(„Stonehearst Asylum“ directed by Brad Anderson, 2014)

Stonehearst Asylum

„Stonehearst Asylum“ ist seit 30. Januar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Sehr einladend ist der Eindruck der psychiatrischen Anstalt Stonehearst ja nicht, als an Weihnachten 1899 der Psychologe Edward Newgate (Jim Sturgess) vor den Toren steht. Das Gebäude ist düster, das Empfangskomitee mürrisch, die Behandlungsmethoden des Leiters Dr. Lamb (Ben Kingsley) höchst unorthodox. Doch ein Umkehren kommt nicht in Frage, spätestens dann nicht, als Newgate der schönen und mysteriösen Patientin Eliza Graves (Kate Beckinsale) begegnet. Was sie an diesem grausigen Ort zu suchen hat, ist jedoch nicht das einzige Geheimnis, wie der junge Arzt feststellen muss. Denn im Keller begegnet er einem Gefangenen (Michael Caine), der von sich behauptet, Dr. Salt zu sein – der eigentliche Leiter von Stonehearst.

Zeitgleich mit The Immigrant erscheint ein weiterer Film direkt auf DVD, der vor Stars geradezu überquillt, und es dennoch nicht bis in die Kinos geschafft hat. Mehr noch als beim Einwanderungsdrama dürfte dies hier jedoch dem wenig massenkompatiblen Inhalt geschuldet sein. Ein Film, der knapp zwei Stunden in den Mauern einer Irrenanstalt spielt, wer möchte das wirklich sehen? Wäre Stonehearst Asylum eindeutig im Horrorgenre angesiedelt, enthielte grausige Folter- oder Splatterszenen, das Zielpublikum wäre schnell gefunden. Doch darum geht es hier eben nicht, dafür ist der Thriller zu zurückhaltend, zu nachdenklich und auch zu altmodisch.

Eine wirkliche Überraschung sind die letzten beiden Punkte nicht, schließlich stammt die literarische Vorlage von Edgar Allen Poe. Als der amerikanische Autor 1845 seine Kurzgeschichte „Das System des Dr. Teer und Professor Feder“ veröffentlichte, ging es ihm nicht ausschließlich darum, seine Leserschaft mit einer seiner üblichen düsteren Gruselmärchen zu erfreuen. Vielmehr bezog der Schriftsteller eindeutig Stellung zu einem gesellschaftlich umstrittenen Thema: Wie sollen wir mit geistig Kranken umgehen? Seinerzeit hielt sich die Akzeptanz noch sehr in Grenzen, sie wurden weggesperrt, wie Gefangene behandelt, mussten sich teils grausigen „Behandlungen“ unterziehen. Der Film hält sich zwar nur rudimentär an das Original, nimmt aber den Grundgedanken auf und zwingt den Zuschauer, sich damit auseinanderzusetzen.

Was bei Stonehearst Asylum wie ein herkömmlicher Thriller beginnt, nimmt dadurch zunehmend dramatische Elemente mit sich auf. Wer ist gut, wer ist böse? Was ist richtig, was falsch? Wo hört der alltägliche Wahnsinn auf, wo beginnt die Krankheit? Keine dieser Fragen ist hier am Ende wirklich beantwortet, mit der Zeit verschwimmen die Grenzen, das abgründige Schwarz weicht einem nicht minder unangenehmen Grau. Spannend ist das zweifelsfrei, zumal der Film zwischenzeitlich mehrere Haken schlägt, nur vielleicht nicht in dem Sinne, den so mancher erhofft.

Regisseur Brad Anderson hatte zuvor schon in Filmen wie Transsiberian und The Call gezeigt, dass er aus sehr begrenzten Schauplätzen eine Menge herauszuholen versteht. Und so auch hier: Immer wieder schleichen sich bizarre Szenen in den Anstaltsalltag, später kommen verstörende, fast schon körperlich schmerzhafte Momente hinzu. Was jedoch ein wenig fehlt, ist der eigentliche Thrill eines Thrillers. Immer wieder wird die Lebensgefahr für Dr. Newgate betont, so ganz auf den Zuschauer übertragen will sich die Drohkulisse jedoch nicht. Aber auch wenn Stonehearst Asylum der große Nervenkitzel abgeht, die labyrinthartige Anstalt verströmt eine schaurig-schöne Atmosphäre, welche den Film für alle Liebhaber klassischen Gruselkinos zu einer lohnenswerten Erfahrung macht.

Stonehearst Asylum
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Stonehearst Asylum
Endstation Irrenanstalt: „Stonehearst Asylum“ verbindet einen wendungsreichen Thriller mit allgemeinen Fragen zum Umgang mit geistig Kranken. Die Spannung hätte insgesamt höher sein dürfen, dafür ist der Schauplatz stimmungsvoll und die Geschichte erstaunlich differenziert.
7von 10

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