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My Son, My Son What Have Ye Done

geschrieben von am 17 November, 2010 Drama, Filmtipp 4 Kommentare

(„My Son, My Son What Have Ye Done“ directed by Werner Herzog, 2009)

Was passiert wenn David Lynch zur Narrenfreiheit aufruft?
Werner Herzog ließ sich diese gesuchte und schließlich erhaltene Chance nicht entgehen, kapselte sich gemeinsam mit Herbert Golder – mit dem er übrigens schon bei Rescue Dawn zusammenarbeitete – irgendwo auf dem österreichischen Land ab und schrieb binnen kurzer Zeit das Drehbuch.
Basierend auf der ursprünglichen Idee von Golder die tragische Geschichte des Mörders Mark Yavorsky als Fundament für eine Erzählung über Wahnsinn und Chaos  zu nutzen, schafften die beiden einen interessanten Kunstfilm der sich in Herzogs sonst schon formidablen Galerie nahtlos einreiht.

Michael Shannon, der schon in Bad Lieutenant zu sehen war, bekam die Hauptrolle zugesprochen und soll hier als Brad McCullum die emsig gesammelten Dokumente über Yavorsky in einem optisch leicht wiedererkennbaren Herzog-Universum darstellen. Mal abgesehen von den vielen visuellen wie narrativen Spielereien, bildet die Mordtat von McCullum den Grundkern der Geschichte und kann relativ schnell wiedergegeben werden.
Als Detective Havenhurst (Willem Dafoe) und sein unerfahrener Kollege Vargas (Michael Peña) den Tatort irgendwo in Sand Diego erreichen ist es schon längst zu spät. Brad hat seine Mutter im Nachbarshaus mit einem Schwert erschlagen. Bei der Mordwaffe handelt es sich um eine Theaterrequisite, die er selbst bei einem Stück benutzte als er unter der Regie von Lee Myers (Udo Kier) als Orestes (aus der griechischen Mythologie) seine…nunja, Mutter erschlagen musste.

Dies ist wohl die markanteste Parallele zu Yavorksys Verbrechen, für den Rest nahm man sich genügend Freiheiten um über Alles und Nichts zu erzählen.
So geht es in My Son, My Son What Have Ye Done neben Theater und Architektur, eingestreuten Bibelzitaten oder Lebensweisheiten unter anderem auch um Tiere. Die Flamingos, oder wie Brad sie im Film gerne nennt, „die tuntigen Adler“, zeigte uns Herzog bereits in Bad Lieutenant und auf der Straußfarm begegnen wir einen alten Bekannten, nämlich Brad Dourif, der sich in The Wild Blue Yonder als Alien beweisen durfte. Vielleicht gehe ich hier zu weit, doch als wir erfahren, dass der Bauer vor den Riesenvögel einfache Hühner hielt, kam mir sofort Herzogs Stroszek in den Sinn.
Einige Szenen wurden übrigens an denselben Orten in Peru wo auch gut 40 Jahre vorher Aguirre – Der Zorn Gottes gedreht wurde aufgenommen.

Um einen weiteren Kreis zu schließen: Mama McCullum wird von einer grandiosen Grace Zabriskie gespielt, die mir schon in Lynchs Inland Empire Gänsehaut bereitete. Ohne viele Worte zu verlieren, sondern alleine mit ihrer minimalistischen aber äußerst effektiven Gestik, erschafft sie eine unheimliche Aura um sich. Sie braucht sich vor dem restlichen, durchaus namhaften Cast (Chloë Sevigny wurde übrigens in diesen Zusammenhang noch nicht genannt) überhaupt nicht zu verstecken.

Einen nicht unwichtigen Part spielt auch die Filmmusik von Ernst Reijseger, die neben den oben angesprochen Themen sozusagen nochmals eine eigene Topik im Film darstellt und dank eines winzigen Cameo-Auftritts des Musikers auch bildlich direkt ins Geschehen eingreift.

Am Ende der 90 Minuten Laufzweit wurde ich gut bis sehr gut unterhalten, ein gewisses Faible für diese Art von Film sollte man aber auf alle Fälle mitbringen. In Zeiten in denen kurzweile Blockbuster die Kinosäle dominieren ist dies wohl eher nicht der Normalfall, weshalb es auch nicht verwundert dass My Son, My SonWhat Have Ye Done in Deutschland nur den Weg ins Heimkino gefunden hat. Das DVD-Release präsentiert sich übrigens recht unspektakulär was das Bonusmaterial angeht. Das ca. 30minütge Featurette ist dafür aber interessant und absolut sehenswert. Ansonsten kann Bild und Ton überzeugen und lässt keine Wünsche offen.
Am Ende überwiegt aber sowieso das Bedürfnis den Film (irgendwann) mal wieder anzuschauen um ihn dann womöglich aus einer ganz andere Perspektive neu zu entdecken.

 

My Son, My Son What Have Ye Done erscheint am 18.11 auf Blu Ray und DVD


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4 Kommentare zu “My Son, My Son What Have Ye Done”

  1. Ijon Tichy sagt:

    Schöne Besprechung, dem kann ich nur zustimmen ;-J

    Danke auch für deinen Verweis auf STROSZEK, den ich mir unbedingt mal anschauen muss ;-J

    Mir hat die Kombination Lynch/Herzog einfach nur Spaß gemacht. Allein schon wegen den vielen satirischen Seitenhieben auf das Genre sind das Geld wert.

    Auf Herzog ist halt Verlass. Es ist beeindruckend, was der Wahl-Ami in seinem Spätwerk noch abliefert.

    Da kann man blind jeden Film kaufen und wird i.d.R. nie enttäuscht: stets bekommt man innovative Kost.

    In seiner US-Phase (die ich ab RESCUE DAWN datieren würde) hat er sich auf das Genrekino eingeschossen, jedoch lotet er dabei immer neue Grenzen aus.

    Hoffentlich kommen noch viele weitere Filme des Altmeisters!

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  2. Malone sagt:

    Bitte, was ist daran besonders, ein oft dagewesenes Thema ohne jede Unterhaltsamkeit darzustellen? Bescheuerte Typen, die ohne jeden Spannungsbogen anderthalb Stunden Film mit ihrem Schwachsinn zuquatschen. Na super. Wenn der Film nicht von Herzog wäre, hätten sich vielleicht mehr Kritiker getraut zu schreiben, was hier wirklich vorliegt: antiquierte vorsätzliche Langeweile.

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  3. Candide sagt:

    Es geht hier nicht um ein “oft dagewesenes” Thema und auch nicht darum irgendwelche Spannung zu erleben, sondern darum wie Herzog das Ganze präsentiert. Im Gegensatz zum zeitlich nahe gelegenen Rescue Dawn spielt er hier ganz nach seinen bzw. keinen Regeln. In Bad Lieutenant lies er diese Tendenz bereits wieder aufblitzen, hier geht aber ganz klar nochmals einen Schritt weiter.

    Wenn der Film nicht von Herzog wäre, dann wäre er am Ende nicht so geworden wie er ist Punkt. Ob die Figuren nun Quatsch erzählen oder sich aber tatsächlich ein Sinn daraus ergibt lliegt letztendlich wohl im Auge des Betrachters. Soweit ich mich erinnere, hatte Herzog nie das Bedürfnis seine Filme zu erklären und somit seinen Werken ihren Interpretationsraum zu nehmen.

    My Son, My Son What Have Ye Done ist wie geschrieben ein Kunstfilm und will auch so verstanden werden. Kunstfilm heißt nun nicht notwendigerweise Meisterwerk, aber auch sicher nicht Blockbuster. Eine knappe und leicht verständliche Story – damit das Publikum sonst den Faden oder das Interesse verliert – viel Action zur “Entspannung” oder zum “Spannungsaufbau” – damit keine Langeweile entsteht – ist hier einfach nicht nötig.

    Warum nun nicht mehr Kritiker diesen Film zerrissen haben (hab übrigens keinen Überblick darüber, ich traue einfach mal blind Deinen Worten) liegt wohl nicht nur am Namen des Regisseurs, denn dieser wurde mit sehr, sehr ähnlichen Stilmitteln und spannungsloseren Filmen – nicht umsonst mein Verweis auf seine früheren Werke – bereits viel, viel früher als er weitaus unbekannter war gelobt

    Die angesprochene Langeweile kann ich verstehen, schließlich ist dies Deine Empfindung und das ist auch ok, aber glaubst Du im Ernst Herzog wollte hier vorsätzlich seine Zuschauer quälen? ;-) Antiquiert mag in Deinen Augen wohl auch stimmen, schließlich sind neuzeitliche Filme ja furchtbar schnell und hektisch (wer hat denn schon Zeit?). Ich hingegen finde Herzog hat sich über die Jahre stets weiterentwickelt und somit wirkt der Film auf mich frisch und keineswegs angestaubt. Er mag oft an alte Gewohnheiten festhalten, doch er erfindet seinen persönlichen Stil immer wieder neu.

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  4. Malone sagt:

    Danke für die ausführliche Antwort. Aber was war das denn anderes als “Eine knappe und leicht verständliche Story”? Ein Typ mit einer irren Mutter wird irre und hängt mit Irren rum, die auch alle zu doof sind ihn zum Doc zu schleppen und sich auch sonst reichlich dämlich verhalten – was für mich impliziert, dass ich mich mit keiner Figur identifizieren kann. Dann tickt er ganz aus und nimmt – wie unvorhersehbar – zwei Flamingos als Geiseln. Punkt. Kunstfilm ist ja gut und schön, aber ist das jetzt eine eigene Kategorie, an die man andere Maßstäbe anlegt als an “U-Filme”? Für mich fehlt daran fast alles, was sonst einen guten Film ausmacht: dass er mich wie auch immer fesselt. Sowas kann Aliens, Zwei glorreiche Halunken, Magnolia, Nachtblende auf jeweils ganz unterschiedliche Weise. Auch Herzog selbst hat das mit seinen Kinski-Filmen oder Rescue Dawn und Bad Lieutenant (köstlich!) geschafft. Das “antiquiert” bezog sich dementsprechend auch auf Herzogs ältere Filme, deren Stil nicht neu hätte aufgelegt werden müssen. “Experimentell” war damals ja ok, aber wenn Galileo noch vierzig Jahre später eine Kugel die schiefe Ebene herunterrollen lässt, dann fehlt dem Experimentellen irgendwann das Originelle. In meinen Augen ist der Film keine Weiterentwicklung sondern eine Regression. Ich bin ernsthaft überzeugt, dass der Film bei den Kritikern erheblich schlechter abgeschnitten hätte, wenn nicht Herzog oder Lynch darauf stünde.

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