dass eben diese Beule früher oder später seinen Tod bedeutet. Die Lösung für sein Problem besteht darin, eine neue Kampfkunst zu lernen, die nicht auf bloße Kraft vertraut. Dummerweise wird die nur in einem kleinen entlegenen Dorf gelehrt, das Auswärtigen gegenüber nicht unbedingt freundlich gesinnt ist. Selbst die schöne Chen Yuniang (Angela Yeung Wing) ist für den Charme des Fremden nicht empfänglich, zieht Hiebe der Liebe vor. Erst als der frühere Einwohner Fang Zijing (Eddie Peng) sein Heimatdorf aus Rache dem Erdboden gleichmachen will, hat Yang die Gelegenheit zu beweisen, dass in ihm mehr steckt.

Mal abgesehen von der Beule also nichts, was Martial-Arts-Veteranen nicht schon woanders gesehen hätten; und vermutlich auch besser. Doch bei Tai Chi Zero kommt es weniger auf das „Was“, vielmehr auf das „Wie“ an – und da trumpft der Film mächtig auf. Das fängt schon bei der Musik an: Hard Rock, romantische Synthiemusik, dann wieder was Episches. Passt nicht? Passt nicht. Das gleiche gilt auch für den Inhalt, wenn auf eine Wassermelonenschlacht plötzlich der Angriff eines Riesenroboters folgt. Aber genau dieses wilde Zusammenwürfeln macht einen großen Teil des Charmes aus. Die Handlung mag vorhersehbar sein, die Ausarbeitung ist es nicht.Tai Chi Zero Szene 2

Ebenfalls witzig sind die vielen selbstironischen Szenen und Anspielungen. An allen Ecken und Enden tauchen typische Videospielelemente auf – Level 1, Energiebalken – und neue Figuren werden schon mal mit Verweisen eingeführt, in welchen Filmen die Schauspieler sonst so mitgemacht haben. Das ist absurd, albern aber eben auch ein großer Spaß. Gut ist der Film strenggenommen nicht, dafür fehlen neben der Handlung auch interessante Charaktere oder Spannung. Nicht einmal die Kämpfe an sich sind wirklich erwähnenswert. Wem diese Punkte wichtig sind, sollte lieber woanders sein Glück versuchen. Eingefleischte Martial-Arts-Anhänger müssen also auch weiterhin auf den nächsten Knaller warten. Wer sich jedoch mit der Idee eines gehaltlosen völlig überzogenen Genrevertreters anfreunden kann, den erwartet eine knallbunte, unterhaltsame und teilweise sehr sehenswerte Bilderflut. Aber auch einen der wohl dreistesten Cliffhanger aller Zeit. Ein Glück, dass der Nachfolger Tai Chi Hero schon im Sommer folgt.

Fazit: Eine tiefsinnige Handlung, komplexe Charaktere oder ausgefeilte Kampfchoreografien sucht man bei Tai Chi Zero vergebens. Dafür punktet der Martial-Arts-Film mit bewusst absurden Szenen, sehr viel Selbstironie und schönen Bildern.

Wertung: 7 von 10

Tai Chi Zero ist seit 24. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich

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Winterdieb

Drama, Filmtipp , geschriebenam 23 Mai, 2013 von Keine Kommentare

(„L’Enfant d’en Haut“ directed by Ursula Meier, 2012)

WinterdiebFast 40 Prozent in Italien und Portugal, über 50 in Spanien, sogar knapp 60 in Griechenland: Die riesige Welle an arbeitslosen Jugendlichen, die über Südeuropa hinwegspült, ist allseits bekannt. Dabei müssen wir gar nicht so weit schauen, das Elend ist oft viel näher, als wir ahnen. Manchmal versteckt sich Armut sogar genau da, wo wir sie am wenigsten erwarten: mitten unter den Reichen. Zumindest fällt Simon (Kacey Mottet Klein) nicht sonderlich auf, wenn er sich unter die wohlhabenden Touristen im Schweizer Skigebiet mischt. Warum auch? Der 12-Jährige ist freundlich, aufgeweckt, sympathisch. Ein netter Junge, der sich wie so viele andere am Wintersport erfreut und dabei schnell zu anderen Kontakte knüpft, etwa zur amerikanischen Besucherin Kristin (Gillian Anderson).

Was Kristin aber ebenso wenig wie alle andere ahnt, ist dass Simon gar nicht wegen des Sports da ist sondern wegen der Ausrüstung. Eben die klaut er nichtsahnenden Touristen, um sie anschließend an andere weiterzuverkaufen. Nicht weil Simon gierig ist, neue Markenklamotten oder Videospiele will. Nahrung ist es, was er will. Toilettenpapier. Die einfachen alltäglichen Dinge, die für andere ganz normal, für ihn und seine Schwester Louise (Léa Seydoux) aber unerschwinglich sind. Gemeinsam leben sie in einer kleinen Wohnung und müssen sich ohne Eltern durchs Leben schlagen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Immerhin sind Simons Raubtouren recht erfolgreich, so erfolgreich dass er mit dem Küchengehilfen Mike (Martin Compston) regelmäßig Geschäfte macht. Doch auf Dauer kann das Ganze natürlich nicht gutgehen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Katastrophe eintritt.Winterdieb Szene 1

Ein kleiner Junge, der stehlen muss, um zu überleben – da liegt ein Angriff auf die Tränendrüse nahe. Umso erstaunlicher, dass der Film völlig ohne Kitsch oder Sentimentalität auskommt. Traurig? Ja, das ist er. Aber Winterdieb verströmt eine andere Form von Traurigkeit. Nicht die, die uns im Kino schluchzend zum Taschentuch greifen lässt. Eher die, die uns befällt, wenn wir an Obdachlosen vorbeilaufen, an Krüppeln, Totkranken, und lieber schnell in eine andere Richtung schauen. Dabei ist es gar nicht mal die drohende Armut, die zu Herzen geht, denn dafür geht es Simon und Louise – noch – zu gut. Erschreckender ist vielmehr die Beziehung zwischen den beiden. Der Junge sehnt sich nach nichts mehr als der Zuneigung seiner großen Schwester. Nach Anerkennung. Doch Louise bleibt meist reserviert, will oder kann keine Gefühle für ihn zeigen – so wie sie auch sonst recht wenig in ihrem Leben auf die Reihe bekommt.

Diese Geschichte um emotionale Kälte und Armut inmitten der glitzernden und oberflächlichen Skiwelt der High Society spielen zu lassen, verstärkt die Wirkung noch weiter. Ein bleischweres Drama wie etwa Gnade kürzlich ist der Schweizer Film trotz der eisigen Umgebung aber nicht geworden. Oft genug scheint auch Humor durch, der jedoch ebenso leise ausfällt wie die traurigen Szenen. Alltagsmomente, gerade zwischen den einzelnen Protagonisten, unspektakulär aber eben witzig. Und authentisch. Das ist natürlich vor allem ein Verdienst der Schauspieler, die den an und für sich banalen Szenen sehr viel Leben und Persönlichkeit einhauchen. Léa Seydoux, die schon in einigen großen Hollywoodfilmen zu sehen war (u.a. Inglourious Basterds und Mission: Impossible – Phantom Protokoll) überzeugt als depressiv veranlagte Louise. Glanzpunkt von Winterdieb ist aber Newcomer Kacey Mottet Klein als schlitzohriger und doch sympathischer Simon, der die Rolle des Erwachsenen übernehmen muss, weil es sonst niemand tut.Winterdieb Szene 2

Aber auch Ursula Meier konnte hier beweisen, dass ihr viel gelobter Debütfilm Home kein einmaliger Treffer war. Ein Massenpublikum wird die Schweizer Regisseurin mit Winterdieb zwar eher nicht erreichen, dafür ist der Film letztendlich zu unspektakulär, weshalb er letztes Jahr auch größtenteils ignoriert wurde, als er in die Kinos kam. Wer aber leise Alltagsgeschichten zu schätzen weiß, sollte sich davon nicht abhalten lassen, denn er würde einen wirklich gut gemachten Vertreter verpassen. Und einen, der jetzt schon neugierig macht, was Meier in Zukunft sonst noch so auf die Leinwand bringt.

Fazit: Mit Winterdieb ist der Schweizer Regisseurin Ursula Meier ein sehr gutes Zweitlingswerk geglückt. Das leise Drama um einen stehlenden Jungen ist einfühlsam, authentisch und überzeugt durch seine zwei talentierten Hauptdarsteller.

Wertung: 8 von 10

Winterdieb ist seit 24. Mai auf DVD erhältlich

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