(„Top Girl oder la déformation professionelle“ directed by Tatjana Turanskyj, 2014)

Top Girl DVD

„Top Girl oder la déformation professionelle“ erscheint am 24. März auf DVD

Eigentlich würde die 29-jährige alleinerziehende Mutter Helena (Julia Hummer) lieber hauptberuflich als Schauspielerin arbeite. Aufgrund des ausbleibenden Erfolgs verdient sie sich derweilen als Prostituierte das notwendige Geld und darf zumindest dort ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Bei ihren Kunden kommt sie durch diese Extradienste gut an, ihre Mutter (Susanne Bredehöft) jedoch, die als Gesangslehrerin arbeitet, ist nur wenig von Helenas Nebenberuf angetan.

Prostituierte sind vom Leben getriebene, die aus der puren Not heraus oder auf Druck von außen ihren Körper verkaufen. Oder: Prostituierte sind selbstbestimmte Frauen, die sich die sexuelle Abhängigkeit anderer zunutze machen und damit Macht über sie ausüben. Zwischen diesen beiden Extremansichten schwanken Diskussionen über das für und wieder des ältesten Gewerbes der Welt immer wieder. In ihrem Drama Top Girl oder la déformation professionelle zeigt Tatjana Turanskyj nun einen Mittelweg zwischen Verdammnis und Verklärung, folgt einer Protagonistin, die ihre Tätigkeit weder wirklich tun muss noch will.

Ein bisschen befremdlich ist es dann schon, mit welcher offensichtlichen Gleichgültigkeit Helena hier zur Sache geht. Und auch von Kundenseite aus hält sich die persönliche Hingabe zurück. Wenn hier Frauen zur Erfüllung der Begierden bestellt werden, dann wirkt das so, als würde da jemand einen neuen Staubsauger kaufen oder einmal gebratene Nudeln mit Hühnchen beim Asiaimbiss zum Mitnehmen ordern. Dieser ernüchternde Blick, frei von Sentimentalität oder großen Momenten, ist einer der beiden Punkte, die Top Girl oder la déformation professionelle interessant machen. Hier gibt es keine große Romantik, nicht einmal eine echte Leidenschaft. Sex, das ist hier in erster Linie eine notwendige Tätigkeit. Wie Abwasch.

Der andere Punkt betrifft das Thema Macht und Selbstbestimmung. „Wer zahlt, schafft an“, lautet eine beliebte Redewendung, wenn es um die Beziehung von Geld und Macht geht. Insofern ist die Rollenverteilung bei gekauftem Sex eigentlich klar. Und doch ist das hier oft ein wenig diffus. Was ist mit den Männern, die erniedrigt werden wollen, genau dafür Geld ausgeben? Kann man gleichzeitig Macht ausüben und sich anderen unterwerfen? Überhaupt sind die Männer hier die interessanteren Figuren mit ihren eigenartigen Vorstellungen und Wünschen.

Gleichzeitig sind die immer wieder auftauchenden kurioseren Elemente aber auch eine Schwachstelle des Films, da sie dem nüchternen Blick im Wege stehen. Was als Dokumentarfilm ein interessanter Beitrag zur Debatte hätte werden können, wird hier oft unnötig künstlich. Spätestens bei der doch sehr skurrilen „Performance“ zum Schluss überdeckt der schrille Unterhaltungsfaktor das Beschreibende, Top Girl oder la déformation professionelle wird zu einer Farce. Amüsant vielleicht, authentisch eher weniger. Aber auch die weniger gelungenen Schauspielerleistungen tragen dazu bei, dass man dem Film vieles oft nicht abnimmt, man nie den Eindruck hat, realen Personen zuzusehen. Wer das nicht braucht, sondern einfach nur amüsant-provozierende Szenen will, könnte damit glücklich werden. Irgendwie ist das Drama am Ende aber einfach unbefriedigend, manchmal auch recht langweilig.

Top Girl oder la déformation professionelle
Der Alltag einer Prostituierten wird hier mal bemerkenswert nüchtern, dann wieder zu grotesk gezeigt. Das passt nicht ganz zusammen, ist oft auch einfach zu schlecht gespielt, um als tatsächliche Geschichte zu funktionieren.
5von 10

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