Zero Dark Thirty

Zero Dark Thirty

(„Zero Dark Thirty“ directed by Kathryn Bigelow, 2012)

Zero Dark ThirtyWie weit dürfen wir gehen, um das Böse zu bekämpfen? Nach Tödliches Kommando – The Hurt Locker wendet sich Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow ein zweites Mal der hässlichen Seite der amerikanischen Kriegsführung zu. Was damals der Irakkrieg, ist bei Zero Dark Thirty der Kampf gegen den Terror. Wir schreiben das Jahr 2003 und die CIA-Analytikerin Maya (Jessica Chastain) wurde gerade nach Pakistan versetzt, um von dort aus Osama bin Laden aufzuspüren. Noch immer sitzt das Trauma von 9/11 tief in der amerikanischen Seele. Entsprechend viel ist dem Geheimdienst daran gelegen, den Hassfeind Nummer eins endlich zu fassen und unschädlich zu machen.

Maya hat dabei ähnlich wenig Skrupel wie ihre Kollegen. Zunächst schaut sie noch unangenehm berührt weg, wenn Dan (Jason Clarke) per Waterboarding-Methode Informationen aus seinem Gefangenen herauspressen will, ihn nackt auszieht und ihm ein Hundehalsband umlegt. Gerade im ersten Drittel werden die bestialischen Foltermethoden und Demütigungen der USA überraschend explizit gezeigt. Das ist besonders deshalb wirkungsvoll, weil nur kurz darauf ein Video mit Barrack Obama im Hintergrund läuft, der beteuert, in den USA würde nicht gefoltert – ein recht deutlicher Verweis, wie sehr moralischer Führungsanspruch und barbarische Realität manchmal auseinanderklaffen.Zero Dark Thirty Szene 1

Auch später heiligt der Zweck die Mittel – so sehr, bis die Grenzen zwischen gut und böse verschwimmen und wir nicht mehr wissen, welche Seite die menschenverachtendere ist. Beispielsweise wird Osama bin Laden von den Agenten und Soldaten längst nicht mehr als Rechtsperson wahrgenommen; was nach außen – aber auch nach innen – hin als Gerechtigkeit und Einsatz für den Weltfrieden verkauft wurde, ist im Grunde nicht mehr als eine Exekution. Bigelow selbst enthält sich hierbei jeglicher Wertung, lässt lieber die Taten für sich sprechen. Das ist unbequem, sogar verstörend, aber in seiner Mischung aus Fiktivem und realen Aufnahmen auch geschickt gemacht.

Das Besondere an Zero Dark Thirty ist auch, dass die Amerikaner hier nicht als strahlende Helden dargestellt werden, allenfalls als gebrochene. So ist es etwa wahnsinnig schwierig, für den sadistischen Dan Sympathien zu entwickeln, bis sich irgendwann zeigt, dass dieser sehr viel mehr mit seiner Aufgabe hadert, als er zugeben mag. Beeindruckend ist aber vor allem Chastain als paranoide Maya, deren Besessenheit im weiteren Verlauf keine Grenzen oder Unrechtsbewusstsein mehr kennt und die sich komplett in ihrer Aufgabe verliert. Freunde hat sie keine, nur Kollegen, eine Beziehung erst recht nicht. Wenn sie am Ende – und wie es ausgeht, wissen wir ja alle schon aus den Nachrichten, die damals um die Welt gingen – ihre Aufgabe erfüllt hat und bin Laden tot ist, bleibt sie letztendlich genauso ratlos und leer zurück wie ihr Land, wie wir. Und was jetzt?Zero Dark Thirty Szene 2

Ein richtiges Psychogramm will Zero Dark Thirty aber auch nicht sein, dafür wird dann doch zu sehr an der Oberfläche gekratzt. Hintergründe zu den einzelnen Figuren werden keine geliefert; wie sie zu dem werden konnten, was sie sind, erfahren wir also nicht. Dennoch ist diese psychologische Komponente eine interessante Erweiterung eines Thrillers, der aufgrund der bekannten Handlung zwangsläufig wenig überraschend, aber sehr gut in Szene gesetzt ist. Gerade die Actionszenen sind zwar auffallend spärlich, dafür aber überzeugend, später sogar richtig spannend ausgefallen. Ob man diese Spannung aber genießen kann, hängt davon ab, wie sehr man diese „unmoralische“ Herangehensweise an ein Thema erträgt, das man so genau vielleicht gar nicht kennen wollte.



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Zero Dark Thirty verknüpft fiktive mit wahren Elementen zu einem unangenehmen Porträt ohne strahlende Helden über die Jagd nach Osama bin Laden. Gerade die Folterszenen sind intensiv und verstörend, zumal sich Regisseurin Kathryn Bigelow jeglicher Wertung enthält. Die psychologischen Komponenten sind zwar eher oberflächlich, aber eine interessante Erweiterung des gut inszenierten und spannenden Thrillers.
7
von 10