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A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm

geschrieben von am 21 Oktober, 2009 Animation/Trickfilm, Drama, Drogen, Science Fiction 6 Kommentare

(„A Scanner Darkly“ directed by Richard Linklater, 2006)

Entgegen den Werken des Science-Fiction-Kultautors Philip K. Dick – die bekanntesten Verfilmungen: „Blade Runner“ (Ridley Scott), „Total Recall“ (Paul Verhoeven), „Paycheck“ (John Woo), „Minority Report“ (Steven Spielberg) – handelt es sich bei „A Scanner Darkly“ um ein Drogen-Drama, das nur minimalistische Science-Fiction-Elemente beinhaltet. Richard Linklater verfährt bei dieser Dick-Adaption mit einer Mischung aus realer und animierter Filmtechnik. Der Film spielt wie der Roman in den Vereinigten Staaten in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind zu einem Überwachungsstaat mutiert, in dem die Drogenprobleme auszuufern drohen. Robert Arctor – kurz Bob – (Keanu Reeves) ermittelt als verdeckter Agent „Fred“ im Drogenmilieu, um die Droge „Substanz T“ zu bekämpfen. Seine Identität wird in der Polizeizentrale durch einen sogenannten „Jedermann-Anzug“ geheim gehalten. Dieser technisch hoch versierte Anzug verändert fortlaufend das Äußere des Trägers sowie dessen Stimme. Inzwischen selbst süchtig, haust Arctor gemeinsam mit seinen Hausgenossen James Barris (Robert Downey Jr.) und Ernie Luckman (Woody Harrelson) in einem heruntergekommenen Haus. Bobs Freundin Donna Hawthrone (Winona Ryder) ist eine Drogenhändlerin, über die Bob an die „großen Fische“ im Drogengeschäft herankommen will. Doch Bobs Psyche leidet immer mehr unter der Droge und dann wird auch noch sein Haus unter Observation gestellt.
Zunächst ist festzuhalten, dass die Story um Robert Arctor wohl als der persönlichste Roman von Dick zählt. Hier verarbeitet er mehr oder weniger autobiographische Erfahrungen. Deswegen hebt es sich auch von seinen anderen Arbeiten ab. Er selbst kommentiert „Der dunkle Schirm“ („A Scanner Darkly“) folgendermaßen:

Es brach mir das Herz, diesen Roman zu schreiben, es brach mir das Herz, ihn zu lesen. Die komischen Stellen, sind die komischsten, die ich je geschrieben habe, und die traurigen sind die traurigsten – und sie sind beide in ein und demselben Buch.

Der Film wiederum hält sich an die Vorlage, was ihm sehr gut tut. Linklater scheint die Atmosphäre der Vorlage mühelos in die Filmwelt zu übertragen. Nicht zuletzt glückt dies auch dank seiner unkonventionellen Filmtechnik (ausführlich siehe „Waking Life“). Erst werden alle Szenen mit Schauspielern abgedreht und hinterher künstlerisch gestaltet. Dadurch wirkt beispielsweise der „Jedermann-Anzug“ nicht lächerlich, wie es mit den üblichen Special-Effects gewiss passiert wäre, sondern fügt sich nahtlos in die Filmästhetik ein und wird dadurch überzeugend.
Der science-fiction-erprobte Keanu Reeves („Matrix“, „Constantine“) liefert mit Winona Ryder („Night on Earth“, „Reality Bites“) eine gute Leistung ab. Als herausragend müssen allerdings Robert Downey Jr. („Zodiac“, „Iron Man“) und Woody Harrelson („Larry Flint“, „No Country for Old Men“) genannt werden, die die durchgeknallten Figuren aus „Der dunkle Schirm“ mit all ihrem Können lebendig werden lassen.
Genrespezifisch handelt es sich bei „A Scanner Darkly“ um eine Dystopie, die, wie bereits angesprochen, wenig fiktionale Elemente aufweist. Wie in vielen Gegenutopien gibt es den zentralen Überwachungs- oder Polizeistaat. Eine weitere zentrale Institution ist der „Neue Pfad“, eine fanatische Sekte, die in der Story letztendlich eine Schlüsselrolle spielt. Hier unterscheiden sich Roman und Film von vielen Anti-Utopien. Denn in der Regel wird die Religion ausgemerzt („Wir“ von Jewgenji Samjatin; „1984“ von George Orwell) oder durch andere kollektive Rituale ersetzt („Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley). Ähnlich wie in seinem Roman „Blade Runner“ (orig. „Do Androids Dream of Electric Sheep?“) gibt es auch bei Dicks „Der dunkle Schirm“ aber weiterhin religiöse Institutionen, die sogar noch größeren Einfluss auf die Menschen haben.
Hinter dem Label „Warner Independent“ verstecken sich die Produzenten George Clooney und Steven Soderbergh, die mit Downey Jr. bereits bei „Good Night, And Good Luck“ zusammengearbeitet haben. Der Kreis schließt sich auch wieder, wenn man bedenkt, dass „Warner Independet“ Linklaters „Before Sunset“ produziert hat und Soderbergh in „Waking Life“ mitgewirkt hat. Insgesamt ist „A Scanner Darkly“ eine der wenigen gelungenen Romanadaptionen, die visuell erfrischend wirkt und dank Cast und Crew auf allen Gebieten ein rundes Ding abliefert. Neben formalen Ähnlichkeiten zu Linklaters „Waking Life“ weist der 96 minütige Film atmosphärische Parallelen zu Filmen von Terry Gilliam („Brazil“, „Fear and Loathing in Las Vegas“) auf.

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6 Kommentare zu “A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm”

  1. parker sagt:

    Ich hab den Film vor 2 Jahren mal mit einem Freund gesehn und wir fanden ihn beide unerträglich. Sowohl die verwendete Filmtechnik als auch der Plot waren zu verstörend um noch irgendwie ein “Filmerlebnis” erfahren zu können. Ich bin wirklich kein durchschnittlicher Blockbuster-Konsument aber A.S.D. war mir echt zu schräg.

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  2. bullion sagt:

    Schön geschrieben. Kann dem nur zustimmen. Mich hatte der Film damals auch tief beeindruckt und das obwohl ich die Vorlage nicht kenne. Sollte ich mir wohl einmal zulegen.

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  3. Ijon Tichy sagt:

    @parker
    Kann ich persönlich nicht nachvollziehen, weil ich 1. zuvor die Novelle gelesen hatte und deswegen der Plot klipp und klar für mich war und 2. die Ästhetik mir bereits aus “Waking Life” vertraut war, wodurch der Film auch visuell kein Problem für mich dargestellt hat – ganz im Gegenteil… Kann schon sein, dass andere ihn als schräg empfinden.

    @bullion
    Das Buch ist unbedingt zu empfehlen… ;)

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  4. Candide sagt:

    Hab ihn jetzt nachgeholt und kann “unerträglich” auch überhaupt nicht nachvollziehen.
    Die verwendete Animationstechnik schlug bei mir sofort ein wie eine Bombe und wie Ijon schreibt sind die Leistungen der Darsteller allesamt erste Sahne.

    Was im Review leider unterging ist der klasse Soundtrack von Graham Reynolds. Die von Radiohead-Mastermind Thom Yorke performten Songs geben der Atmosphäre einen Extratouch und passen perfekt zum Geschehen.

    Muss mir von Linklater auf jeden Fall mehr holen (und womöglich auch mal von Dick)!

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  5. Hab den Streifen letztens im Free-TV gesehen und fand ihn auch erste Sahne.
    Tolle Darsteller, guter Plot, abgefahrene Optik und Dialoge wie aus einem William S. Burroughs-Roman. Endlicher wieder ein origineller “Hollywood”-Film.

    Der Soundtrack war auch sehr stark. Thom Yorke bzw. Radiohead sind ja sowieso immer gut. Der Knaller war aber der “Scatterbrain”-Remix von Ausnahmekünstler Kieran “Four Tet” Hebden.
    Schade das die besten Songs nicht auf dem regulären O.S.T enthalten sind

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  6. Ijon Tichy sagt:

    Wie schon öfter habe ich den Soundtrack vergessen ;)
    Und in diesem Fall war das mehr als leichtsinnig!

    @Candide
    Falls es dich interessiert, ich habe Rezensionen über drei Dick-Romane geschrieben

    Der dunkle Schirm:
    http://buecher-science-fiction-klassiker.suite101.de/article.cfm/philip_k_dicks_der_dunkle_schirm

    Blade Runner:
    http://buecher-science-fiction-klassiker.suite101.de/article.cfm/philip_k_dicks_blade_runner

    Der unmögliche Planet:
    http://buecher-science-fiction-klassiker.suite101.de/article.cfm/philip_k_dicks_der_unmoegliche_planet

    @santini
    auch mich hat das alles stark an den Beatnik erinnert, worauf ich in der Literatur-Rezension auch verweise :)

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