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Frau zu verschenken

geschrieben von am 3 März, 2011 Drama, Filmtipp, Komödie, Romanze Keine Kommentare

(“Préparez vos mouchoirs”, directed by Bertrand Blier, 1978)

An einer Stelle sagt der eigentliche Held dieses Films, ein 13-jähriger, etwas Interessantes. Er habe es satt, ein Kind zu sein, da er nicht länger wolle, dass Andere über ihn bestimmen. Das Kind ist weniger er, sondern Solange (Carole Laure), denn sie kann kaum anders, als ihr Leben von zwei Männern bestimmen zu lassen, die es eigentlich nur gut mit ihr meinen. Alles beginnt an einem Sonntagmittag in einem Pariser Restaurant und ein harmloser Gang zum Mittagessen soll sich bald ausweiten zu mehreren Vorfällen, die die Leben mehrerer Menschen radikal auf den Kopf stellen sollen. Drei Menschen sind an diesem Sonntag in dem Restaurant. Solange und ihr Mann Raoul (Gérard Depardieu) sitzen gemeinsam an einem Tisch, als Raoul der Kragen platzt. Seine Frau kotze ihn an, so sagt er, doch er liebe sie. Seit mehreren Wochen hat Solange kaum noch Appetit, sie hat keine Hobbys und ihre Lebensfreude ist wie weggeblasen. Raoul macht sich Sorgen, denn seine Frau ist todunglücklich. Es muss an ihm liegen, denkt er sich und es quält ihn, die Frau, die er liebt, leiden zu sehen. Deshalb sagt er zu sich, derjenige, der seine Frau zum Lachen bringe, gehöre ihr. An einem weiteren Tisch nicht weit entfernt erspäht Raoul einen jungen Mann, der zu Solange hinüberschaut. Dieser Mann ist, wie sich bald herausstellen wird, Stéphane (Patrick Dewaere), ein Sportlehrer, der nur an diesem Wochenende in Paris ist. Stéphane wird von Raoul dazu aufgefordert, ein paar Stunden mit Solange in einem Hotelzimmer zu verbringen. Er soll sie glücklich machen. Nach langem Zögern geht Stéphane darauf ein und Solange scheint nichts dagegen zuhaben, ebenso wenig wie Raoul, doch weder die Frau, noch die beiden Männer werden dadurch glücklich, obwohl sich Stéphane in Solange verliebt und auch diese Gefühle für den neuen Freund entwickelt hat. Doch an dem Gemütszustand von ihr ändert sich auch nichts, als sie in die Wohnung von Stéphane einzieht, der sich unterdessen mit Raoul angefreundet hat. Gemeinsam schmieden die beiden Männer Pläne, wie man Solange ihre Lebensfreude wieder schenken könnte und letztendlich ist es ein Nachbar (Michel Serrault), der die Idee hat, mit der sich alles ändern soll. Da Solange keine Kinder bekommen kann und darunter sehr zu leiden scheint, empfiehlt er den drei Liebenden eine Tätigkeit als Leiter bei einer Ferien-Freizeit inmitten von pubertierenden Jungs. Diese Therapie schlägt tatsächlich an, denn dort lernen sie Christian (Riton Liebman) kennen, einen aufgeweckten 13-jährigen mit einem überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten. Solange empfindet schnell Sympathie für den Jungen, der von den anderen Kindern gehänselt und gedemütigt wird. Aus Mitleid lässt Solange Christian in ihrem Bett übernachten. Ein Abend mit fatalen Folgen…

Préparez vos mouchoirs“ ist eine bitterböse, sarkastische und durch und durch ätzende Satire auf die Aufklärungswelle, die in den 60er Jahren begann und die Experimente mit offenen Beziehungen, die diese nach sich zog. Dass man diesen Film nicht allzu ernst nehmen sollte, suggeriert bereits der französische Originaltitel „Holt eure Taschentücher heraus“, als handele es sich hier um ein sentimentales Drama, das die Zuschauer zu Tränen rühren wird. Stattdessen ist dies eine überaus originelle, erfrischende und zugleich komische wie auch berührende Parodie auf den Umgang mit Beziehungen, was bereits zu Anfang deutlich wird, indem Raoul seiner Frau liebevoll klarmacht, dass sie ihn ankotze, er sie aber abgöttisch liebe – so sehr, dass ihm ihr eigenes Glück wichtiger ist als sein eigenes, sodass er nur allzu gerne dazu bereit ist, seine Frau an denjenigen zu verschenken, der Solange dieses wertvolle Lächeln schenken kann. Doch dazu ist kein Erwachsener in der Lage, auch nicht der Intellektuelle Stéphane, sondern erst der kleine Christian, der sich nachts von Solange aufklären lässt. Es ist in der Tat ein sehr skurriler Film, in dem zahlreiche Details versteckt sind, von denen einige mehr, andere weniger offensichtlich sind. Sofort auffallend ist z.B. auch die bösartige Kritik am Spießbürgertum – nicht nur bzgl. der Eltern Christians, die als gefühlskalte Bestien dargestellt werden, sondern auch in Form von Stéphane, dessen Wohnung aus einem einzigen Raum besteht, in dem an zwei Wänden eine komplette Taschenbuchsammlung, bestehend aus 5.000 Bänden steht. Stéphane steht auch dazu, nur Mozart zu hören – ein Komponist, der in diesem Werk eine gewichtige Rolle spielt und so mutet auch die mit einem César ausgezeichnete Filmmusik von Georges Delerue stark klassizistisch an.

Originell ist auch, dass Bertrand Blier seinen Film konsequent gegen die Erwartungen der Zuschauer gebügelt hat und seinem Konzept treu folgt. Die Liebe einer erwachsenen Frau zu einem Minderjährigen ist in der Filmgeschichte oft behandelt worden, doch wahrscheinlich nie auf eine Art und Weise wie hier, denn – ganz abgesehen von der ausführlichen Vorgeschichte – ist Christian weit davon entfernt, der typische Jugendliche zu sein, der in solchen Filmen porträtiert wird und in den sich eine Frau verlieben kann. Er ist „uncool“, sieht nicht besonders gut aus, hat dafür aber einen hohen Intelligenzquotienten und vermag es, Solange zum Lachen zu bringen. Dafür darf er eines Nachts den weiblichen Körper entdecken und in diesen Szenen zeigt sich die Klasse dieses Werks, das immerhin einen Oscar als bester ausländischer Film erhielt. Denn gerade in diesen heiklen Szenen driftet der Film nicht ins Lächerliche ab oder versucht komisch zu sein. Stattdessen schafft er das, was bei einem derartigen Thema nur wenigen gelingt – er ist emotional und sehr berührend. Solange wird für ihre Zuneigung, die sie empfindet, nicht verurteilt – ebenso wenig Christian als einsamer und unglücklicher Junge, als einziger Mensch, der ihr ein Lachen schenken kann. Zwei unglückliche Menschen, die ihr Glück in ihrer Zweisamkeit finden; dass dies in erster Linie vom Zuschauer in Anbetracht des Altersunterschiedes akzeptiert wird, liegt vor allem an der unspektakulären Herangehensweise des Regisseurs, der respektvoll mit diesen zwei Figuren umzugehen versteht.

Frau zu verschenken“ erhebt insgesamt allerdings niemals Anspruch auf Glaubwürdigkeit, sondern zieht großes Vergnügen aus seinem Anarchismus, aus der Skurrilität und dem Surrealismus. Eine hervorragende Satire – originell, amüsant, berührend, ätzend und immer unterhaltsam.

Anmerkung: Dieser Film ist in Deutschland bislang (Stand: Februar 2011) noch nicht auf DVD erschienen.

Wertung: 5 von 5

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