Das Todesspiel

Das Todesspiel

(„Le jeu de la mort“ directed by Thomas Bornot, Gilles Armado, Alain-Michel Blanc, 2010)

Erinnern Sie sich an den zornigen Propheten in Sidney Lumets ätzender Mediensatire Network? Der zornige Prophet, der es schafft, dass die Zuschauer ihre Fenster aufreißen um all ihre angestaute Wut in die finstere Nacht schreien? Am Ende wird der Prophet von Auftragskillern vor laufenden Kameras erschossen. Wie korrupt ist die Medienlandschaft? Welche Macht hat das Fernsehen mittlerweile – über 30 Jahre sind seit Network vergangen – erlangt und was sagt dies über uns, die willigen, neugierigen Zuschauer aus? Die Macher der aktuellen Dokumentation Das Todesspiel – reißerisch aufgemacht in blutrotem Cover mit schmerzverzerrtem Gesicht des Hauptdarstellers – haben dazu eine interessante Berechnung angestellt: 11 Jahre unseres Lebens verbringen wir durchschnittlich vor dem Fernseher. Dies sind zwei Jahre mehr, als jene, die wir auf der Arbeit verbringen. Die liebste Beschäftigung der Bevölkerung – lediglich vom Schlafen auf Platz 2 verdrängt – besteht daraus, auf einen viereckigen Kasten zu starren, um unterhalten zu werden. Dies gibt dem Fernsehen eine nicht zu unterschätzende Macht, die keine Grenzen kennt. Davon erzählt die Dokumentation Das Todesspiel.

Hierbei handelt es sich um eine leicht veränderte, erweiterte Version des legendär gewordenen Milgram-Experiments. Forscher Stanley Milgram lud in den 50er Jahren Testpersonen dazu ein, ihrem Gegenüber – einem engagierten Schauspieler – vorgegebene Fragen zu stellen. Wurden diese Fragen falsch beantwortet, so durften die Testpersonen ihrem Opfer Stromschläge verpassen. Knapp 60% dieser Testpersonen gingen bis zum Äußersten, indem sie sich bereitwillig zeigten, ihrem Gegenüber lebensgefährliche Schläge zu verpassen. Sie beugten sich der Autorität, indem sie, ohne sich zu wehren, das taten, was ihnen aufgetragen wurde. Ein französisches Team von Wissenschaftlern wiederholte dieses Experiment nun. Unter dem Vorwand, eine Fernsehshow mit dem Titel Die Extrem-Zone zu inszenieren, wählten sie 80 Testpersonen aus, die vor laufenden Kameras, den Augen einer eingeweihten Moderatorin und einem unwissenden, der Testperson anfeuernden Publikum einem engagierten Schauspieler Stromstöße bis zu 460 Volt zu verabreichen, sollte dieser eine ihm gestellte Frage falsch beantworten. Die Prozentzahl derjenigen, die sich der Autorität beugten, sollte dabei jeden Wissenschaftler erschrecken.

Nun kann man als kritischer Zuschauer diskutieren, ob es nicht ebenso verwerflich ist, die folternden Testperson einem Publikum öffentlichkeitswirksam zur Schau zu stellen und vorzuführen, wie es in dieser Dokumentation in ausführlicher Art und Weise getan wurde. Ist nicht genau das ebenso verwerflich, wie die Bereitschaft der angestachelten Täter, welche ironischerweise hier die eigentlichen Opfer sind, ihrem Gegenüber Schmerzen zuzufügen? Der Film behandelt weniger die Macht der Medien und ihren nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihre Konsumenten, sondern legt einen Schwerpunkt auf unsere Beziehung zu Autoritäten; weshalb sind wir bereit, uns über unser eigenes Moralempfinden hinwegzusetzen und blind den Befehlen eines Mitmenschen zu gehorchen? Das Todesspiel greift in dieser Hinsicht etwas kurz und geht wenig in die Tiefe. Unsere Erziehung, das Auferlegen von Regeln von Erwachsenen, spiele dabei die Hauptrolle, heißt es, während ein wesentlicher Punkt unbeachtet bleibt, der dem Fernsehen überhaupt erst die Macht gibt, die es schamlos auszunutzen scheint: der Zuschauer konsumiert diese Sendungen, anstatt wegzusehen. Weshalb weiden wir uns an dem Leid anderer Menschen? Das Todesspiel kann diesen Aspekt nicht zufriedenstellend beantworten, stattdessen ergehen sich die Macher darin, die Testpersonen, länger als es nötig gewesen wäre, bei Gehorsam, Zögern und Widerstand zu beobachten.

Was eine interessante Dokumentation über die zunehmende moralische Verwahrlosung der Fernsehkultur – angerissen anhand von Jackass und japanischen Spiele-Shows – hätte werden können, bleibt so eine leider recht oberflächliche, wenn auch im Fazit nicht uninteressante, pseudo-wissenschaftliche Auseinandersetzung, als habe man Angst, den Zuschauer mit analytischer Tiefe zu langweilen. Ich halte dies für den falschen Ansatz für eine im Kern hochinteressante Analyse einer sich kontinuierlich verändernden Medienlandschaft.

Das Todesspiel erscheint am 18. Mai auf DVD



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