(„Vivir la utopía. El anarquismo en Espana“ by Juan Gamero, 1997)

Vivir la utopia

„Anarchie?“ Diese ungläubige Frage dürften die meisten Menschen stellen, die mit dieser Form der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation in Berührung kommen. In den meisten Fällen wird dieser Begriff entweder mit bunthaarigen Jugendlichen am Bahnhof oder Bürgerkriegen in Afrika assoziiert. Wenn der Begriff etwas näher erläutert wurde, wird die Idee dann nicht selten als Utopie abgetan. Den wenigsten Menschen ist aber bekannt, dass diese Utopie bereits mehrfach in der Praxis erprobt wurde. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Spanien, v.a. zwischen 1936 und 1939, d.h. während der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Juan Gamero will mit seiner Dokumentation Die Utopie leben diesen spanischen Anarchismus den Menschen näher bringen.
Der Film beginnt mit den Wurzeln der Bewegung im 19. Jahrhundert und dem Einfluss der antiautoritären Theoretiker Bakunin und Kropotkin auf die ArbeiterInnenbewegung in Spanien. Anschließend verfolgt er die Entwicklung über die Gründung der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederación Nacional del Trabajo), die Militärdiktatur Primo de Riveras und die Ausrufung der Zweiten Spanischen Republik weiter bis zum Beginn des Bürgerkriegs. Dieser beginnt mit dem Putschversuch General Francos im Juli 1936, der u.a. in Barcelona von der antifaschistischen Koalition, v.a. aber von den selbstorganisierten ArbeiterInnen zurückgeschlagen wird. Auch der Verlauf des Krieges wird mitverfolgt, welcher schließlich drei Jahre später mit dem Sieg Francos über die antifaschistische Koalition, die durch interne Kämpfe geschwächt ist, endet.

Der Kampf war schon fast verloren. Wir waren auf dem Rückzug. Da erfuhren wir, dass Barcelona gefallen war. Mein Vater rief bei der CNT-FAI in Barcelona an und eine Stimme antwortete: „Viva España! Viva Franco!“ Das war wohl das einzige Mal, dass ich meinen Vater weinen sah.

Das Hauptaugenmerk des Films liegt jedoch auf den vielschichtigen Umwälzungen während dieser Zeit, welche auch als Spanische Revolution bezeichnet werden. Dabei kommen u.a. die von den AnarchosyndikalistInnen angeregten und durchgeführten Veränderungen in den Bereichen Bildung, Wirtschaft, politischer Organisation, Kultur, Feminismus, Militär u.a. zur Sprache. Und an dieser Stelle entfaltet auch der Titel der Dokumentation seine ganze Tragweite, denn es wurde begonnen, die oftmals als Utopie abgetanen Ideen in beeindruckender Art und Weise umzusetzen. Dass diese Umsetzung nicht gleich perfekt sein konnte und natürlich auch unter dem Kriegszustand zu leiden hatte, wird jedoch ebenso deutlich. Über den Fortgang dieser Umsetzungen nach dem Sieg Francos braucht wohl kein Wort verloren werden.
Der 96 Minuten dauernde Film Die Utopie Leben aus dem Jahr 1997 weist eine Reihe von erwähnenswerten Aspekten auf. Zunächst ist da natürlich der historisch-dokumentarische Charakter des Films, der in der Tat einen wenig bekannten Teil der europäischen Geschichte beleuchtet. Auch sind die Bild-, Film- und Tondokumente aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr sehens- und hörenswert und erlauben den Einblick in eine – zumindest in Europa – längst vergangene Welt. Die Gesichter der ausgezehrten Menschen, die Milizen auf den Straßen Barcelonas und die Bilder der vielen Zeitschriften und Plakate wissen zu beeindrucken. Vor allem aber sind es die Menschen, die Juan Gamero zu Wort kommen lässt, die dem Film seinen Charakter verleihen. Wenn diese alten Menschen von der Zeit vor und während des Bürgerkriegs, vor und während der Revolution erzählen, wird diese Zeit mit ihren Stimmen wieder lebendig. Und teilweise blitzt auch wieder ihr damaliger Idealismus auf, der die Grundlage der ganzen Ereignisse war (Einen Idealismus, wie ich ihn sonst nur von diesem alten Herren kenne.). Ebenso lebendig ist dann jedoch auch die Trauer und die Wehmut über die Niederlage.

Manchmal frage ich mich, ob es all das wert war: Den Schmerz, die Opfer, das Leid. Aber dann sage ich mir, dass wir der Welt eine Lektion erteilt haben. Denn wir haben bewiesen, dass man auch ohne eine Regierung leben kann. Die Kollektivbetriebe funktionierten; alles funktionierte auf der Grundlage des gegenseitigen Einverständnisses.

Immer wieder durch kurze Lieder von El Cabrero & Paco del Gastor unterbrochen ist Die Utopie leben daher ein für die politisch und geschichtlich interessierte Zuschauerschaft nur zu empfehlen. Dass der Blickwinkel und der Fokus auf der anarchistischen Bewegung liegt, ist nicht unbedingt eine Schwäche, sondern im Sinne einer pluralistischen Betrachtung der Geschichte durchaus zu begrüßen. Wer sich der Thematik lieber durch Spielfilme nähern oder die Dokumentation damit ergänzen möchte, sei an Land and Freedom von Ken Loach verwiesen oder auch einfach nur an den bekannten Streifen Pans Labyrinth von Guillermo del Toro, welcher in einer Anfangszene zwei Anarchisten zeigt und fünf Jahre nach dem Sieg der Truppen Francos spielt.

Die Utopie leben
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4 Responses

  1. Parker

    Woher bekomme ich den Film?

    Da reizt es mich fast eine Rezension über Che-Guerilla zu schreiben, den ich grade gesehn habe. Hat jemand Che-Revolution (1. Teil mit Benitio del Toro) gesehn?

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  2. Parker

    Danke für die Info. Die Doku lief also nur im Fernsehn, schade. Seh gern gute Dokus.

    Che-Revolution wollte zwar ein bisschen ausserhalb des Che-Markenkults bleiben, aber irgendwie hat er mich auch nicht so recht überzeugt.

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