Paranoia Agent
© Satoshi Kon • MADHOUSE / PARANOIA AGENT COMMITTEE
Paranoia Agent
„Paranoia Agent“ ist seit 29. Januar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Wer unser fortlaufendes Animationsspecial von Anfang an verfolgt hat, der dürfte dem Namen Satoshi Kon bereits mehrfach über den Weg gelaufen sein. Und auch Teil 92 ist dem Ausnahmeregisseur gewidmet, der hier zeigte, dass er im Serienformat nicht minder ungewöhnliche Geschichten zu erzählen hat.

Eigentlich erlangte Tsukiko Sagi durch ihre Erfindung der süßen Hundefigur Mamori Bekanntheit. Doch es ist etwas sehr viel weniger Schönes, wodurch die junge Designerin in der letzten Zeit zu einem Dauerthema im Fernsehen geworden ist: Ein kleiner Junge mit goldenen Rollerblades und einer roten Kappe soll sie mit einem Baseballschläger brutal niedergeschlagen haben. Zwar kommt Sagi glimpflich davon, von dem Täter fehlt jedoch jede Spur. War das Ganze vielleicht doch nur Einbildung? Zumindest die beiden mit dem Fall beauftragten Polizisten Keiichi Ikari und Mitsuhiro Maniwa haben da so ihre Zweifel. Bis immer mehr Menschen diesen Überfällen zum Opfer fallen. Aber warum diese? Und was beabsichtigt der als Shounen Bat bekannte Junge eigentlich?

Alte Ideen wiederaufgreifen, die man zuvor in anderen Werken nicht untergebracht, das weckt jetzt vielleicht nicht die allerhöchsten Erwartungen, klingt ein bisschen so wie Resteessen. Wenn es dabei aber um Satoshi Kon geht, der zuvor mit einer Reihe bemerkenswerter Filme auf Anhieb den Sprung in den Animeolymp geschafft hatte, dann durfte man schon neugierig sein, was er in seiner ersten Serie so abliefern würde. Wer das restliche Werk des Japaners kennt, dem wird hier auch vieles sehr vertraut vorkommen. Tatsächlich ist Paranoia Agent eine Art Best of, vereint vieles von dem, was die Vorgänger bereits ausgezeichnet hatte.

Der naheliegendste Vergleich ist natürlich zu Kons Debüt Perfect Blue, zum einen weil beide im Thrillergenre angesiedelt sind, es um mysteriöse Angriffe geht, die gelöst werden müssen. Aber auch die psychischen Störungen der meisten Protagonisten, die Realitätsverluste und befremdliche Medienerscheinungen und Idolisierungen – dort war es eine Popsängerin, hier ein gezeichneter Hund – eint die beiden Werke. Die häufigen Flashbacks und die Verschmelzungen von Zeitebenen kennt man von seinem Meisterwerk Millennium Actress, der gelegentliche Humor und die skurrilen Figuren könnten auch aus Tokyo Godfathers stammen. Dass Paranoia Agent verworfene Elemente dieser drei zuvor erschienenen Filme enthält, das ist unverkennbar. Aber auch Kons Hang zum Bizarr-Surrealen, welchen er in Paprika zwei Jahre später auslebte, klingt hier beispielsweise in den zuweilen verzerrten Gesichtern schon durch.

Die üblichen Stärken Kons zeichnen also auch seinen Serienausflug aus, funktionieren jede für sich nach wie vor ziemlich gut. Nur die Kombination all dieser Elemente, die ist nicht ganz so rund geworden. So besteht die erste Hälfte von Paranoia Agent aus einer recht gradlinigen Erzählung: Die Episoden handeln von Einzelfiguren, die allesamt aus unterschiedlichen Gründen mit ihrem Leben hadern, nur um am Ende von Shounen Bat angegriffen zu werden. In der zweiten Hälfte verliert die Geschichte dann jedoch ihren Fokus. Der Angreifer an sich wird relativ unwichtig, stattdessen rücken Personen in den Mittelpunkt, die mit dem brutalen Jugendlichen nur am Rande zu tun haben. Das erinnert am ehesten noch an Boogiepop Phantom: In beiden Fällen ist es nicht die Handlung, die alles bestimmt, sondern ein Thema, in welches zahlreiche Leute verwickelt sind.

Da auch die Stimmung von Paranoia Agent nicht einheitlich ist, mal auf Spannung, dann auf Humor gesetzt wird, der anfangs realistische Erzählstil später komplett über Bord geworfen wird, wird nie so ganz klar, was die Serie eigentlich sein will. Ob hinter der Ansammlung von Ideen auch ein durchgängiges Konzept steckt. Abwechslungsreich ist das unbestritten, auch dank der zahlreichen Wendungen, faszinierend sowieso, da hier ein ganzes Füllhorn an interessanten Persönlichkeiten und Geschichten ausgeschüttet wird, über die es sich manchmal auch nachzudenken lohnt. Aber es ist eben auch ein wenig unbefriedigend, durch das Fehlen echter Protagonisten fühlt man hier nie so stark mit, wie man es ansonsten von Satoshi Kon gewohnt war.

Auch optisch gibt es – wie man es bei einer Serie erwarten muss – nicht die von den Filmen gewohnte Finesse. Auf einem guten Niveau ist die Zusammenarbeit mit Kons Stammstudio Madhouse (The Tatami Galaxy, The Irregular at Magic High School) aber sicherlich, besticht erneut durch die üblichen realistischen Designs, zum Ende hin wird es sogar ein wenig experimentell, vereint mehrere Stile auf einmal. Sehenswert ist Paranoia Agent also auf jeden Fall, weshalb es ein Segen ist, dass die Serie nach mehreren Verschiebungen endlich als Gesamtausgabe vorliegt. Und selbst wenn sie nicht die eigenen Bestmarken des Regisseurs erreicht – was außer ihm aber ohnehin nur wenige geschafft haben –, erinnert sie doch daran, wie groß der Verlust war, als das Ausnahmetalent 2010 im Alter von nur 46 Jahren verstarb.



(Anzeige)

„Paranoia Agent“ vereint viele Elemente und Stärken von Satoshi Kons Filmen wie interessante Figuren, das Spiel mit Wahrnehmungen und eine nichtlineare Erzählweise. Im Serienformat funktioniert das aber insgesamt weniger gut, da dem Psychothriller ein durchgehendes Konzept fehlt.
7
von 10